Füße mit Hallux valgus Erkrankung (Quelle: imago/MasAnyanka)
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Erst Spreizfuß dann Ballenzeh - Hallux valgus - Was hilft?

Der Hallux valgus, auch Ballenzeh oder Überbein genannt, gehört zu den häufigsten Fußkrankheiten. Allein in Deutschland leiden zehn Millionen Menschen daran. Von zehn Betroffenen sind neun Frauen, einer ist ein Mann. Zunächst können Fußgymnastik, Schienen oder Einlagen helfen. Reichen diese konservativen Maßnahmen nicht, kann bei Beschwerden operiert werden.

Wir stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden, leben auf großem Fuß oder laufen uns die Füße wund. Der Volksmund kennt viele Redensarten, die sich um die Füße drehen – ein Indiz dafür, wie wichtig sie für uns sind. Im Laufe eines Lebens legen die Füße 160 000 Kilometer zurück, das entspricht vier Erdumrundungen. Tagtäglich verlangen wir von ihnen Höchstleistungen, oft, ohne besonders auf sie zu achten.

Erst Spreizfuß, dann Ballenzeh

Der Fuß ist aus 28 Knochen, etlichen Gelenken, Muskeln und mehr als 100 Bändern aufgebaut. Bänder, Sehnen und Muskeln spannen sich rund um den Fuß wie Rahmen und Streben eines Fensters. Lässt ihre Spannung nach, geht der Fuß in die Breite – es entsteht ein Spreizfuß. Nach und nach kann dann ein Hallux valgus entstehen, wie die schmerzhafte Fehlstellung des Großzehengrundgelenkes genannt wird. Dabei gerät das Gelenk aus seiner Längsachse und verschiebt sich mit der Zeit immer weiter nach außen. Der Vorfuß verbreitert sich, und der Ballen wölbt sich vor. Der große Zeh zeigt in die Richtung des kleinen Zehs, der erste Mittelfußknochen ist nach innen gerichtet. Der Zeh sitzt dadurch nicht mehr richtig in seinem Gelenk, es entwickelt sich eine Art knöcherner Auswuchs am Großzehengrundgelenk. In extremen Fällen liegt der schiefe Zeh im 90°-Winkel über die anderen Zehen.

Dauerhafte Fehlstellung mit Schmerzen

Ohne Behandlung und bei anhaltendem Druck auf den Zeh entwickelt sich eine dauerhafte Schieflage. Viele Menschen haben einen Hallux valgus, aber keine oder nur leichte Beschwerden. Bei anderen führt er zu Schmerzen und Druckstellen. Die Beschwerden können reichen von
• krampfartigen stechenden Schmerzen in Ruhe zu
• Laufproblemen selbst auf kürzesten Strecken oder
• Schmerzen durch die darunter liegenden entzündeten und geschwollenen Schleimbeutel.
Auch die Zehenhaut kann schmerzhaft gereizt sein.

Vererbt und falsches Schuhwerk

Der Ballenzeh ist häufig Veranlagung: Bis zu 60 Prozent der Betroffenen haben Familienangehörige, die ebenfalls unter der Fehlstellung der Zehen leiden. Großmutter, Mutter, Bruder – oft haben ganze Familien einen deformierten Großzeh. Ein erblicher Faktor, der eine wichtige Rolle spielt: Schwaches Bindegewebe, so dass Muskulatur und Knochen den Fuß nicht ausreichend stützen können. Übergewicht, rheumatoide Arthritis und Berufe, in denen Menschen viel stehen, können einen Hallux valgus begünstigen. Auch enge hohe Schuhe sind ein Risikofaktor für die schiefe Zehe. In Ländern, in denen die Leute vor allem Sandalen tragen oder viel barfuß gehen, sucht man die typische Fußfehlstellung vergeblich.

Geschlechterabhängige Auslöser

Die Risikofaktoren für den Ballenzeh scheinen sich zwischen Männer und Frauen dabei noch einmal zu unterscheiden. In einer Studie untersuchten US-amerikanische Forscher des Institute for Aging Research in Boston, USA, 600 männliche und weibliche Patienten. Hier waren vermehrt Frauen betroffen, die einen niedrigen Body-Mass-Index (BMI) hatten und hochhackiges Schuhwerk trugen. Betroffene Männer hingegen wiesen einen hohen BMI und Plattfüße auf. Diese Ergebnisse, so die Autoren, legen die Vermutung nahe, dass der Hallux valgus bei Männern und Frauen auf unterschiedliche Art und Weise entsteht.

Einfache Diagnose

Für die Diagnose reicht dem Orthopäden vor allem bei ausgeprägten Fällen der Blick auf den Zeh. Das Röntgenbild stellt klar, wie weit die Fehlstellung vorangeschritten und ob das Großzehengrundgelenk bereits arthrotisch verändert ist. Das ist häufiger als bei Gesunden, da sich das Gelenk durch die Fehlstellung schneller abnutzt. Mittels Tastuntersuchung, Ultraschall oder Druckmessung (Pedografie) untersuchen Fachleute, wie der Druck im Großzehengrundgelenk verteilt ist und wie weit Muskel-Sehnen-Züge aus ihrem natürlichen Gleichgewicht geraten sind. Dabei wird auch sichtbar, ob die Sesambeine, kleine Knöchelchen unter dem Gelenk, die Zehenbeugersehne überhaupt noch richtig führen können.
Der Hallux valgus wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt. Diese richten sich danach, in welchem Winkel der große Zeh und der Mittelfußknochen verbogen sind.

Frau mit Zehenspreizer Schiene (Quelle: imago/Jochen Tack)
Konservative Therapie

In leichten Fällen – und das sind die meisten – steht die Druckentlastung des Großzehenballens im Vordergrund der Therapie. Dafür hilft es, viel barfuß zu laufen, offene oder geweitete Schuhe zu tragen sowie ringförmige Schaumstoffpolster zu nutzen. Sie entlasten den Vorfuß und nehmen den Druck von dem deformierten Zeh. Nachts können Betroffene eine Hallux valgus-Schiene angelegen, die das weitere Abdriften des großen Zehs nach außen verhindert. Gezielte Übungen sollen die Fußmuskeln stärken und dehnen. Hilfsmittel und Übungen können den Hallux valgus allerdings nur lindern, gerade wird der Zeh davon nicht wieder. Die Fehlstellung muss per OP korrigiert werden, wenn der Zeh bereits zu stark verformt ist und starke Beschwerden wie Schmerzen oder Gehschwierigkeiten verursacht.

Lange Genesung nach Operation

In der Literatur sind mehr als 100 Varianten von Hallux valgus-Operationen beschrieben. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Den Zeh begradigen. Wann welches Verfahren infrage kommt, hängt unter anderem davon ab, wie stark der Ballenzeh ausgeprägt ist. Die Varianten reichen von der Entfernung des Knochenvorsprungs über die Umstellung (Osteotomie) des Mittelfußknochens bis hin zur Versteifungsoperation. Je nach Methode werden bei der Operation nicht nur die Knochen korrigiert, sondern auch Weichteile wie Sehnen, Muskeln und Schleimbeutel verändert.
 
Die Heilung ist langwierig und dauert im Normalfall sechs bis acht Wochen. Eine intensive Belastung des Fußes ist erst nach drei bis sechs Monaten möglich. Im Anschluss an die Operation trägt der Patient meist über mehrere Monate einen Spezial-Schuh, der den Zeh entlastet. Nach der Operation verhindert regelmäßige Physiotherapie, dass das Gelenk versteift.

Magnesium-Schrauben ersparen Zweit-OP

Bislang werden bei der OP vor allem Schrauben oder Drähte aus Titan oder Stahl verwendet, um die knöcherne Korrektur zu fixieren. Sie müssen nach einiger Zeit wieder entfernt werden. Immer mehr Operateure nutzen mittlerweile Magnesiumschrauben. Der Vorteil: Magnesium regt das Knochenwachstum an. Zudem löst sich die Schraube innerhalb von ein bis zwei Jahren auf und wird durch Knochen ersetzt, so dass sie nicht wieder entfernt werden müssen. Dem Patienten wird dadurch die zweite OP erspart. Außerdem sorgt Magnesium nur sehr selten für Allergien, so dass damit auch Patienten versorgt werden können, die allergisch auf Nickel und Titan reagieren.

Keine vorschnellen Eingriffe

Trotz dieser Fortschritte raten Experten erst dann zu einem korrigierenden Eingriff, wenn tatsächlich medizinische Beschwerden vorliegen – nicht aber bei rein kosmetischen Problemen oder kleineren Fehlstellungen. Zum einen, weil die Heilung langwierig ist, zum anderen, weil der Eingriff nicht immer die gewünschte Beschwerdefreiheit bringt – und durchaus Nebenwirkungen zur Folge haben kann.

Lieber vorbeugen

Besser als im Nachhinein therapeutisch einzugreifen ist es, einem Ballenzeh vorzubeugen: Schuhe mit stabiler Ferse, beweglichem Vorderfuß und einem nicht zu stark vorgeformten Fußbett sind am gesündesten. Experten raten außerdem dazu, mehr barfuß zu laufen: Die Reize aktivieren und stärken die Fußmuskulatur. Zusätzlich stabilisiert das nackte Laufen Sehnen und Bänder. Auch Laufen, Springen und Tanzen kräftigen Fasern, Sehnen und Bänder. Besonders effektiv ist Seilhüpfen als Kraft- und Geschicklichkeitstraining – idealerweise ohne Schuhe.

Infotext: Constanze Löffler

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