Botoxinjektion (Quelle: imago/Science Photo Library)
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Therapie bei Kopfschmerzen - Botox gegen Migräne – gefährlich oder heilsam?

Botulinumtoxin A, besser bekannt als Botox, wird in besonders schweren Fällen chronischer Migräne eingesetzt. Die Injektion des Nervengifts in bestimmte Kopf- und Halsmuskeln kann helfen, Migräne vorzubeugen. Die Behandlung bringt aber auch Risiken mit sich. Dr. Lars Neeb vom Kopfschmerzzentrum der Charité Berlin erklärt, welche.

Herr Dr. Neeb, Botox ist vor allem als Mittel gegen Mimikfalten bekannt. Seit 2011 ist Botox auch für die Migräne-Therapie zugelassen – wie wird das Nervengift da eingesetzt?

Botox ist in der Therapie der chronischen Migräne prophylaktisch wirksam. Sprich, das Ziel ist es, damit die Attacken- beziehungsweise die Kopfschmerzfrequenz zu senken. Botox ist nur zur Behandlung der chronischen Migräne zugelassen und nur dann, wenn die Patienten auf orale prophylaktische Medikamente nicht ausreichend angesprochen oder diese nicht vertragen haben. Eine Migräne gilt dann als chronisch, wenn ein Patient an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leidet und davon an mindestens acht unter Migräne. Für die Therapie der episodischen Migräne ist Botox nicht zugelassen, da für diese Patientengruppe in Studien keine Wirksamkeit belegt werden konnte.

Für welche Patienten ist eine Behandlung mit Botox ungeeignet?

In bestimmten Fällen darf Botox nicht eingesetzt werden: beispielsweise, wenn der Patient an einer Erkrankung leidet, die die neuromuskuläre Übertragung beeinflusst, wie z.B. die Myasthenia gravis oder wenn der Patient eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber Botulinumtoxinen hat. Beides kommt jedoch im klinischen Alltag nicht häufig vor. Es gibt aber auch Patienten, die Botox zwar vertragen, jedoch nicht auf die Therapie ansprechen, sogenannte Therapieversager.

Welche Risiken bringt eine Botox-Therapie mit sich?

Wie bei jeder Therapie können auch bei Botox Nebenwirkungen auftreten. Grundsätzlich können an der Injektionsstelle kurzfristig Schmerzen auftreten. Botox wird bei der Migräne-Behandlung auch in die Stirn gespritzt. Da das Medikament Muskeln lähmt, kann als Nebenwirkung auch der Muskel betroffen sein, der das Augenlid hebt – und dann hängt das Lid runter. Einige Patienten klagen auch über Nackenschmerzen, Nackenschwäche oder über vermehrte Kopfschmerzen nach der Injektion.

Das heißt, wenn ich Glück habe, sieht meine Stirn nach der Behandlung aus wie die von Nicole Kidman, wenn ich Pech habe, hängt mein Augenlid runter wie bei Karl Dall?

Das ist jetzt etwas überspitzt formuliert. Die Dosis, die zur Migräne-Prophylaxe in die Stirn injiziert wird, ist geringer als die Dosis, die zur kosmetischen Behandlung eingesetzt wird. Häufig beeinträchtigt die Botox-Therapie die Stirnmimik nicht wesentlich, einige Patienten haben jedoch tatsächlich anschließend eine glattere Stirn.
 
Die Lidschwäche dagegen ist in den Zulassungs-Studien bei 3,3 Prozent der Patienten aufgetreten. Diese Rate sinkt jedoch mit der Erfahrung der Ärzte am jeweiligen Zentrum und ist bei uns wesentlich niedriger.

Sollte es zu dieser Komplikation kommen – wie lange dauert es dann, bis sich die Augenlider wieder normalisiert haben?

Das Medikament wirkt circa drei Monate und entsprechend lange hängen dann auch das oder die Augenlider. Meist ist nur eines betroffen.

Das heißt, alle drei Monate muss auch zur Migräne-Prophylaxe aufgefrischt werden?

Genau, auch die Wirksamkeit von Botox in der Migräne-Therapie hält ungefähr drei Monate. Wenn man versucht, die Intervalle zu strecken, treten bei vielen Patienten wieder häufiger Kopfschmerzen auf. Um einen langfristigen Effekt zu erzielen, scheint also tatsächlich eine regelmäßige Behandlung in einem Rhythmus von rund drei Monaten nötig zu sein.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, um der Migräne vorzubeugen?

Es gibt medikamentöse und nicht-medikamentöse Verfahren. Bei Patienten, bei denen die Migräne noch nicht sehr stark ausgeprägt ist, sollten zunächst die nicht-medikamentösen Verfahren ausgeschöpft werden. Dazu gehören zum Beispiel Entspannungs-Übungen und / oder ein regelmäßiger Ausdauersport. Oft helfen auch gewisse Lebensstil-Modifikationen, wie regelmäßig zu essen, regelmäßig zu schlafen und ein gutes Stress-Management. Viele Patienten profitieren auch von psychologischen Verfahren aus der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie Um individuelle Auslöser zu erkennen, kann es hilfreich sein, ein Kopfschmerz-Tagebuch zu führen – analog oder mithilfe einer App.

Welche Medikamente kommen infrage, wenn all das nicht hilft?

Wenn trotzdem noch häufig Attacken vorkommen, die die Lebensqualität eines Patienten deutlich beeinträchtigen, sollte eine medikamentöse Therapie, optimalerweise in Kombination mit nicht-medikamentösen Verfahren, begonnen werden. Hierfür kommen verschiedene Medikamente in Frage wie zum Beispiel Betablocker, Medikamente aus der Bluthochdruck-Therapie, außerdem auch Topiramat oder Valproat, Medikamente aus der Epilepsie-Therapie, und Flunarizin, ein sogenannter Calciumantagonist.

Was sind typische Migräne-Auslöser?

Typische, verallgemeinbare Trigger gibt es nicht, Migräne ist immer sehr individuell. Stress ist sicherlich ein sehr häufiger Auslöser. Schlafmangel kann Migräneattacken auslösen, aber auch zu viel Schlafen – das heißt, jedes Abweichen vom normalen Rhythmus kann das Auftreten von Migräneattacken begünstigen. Bei einigen Patienten können auch bestimmte Nahrungsmittel eine Migräneattacke auslösen. Allerdings lässt sich bei den meisten Attacken kein spezifischer Triggerfaktor finden.

Was ist dran an dem sogenannten China-Restaurant-Syndrom: Macht der Geschmacksverstärker Glutamat Migräne?

Glutamat wird immer als klassisches Beispiel genannt. Dazu gibt es aber eine Studie, die untersucht hat, wie viel Natriumglutamat man nehmen muss, um Kopfschmerzen auszulösen – und das sind recht hohe Dosen (2,5 Gramm), die selbst in einem sehr glutamatreichen Gericht nicht erreicht werden. Dennoch kann Glutamat bei einigen Migräne-Patienten ein Auslöser oder Verstärker sein, daher sollte man als Migräne-Patient darauf achten, nicht zu oft Gerichte mit hohem Natriumglutamatgehalt zu essen.

Worauf sollte man noch achten, damit eine Migräne optimal behandelt wird?

Wichtig ist, dass man sich einen Arzt sucht, der sich die Krankengeschichte gut anschaut, der gut zuhört, wie genau die Kopfschmerzen aussehen, welche Faktoren den Kopfschmerz beeinflussen, die richtige Diagnose stellt und dann zusammen mit dem Patienten eine für ihn passende Therapie findet. Das ist teilweise gar nicht einfach, manchmal müssen auch verschiedene Medikamente probiert werden, weil Patienten sehr individuell auf unterschiedliche Therapien ansprechen.

Gerade bei Patienten, die unter einer chronischen Migräne leiden, ist es wichtig einen sogenannten multimodalen Ansatz zu wählen, sodass man von mehreren Punkten aus schaut, wie man den Patienten optimal behandelt. Das heißt, dass nicht nur der Arzt Medikamente verschreibt, sondern auch Psychologen und Physiotherapeuten in die Therapie miteinbezogen werden. Für Kopfschmerzpatienten gibt es an einigen Zentren spezielle Tageskliniken, in denen man ein solches multimodales, auf Kopfschmerzpatienten ausgerichtetes, einwöchiges Therapieprogramm machen kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Neeb.

Das Interview führte Ariane Böhm

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