Mann fasst sich an schmerzendes Knie (Bild: imago/Panthermedia)
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- Schmerzen im Knie – was hilft?

Nicht nur Spritzen und Salben, auch Blutegel, Akkupunktur und Yoga können helfen, Schmerzen im Kniegelenk zu verbannen. Wann wem welche Therapie guttut, weiß die Expertin Dr. Susanne Nitschke vom Schmerzzentrum der Immanuel Klinik Rüdersdorf.

Fast jeder kennt ihn: Für die einen ist er seit langem ein treuer Begleiter, bei anderen schaut er nur selten vorbei – nach ausgedehnten Radtouren oder einem (Halb)Marathon zum Beispiel.

Frau Dr. Nitschke, bevor wir über chronische Schmerzen sprechen, wie werde ich einen akuten Knieschmerz schnell wieder los?

Akuter Knieschmerz tritt vor allem nach körperlicher Belastung auf, wie Sie sie ihn beschrieben haben. Wer einen Halbmarathon läuft, sollte seinem Körper danach ein paar Tage Ruhe gönnen, beziehungsweise als Ausgleich eine Sportart beitreiben, die die Kniegelenke schont – wie zum Beispiel Schwimmen. Prinzipiell ist es nie gut, in eine komplette Ruhesituation zu verfallen und sich gar nicht mehr zu bewegen.

Was kann ich unterstützend tun, um einen akuten Schmerz zu lindern?

Bei akuten Schmerzen gilt die PECH-Regel, die nahezu jeder ambitionierte Sportler kennt und die auch für den Laien sehr sinnvoll sein kann: Pause einlegen und auf Eis legen, also kühlen, Compression, sprich Verband oder Bandage zur Stabilisierung des Gelenks anlegen und das Bein hochlagern. 
 
Wem das nicht hilft, stellt sich häufig beim Allgemeinmediziner oder Orthopäden vor. Dann kann der Behandler nach dem Ausschluss ernster Verletzungen oder Gelenkdestruktionen mit den Wirkstoffen Diclofenac oder Ibuprofen arbeiten, sofern das kardiovaskuläre Risikoprofil es zulässt. Diese Wirkstoffe interagieren mit anderen Arzneistoffen und können beispielsweise die Herz schützende Wirkung von ASS mindern.

Welche Risikofaktoren können das sein und wie gehen Sie da vor?

Wenn man beispielsweise einen älteren Patienten behandelt, der unter Bluthochdruck leidet oder schon einmal einen Infarkt hatte, muss man mit diesen Medikamenten sehr vorsichtig sein. Dann würde man statt der oralen Einnahme eher einen Salbenverband mit den gleichen Medikamenten empfehlen.

Welche Erkrankungen sorgen am häufigsten für chronische Schmerzen im Knie?

Wenn es um chronifizierte Schmerzen geht, ist die Gonarthrose die häufigste Ursache, also der Verschleiß des Kniegelenkes. Gerade bei älteren Patienten können auch entzündliche Veränderungen dazukommen, beispielsweise im Rahmen der rheumatoiden Arthritis, es kann außerdem zu Meniskuseinrissen kommen oder zu Bandverletzungen.

Was könnte noch hinter Knieschmerzen stecken, mit dem man als Patientin oder Patient eher nicht rechnet?

Eine Fehlstatik kann auch für Knieschmerz sorgen. Soll heißen, dass das Problem sich durch einen Knieschmerz äußert, dass die Ursache aber zum Beispiel in der Hüfte liegt: Wenn man eine Abnutzung in der Hüfte hat, macht man Ausgleichsbewegungen, die sich dann irgendwann in Knieschmerzen äußern können.
 
Es kann auch Fuß-Deformitäten geben, die man in jungen Jahren lange Zeit gut kompensieren kann, wie eine X- oder O-Beinstellung oder ein Knick-, Senk-, Spreiz-, Plattfuß. Nicht zuletzt kann ein Knieschmerz seine Ursache auch in einer Rückenproblematik begründen, wie Bandscheibenvorfälle oder einer Enge des Wirbelkanals.

Das klingt nach Fällen für die Orthopädie...

Es ist meist so, dass sich Betroffene beim Hausarzt vorstellen und dann an einen Orthopäden überwiesen werden. Wir in der Schmerztherapie sehen die Patienten meist erst dann, wenn sie einen chronischen Knieschmerz haben, der schon längerfristig besteht. 

Wie gehen Sie in der Schmerztherapie vor, um chronische Knieschmerzen zu verjagen?

Bei chronischen Schmerzen wählen wir einen multimodalen Ansatz, da es nicht eine Therapieform gibt, die allein zielführend ist. So sehen wir das in der Praxis.
 
Zunächst ist der richtige Befund wichtig: Liegt da wirklich eine Abnutzung vor oder kommt die Problematik vom Rücken oder der Hüfte usw. Das Wichtigste ist zunächst, die Schmerzen zu lindern, um den Patienten in die Lage zu bringen physiktherapeutisch beübt werden zu können. Da kann man ähnliche Präparate für einen kurzen Zeitraum wählen wie beim akuten Knieschmerz, also Nicht-Opiodanalgetika. Wenn das nicht reicht, können auch kurzfristig stärkere Schmerzmedikamente zum Einsatz kommen. Danach ist die physiotherapeutische Übung das A und O, um die Muskulatur zu stärken, die das Knie umgibt. 
 
Dazu kann auch eine Vorstellung in der Orthopädietechnik gehören, um zu schauen, ob Einlagen sinnvoll sind. Oder sich das Gangbild des Patienten genau anzusehen und dazu Ratschläge zu geben und auch ihn dabei zu unterstützen, im Alltag seine Bewegung trotz Schmerzen durchzuführen. 

Das letzte geht schon in Richtung Lebensstiländerung: Jemanden, der sich kaum bewegt wieder mobilisieren und ermuntern mehr Bewegung in den Alltag zu bringen. Was können Patienten noch selbst zum Positiven verändern?

Gewichtsreduktion, das muss man ganz klar sagen. Die häufigste Ursache für einen arthrotischen Verschleiß ist Übergewicht. Schon das Abnehmen von wenigen Kilogramm hat bei übergewichtigen Patienten einen deutlichen Effekt auf die Schmerzintensität.
 
Eine Ernährungsumstellung kann dabei helfen, gleichzeitig mehr Bewegung. Viele chronische Schmerzpatienten bewegen sich aus Angst vor dem Schmerz, der durch die Bewegung initial oft stärker hervortritt, gar nicht mehr oder kaum noch. Das ist leider kontraproduktiv.

Falls diese Änderungen allein noch nicht den gewünschten Effekt haben, welche Therapien helfen außerdem gut?

Was die Lebensstiländerungen angeht, herrscht unter Expertinnen und Experten Einigkeit, das wird ganz klar empfohlen. 
 
Ansonsten haben mehrere Untersuchungen gezeigt, dass eine Serie von Akupunktur beim chronischen Knieschmerzpatienten doch zu einer deutlichen Schmerzlinderung führen kann. Natürlich gibt es auch gegenteilige Studien, die sagen, das bringt nichts. Aus unserer Erfahrung ist es schon ein sehr sinnvolles Verfahren und eine mögliche Option beim multimodalen Therapieansatz zur Behandlung chronischer Knieschmerzen.
 
Ähnliches gilt auch für die Blutegel-Therapie. Auch da sehen wir in der Kombination mit anderen Verfahren häufig Erfolg. Es funktioniert aber nicht so, dass man den 'Blutegel ansetzt' und der Patient ist dann schmerzfrei. Vor allem der erfolgreiche Einsatz von Egeln am Knie zur Linderung der Gelenkentzündung entspricht unserer klinischen Erfahrung. 

Wann kommen Spritzen mit Cortison oder Hyaluron zum Einsatz?

Diese Spritzen helfen vor allem bei Patienten, die unter chronischen Schmerzen leiden, die gerade wieder akut werden. Wenn man diesen Schmerz nicht anders eingefangen bekommt, kann über eine Injektion nachgedacht werden um die Schmerzpassage zu lindern, insofern eine Injektion für den Patienten vor dem Hintergrund seiner Vorerkrankungen geeignet ist. Allerdings ist die Dauer des Effektes, sowohl bei Hyaluron als auch bei Kortison nicht vorhersagbar. Daher sind Spritzen nie die alleinige Therapie.

Welche Rolle spielt die Erwartungshaltung von Patienten in der Schmerztherapie?

Die Behandlung des chronischen Knieschmerzes funktioniert leider nicht so, dass man zum Arzt geht, der gibt eine Tablette oder eine Spritze und dann ist alles wieder gut. Die Behandlung eines chronischen Schmerzes ist, wie seine Entstehung, eben langwierig und komplex. Schmerzfreiheit ist über kurzen Zeitraum nicht zu erwarten. Realistisch ist eine deutliche Verbesserung in einem Zeitrahmen beispielsweise im Rahmen einer multimodaler Schmerztherapie, wie wir das in einem Team aus erfahrenen Pflegekräften, Ärzten verschiedener Fachrichtungen, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergo- und Musiktherapeut auf der Station praktizieren. Man spricht von einer signifikanten Schmerzlinderung, also einem Therapieerfolg, wenn der Schmerz um 30 Prozent geringer ist. Das hört sich für viele Patienten vielleicht erstmal nicht viel an, ist aber häufig der Schritt in eine gute Richtung. Das Arbeiten an einer gewissen Schmerzakzeptanz ist daher auch wichtig.

Sie haben das Stichwort Akzeptanz genannt: Was können Patientinnen und Patienten tun, um besser mit ihren Schmerzen umgehen zu können?

Es ist für Patienten mit chronischen Schmerzen ganz besonders wichtig, dass sie lernen sich zu entspannen. Zum Beispiel mit Entspannungsverfahren und es gibt auch Yoga speziell für Schmerzpatienten, welches die Körperwahrnehmung günstig beeinflussen kann. Auch Achtsamkeit oder aber die Teilnahme an ambulanten psychotherapeutischen Schmerzgruppen kann zu einem besseren Schmerzumgang führen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Dr. Susanne Nitschke!
Das Interview führte Ariane Böhm.

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