Frau mit Schmerzen vor Tablettenregal (Bild: imago/Science Photo Library)
Bild: imago/Science Photo Library

Interview l Interdisziplinär gegen chronifizierten Schmerz - Schmerz: Gekommen um zu bleiben?

Der Schmerz geht weg, aber der Stolz bleibt – wahr für all diejenigen, die nach einem erfolgreichen Marathonlauf Schmerzen in Beinen und Füßen haben und in den Händen eine Medaille halten. Was aber, wenn der Schmerz bleibt und zu einem Dauerbegleiter wird? Das neue Projekt "PAIN2020" möchte einer Chronifizierung von Schmerzen zuvorkommen. Prof. Winfried Meißner erklärt wie.

Wer unter wiederkehrenden Schmerzen leidet, dem dürfte ein Wort besonderes Unbehagen bereiten: Chronifizierung – also wenn die Schmerzen von vorübergehenden zu dauerhaften Begleitern werden. Herr Prof. Meißner, was ist der Unterschied zwischen chronischen und chronifizierten Schmerzen?

Von chronischen Schmerzen spricht man, wenn es eine manifeste Ursache für die Schmerzen gibt, die aber nicht beseitigt werden kann. Patienten mit Rheuma oder Arthrose beispielsweise leiden im Alltag unter chronischen Schmerzen, die belastungsabhängig mal stärker und mal weniger stark auftreten.

Bei chronifizierten Schmerzen ist die Ursache für die Schmerzen häufig nicht mehr oder nicht mehr adäquat vorhanden. Das heißt, dass dort oft kein – im engeren Sinne – körperliches Problem gefunden werden kann, das die Schmerzen ausreichend erklärt. Einfach ausgedrückt ist das schmerzverarbeitende System überempfindlich geworden: es reagiert stark, selbst auf kleine Schmerzreize, mit denen man normalerweise gut zurechtkommen würde. Das führt dazu, dass Patienten dann sehr viel stärker leiden, als es sozusagen dem eigentlichen Auslöser entspricht.

Welche Patienten sind besonders gefährdet, chronifizierte Schmerzen zu entwickeln?

Es gibt eine ganze Reihe von Risikofaktoren, diese lassen sich auf drei Gebieten einordnen: körperlich oder biologisch, psychisch und sozial. Einige kann man verändern, andere nicht.

Zu den körperlichen Risikofaktoren gehören beispielsweise bestimmte genetische Varianten, die dazu führen, dass Medikamente bei einigen Patienten weniger gut oder bei anderen besser wirken – da fängt die Forschung gerade erst an.

Aber einige psychische und soziale Faktoren können bisweilen verändert werden - von Patienten selbst, aber auch von ihrer Umwelt. Wir wissen zum Beispiel, dass psychosoziale Belastungsfaktoren zu Chronifizierung führen können. Ein Beispiel: Unzufriedenheit am Arbeitsplatz.

Dauernde übermäßige körperliche oder auch psychische Belastung kann zu Chronifizierung führen, aber auch zu Verhaltensweisen die wir mit "Angst-Vermeidungsverhalten" bezeichnen: Vor lauter Angst, dass Bewegung Schmerzen verstärken könnte, bewegen sich solche Patienten dann gar nicht mehr – darunter leiden dann Muskulatur und Gelenke, die Schmerzen werden noch stärker, ein Teufelskreis.

Genau an solche Patientinnen und Patienten mit hohem Chronifizierungs-Risiko richtet sich "PAIN2020". Das ist ein neues, deutschlandweites Projekt der Deutschen Schmerzgesellschaft. Was sind die Ziele des Projekts und wie sollen diese erreicht werden?

Das Projekt möchte untersuchen, ob eine Chronifizierung durch eine frühzeitige interdisziplinäre und vernetze Untersuchung verhindert werden kann: Frühzeitiger als es im bisherigen Versorgungssystem möglich, sollen die Patienten einer kleinen Gruppe von Experten vorgestellt werden – sprich einem Arzt, einer Ärztin, einer Psychotherapeutin, einem Physiotherapeuten.

Diese suchen dann nach Chronifizierungs-Faktoren, jeweils aus ihrem Blickwinkel. Ihre jeweiligen Befunde diskutieren sie gemeinsam und schlagen dem Patienten anschließend entsprechende Maßnahmen vor, um eine Chronifizierung zu verhindern.

Das Angebot von "PAIN2020" ist somit frühzeitiger und niederschwelliger. Wir haben die Hoffnung, dass so mit weniger Aufwand und viel weniger intensiver Therapie eine Chronifizierung verhindert werden kann.

Zum Projekt gehört auf wissenschaftlicher Seite außerdem eine große Analyse, die die Patienten einige Zeit nachverfolgt und schaut, wie entwickelt sich die Schmerz-Karriere der Teilnehmer – hoffentlich nicht, hoffentlich werden sie schnell wieder gesund – und vergleicht das mit Patienten, die im normalen Versorgungssystem behandelt werden.

Sie haben das aktuelle Versorgungssystem angesprochen: Wird zur Zeit in der Schmerztherapie noch nicht ausreichend interdisziplinär gearbeitet?

Leider nein. Das Konzept der multimodalen Schmerztherapie ist natürlich nicht neu, das gibt es seit über 20 Jahren. Aber obwohl solche interdisziplinären Ansätze teilweise vorhanden sind, finden Patienten oft erst nach mehreren Jahren Schmerz-Karriere Zugang zu solchen diagnostischen und therapeutischen Angeboten – und das ist viel zu spät. Da sind die Patienten schon oft chronifiziert - bisweilen ist es sogar Voraussetzung, dass sie chronifiziert sind.

Die Angebote von PAIN2020 sind zudem niederschwelliger und flexibler: Die Behandlung lässt sich auch berufsbegleitend gestalten. Bei konventionellen Angeboten müssen Patienten sich häufig im Krankenhaus oder zumindest über drei bis vier Wochen in einer Tagesklinik behandeln lassen.

Im ambulanten Bereich ist es im aktuellen Abrechnungssystem nicht vorgesehen, dass sich drei Spezialisten jeder eine Stunde Zeit nehmen, mit dem Patienten sprechen, ihn untersuchen und sich danach noch einmal zusammensetzen und die Befunde besprechen. Das heißt: Die Experten können diese Leistung derzeit nicht abrechnen.

Inwieweit braucht es auch mehr geschlechterspezifische Schmerztherapien? Ich denke da zum Beispiel an Frauen, die unter Endometriose leiden.

Da sprechen Sie einen spannenden Punkt an. Zunächst einmal gibt es in vielen Gebieten keine großen Unterschiede bei chronischen Schmerzen zwischen Männern und Frauen: beispielsweise bei Abnutzungserscheinungen bei Arthrose. Andere Schmerzerkrankungen jedoch treten öfter bei Frauen, andere bei Männern auf.

Endometriose ist eine sehr beeinträchtigende Erkrankung, die meiner Meinung nach auch bisher deutlich unterschätzt wurde. Bei Endometriose gibt es, wie wir inzwischen wissen, eine körperliche Ursache, aber eben auch psychosoziale Belastungsfaktoren, die diese körperlichen Schmerzen massiv verstärken können. Auch hier gibt es demnächst einige Projekte, die erforschen wollen, wie sich solche Schmerzen entwickeln und wodurch sie chronifizieren. Hier wäre es zu wünschen, dass die Endometriose-Zentren, die in Deutschland im Moment an gynäkologischen Kliniken angesiedelt sind, zukünftig auch sehr viel stärker Schmerz-Experten in ihre Reihen aufnehmen.

Sie haben das letzte Wort: Was möchten Sie den rbb Praxis Leserinnen und Lesern noch mit auf den Weg geben?

Falls Sie zu denjenigen gehören, die über einen längeren Zeitraum von Wochen oder gar Monaten unter Schmerzen leiden, die sich nicht durch ein ursächliches Therapieverfahren bessern:
Fragen Sie Ihren Arzt, fragen Sie Ihre Ärztin, ob es in Ihrer Nähe beispielsweise eine Interdisziplinäre Schmerzkonferenz gibt, bei der chronische Schmerzpatienten vorgestellt werden – oder ob für Sie eine Teilnahme an PAIN2020 in Frage kommt.

Immer mehr Einrichtungen nehmen an dem Projekt teil und in einigen Fällen ist es durchaus möglich, auch als Versicherter einer anderen Krankenkasse, daran teilzunehmen.

Vielen Dank für das freundliche Gespräch, Herr Prof. Meißner.
Das Interview führte Ariane Böhm

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