Bildmontage: Depression und Herzkrank (Quelle: imago: Jochen Tack/Action Pictures)
Bild: imago: Jochen Tack/Action Pictures

Hintergrund zur Psychosomatik - 'Herzschmerz' - Psyche und Herz gemeinsam behandeln

"Das bricht mir das Herz" oder auch das Wort "Herzschmerz" zeigen schon: Seelische Belastung und Krankheiten des Herzens hängen zusammen. Wie man beides in der ärztliche Behandlung berücksichtigen kann, darüber spricht Prof. Dr. Christian Albus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Universität Köln im Interview.

Wie genau hängen Herz und Psyche zusammen?

Derzeit gehen wir davon aus dass sich beides – koronare Herzerkrankungen und Depressionen – gegenseitig begünstigen. Wenn Menschen eine depressive Erkrankung haben, ist ihr Risiko, eine koronare Herzerkrankung zu erleiden, fast doppelt so hoch, wie das von Menschen, die keine Depression haben.

Das liegt daran, dass Menschen mit einer Depression häufiger einen ungesunden Lebensstil pflegen, d.h. sie rauchen häufiger, sie bewegen sich weniger  und nehmen ihre Medikamente weniger gewissenhaft ein. Das alles wirkt sich auch negativ auf die Entstehung und den Verlauf einer koronaren Herzerkrankung aus. Zum anderen hat man festgestellt, dass Depressionen die Entzündungsneigung im Körper erhöhen. Und da man weiß, dass eine koronare Herzerkrankung im Kern eine Entzündung der Arterien ist, die die Herzkranzgefäße empfindlicher macht für das Einreißen an der oberen Schicht - wodurch ein Herzinfarkt entstehen kann - gibt es auch hier einen deutlichen Zusammenhang. Umgekehrt gilt aber auch: Patienten, die an einer koronaren Herzerkrankungen leiden, haben etwa doppelt so häufig eine Depression wie gesunde Menschen. Das liegt zum einen an der Belastung durch eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, zum anderen sind gerade Menschen, die wenig Unterstützung in ihrem sozialen Umfeld haben, besonders gefährdet für eine Depression.  Aus therapeutischer Sicht lohnt es sich also auf jeden Fall, beide Seiten zu betrachten.

Sie waren an einer Studie (SPIRR-CAD-Studie) beteiligt, bei der der Einfluss von psychotherapeutischer Behandlung auf die Gesundheit von Patienten mit koronarer Herzerkrankung untersucht wurde. Was war das für eine Studie?

Bei dieser Studie, die über rund fünf Jahre an zehn Standorten in Deutschland durchgeführt wurde, wurden 570 Patienten mit koronarer Herzerkrankung und leichten bis mittelschweren Depressionen in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt. Die so genannte Interventionsgruppe wurde kardiologisch behandelt und bekam zusätzlich drei psychotherapeutische Einzelsitzungen und nach Bedarf noch ein Jahr lang eine Gruppentherapie. Die so genannte Kontrollgruppe wurde ebenfalls kardiologisch behandelt, bekam aber nur eine kurze Beratung zur Bedeutung von psychosozialen Problemen bei der koronaren Herzerkrankung.

Und was ist bei der SPRIRR-CAD-Studie heraus gekommen?

Die Auswertung hat ergeben, dass, wenn man ungefiltert auf alle Patienten der Interventionsgruppe schaut,  diese Patienten am Ende der Studie nicht weniger depressiv waren als die in der Kontrollgruppe. Allerdings waren alle Patienten am Ende der Studie weniger depressiv als zu Beginn. Wir haben uns dann aber genauer angeschaut, ob bestimmte Patienten, stärker von einer psychotherapeutischen Behandlung  profitierten als andere. Und da hat sich herausgestellt, dass vor allem bei Patienten mit einem bestimmten Persönlichkeitsmuster, das man  als "Typ D-Muster" bezeichnet, die Psychotherapie wirksamer war, als bei Patienten, bei denen dieses Muster nicht vorliegt. Unter dem so genannten Typ D-Muster versteht man zum einen Menschen, die dazu neigen, häufiger  belastende Emotionen zu erleben. Das meint nicht nur Depressionen, sondern  auch innere Anspannung, Ängstlichkeit und Gereiztheit. Zum anderen besteht bei ihnen eine Unfähigkeit, sich anderen Menschen vertrauensvoll zuzuwenden. Bei diesen Patienten haben sich die Depressionen in der Interventionsgruppe gebessert, in der Kontrollgruppe dagegen verschlechtert. Es gab noch ein anderes interessantes Ergebnis: unter den Patienten, die neben der kardiologischen Therapie nur ein Beratungsgespräch geführt hatten, waren Patienten aus einigen Zentren weniger depressiv als aus anderen. Wir vermuten, dass dort das hausärztliche und psychotherapeutische Angebot für Herzpatienten so gut ist, dass es sogar eine intensive psychotherapeutische Behandlungsstrategie "geschlagen" hat.

Was für Schlüsse ziehen Sie aus den Ergebnissen der Studie?

Herzpatienten mit geringen oder auch mittelschweren Depressionen brauchen nicht unbedingt sofort eine spezifische Psychotherapie, wenn sie gut hausärztlich begleitet werden. Wichtig ist aber, dass die Depression ins Blickfeld genommen wird. Denn unabhängig von der Auswirkung auf die koronare Herzerkrankung beeinträchtigt eine Depression natürlich auch die Lebensqualität der Patienten. Ob eine gute Behandlung psychischer Symptome auch die Lebenszeit von Herzpatienten verlängert, können wir aus den vorliegenden Studien noch nicht eindeutig ableiten. Aus amerikanischen Studien wissen wir, dass vor allem ein Ansatz wirksam sein könnte, der dort als "Collaborative Care" bezeichnet wird, was man mit "gemeinsamer Versorgung" übersetzen kann. Dabei wird einem Herzpatienten mit einer Depression ein so genannter "Health Coach", ein "Gesundheitscoach" zur Seite gestellt. Dieser Coach lotst den Herzpatienten in Abstimmung mit dem Hausarzt durch das Gesundheitssystem und schaut, je nach den individuellen Bedürfnissen des Patienten, ob ihm z.B. eine Herzsportgruppe helfen könnte oder ob er eine Psychotherapie braucht. Dieser Coach sorgt also dafür, dass die Patienten alle für sie sinnvollen und verfügbaren Hilfsangebote auch nutzen. Und: er fragt auch ab, ob eventuell depressive Symptome vorliegen. So verhindert man, dass Depressionen bei Herzpatienten übersehen werden, wie das in Deutschland leider immer noch häufig der Fall ist. So einen Ansatz  würden wir gern auch in Deutschland einführen.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Albus.
Das Interview führte Ursula Stamm