Maler seilt sich von einem Mast in schwindelerregender Hoehe (Quelle: imago/blickwinkel)
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Interview | Berufsbedingte Hauterkrankungen - "Hauterkrankungen sind ein Dauerbrenner"

Der helle Hautkrebs ist seit Januar 2015 bei sogenannten Outdoor-Berufen als Berufskrankheit anerkannt. Doch schon lange davor war bekannt, dass ein Zusammenhang zwischen UV-Strahlung und hellem Hautkrebs besteht. Was sich vorbeugend tun lässt und wie er behandelt werden kann, erklärt der Hautarzt Dr. Thomas Stavermann.

Herr Dr. Stavermann, warum wurde der helle Hautkrebs erst jetzt in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen?

Dass es einen klaren Zusammenhang zwischen der Entwicklung von weißem Hautkrebs und UV-Strahlung gibt, ist lange bekannt. Das Wissen allein reicht jedoch nicht aus, um eine Erkrankung als Berufskrankheit anzuerkennen. Das ist ein langer Prozess, für den komplizierte Rechnungen angestellt werden müssen. Dazu gehört beispielsweise die Antwort auf Frage, wie viel mehr Sonneneinstrahlung der Outdoor-Arbeiter im Vergleich zum Normalbürger ausgesetzt sein muss, damit sich sein Risiko für weißen Hautkrebs signifikant erhöht. Diese Berechnungen haben fast 15 Jahre in Anspruch genommen. Bislang ist der Beweis eines erhöhten Risikos auch nur für eine Form des weißen Hautkrebses gelungen, nämlich für das Spinalzellkarzinom.  

Wer kann seit Januar 2015 eine bessere Prävention und Behandlung bei weißem Hautkrebs beanspruchen?

Rund 2,5 Millionen aktuelle Outdoor-Arbeiter sowie ehemalige Berufstätige mit entsprechend hoher UV-Exposition, Menschen also, die aufgrund ihres Berufes viel an der frischen Luft sind. Dazu gehören Gärtner, Bauarbeiter, Dachdecker, Schiffer, Skilehrer und Briefträger – wer viel draußen arbeitet, hat durch die Sonne ein höheres Risiko für hellen Hautkrebs.  

Was verändert sich durch die Anerkennung des weißen Hautkrebses als Berufskrankheit?

Kurz gefasst bedeutet sie mehr Pflichten und Rechte für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Beide müssen sich um die Prävention von Hautkrebs kümmern mit dem Ziel, dass die Arbeiter weniger Sonne abbekommen. Dazu gehören beispielsweise Brillen, Hüte und Cremes oder die Möglichkeit, die pralle Mittagssonne zu meiden. Anspruch auf Behandlung, Renten und Entschädigung haben diejenigen, bei denen der Zusammenhang zwischen Erkrankung und Beruf ausreichend nachgewiesen ist. Das trifft grob auf die Arbeiter zu, die rund ein Drittel ihres Lebensalters kontinuierlich Outdoor-Tätigkeiten mit UV-Exposition nachgegangen sind.  

Vor allem Behandlung und Berufsunfähigkeit kosten Geld. Wer soll das bezahlen?

Die Kosten, die in den ersten Jahren anfallen, sind da. Tatsächlich rechnet die Deutsche gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) mit Mehrkosten von etwa 20 Millionen Euro pro Jahr. À la longue werden sich diese Ausgaben amortisieren, indem durch die Prävention, Aufklärung und frühzeitige Behandlung Geld für aufwendige Behandlungen von Hautkrebs, Umschulungsmaßnahmen und Frühberentungen gespart wird. Das haben wir schon bei den Hautekzemen erlebt.  

Stichwort Hautekzeme, wer ist davon betroffen und wodurch entstehen sie?

Das sind vor allem Kontakt-Ekzeme und -Allergien. Sie werden durch Feuchtarbeit, Handreinigung und das Tragen von Handschuhen verursacht. Einige Berufsgruppen sind besonders häufig betroffen. Dazu zählen Bäcker (Mehl), Friseure (Shampoos, Haarsprays, Haarfarben, nickelhaltige Instrumente), Kosmetikerinnen (diverse Inhaltsstoffe von Kosmetika und Make-up), Maurer, Maler, Fliesenleger (Zement, Klebstoffe wie Epoxid-Kunstharz, Farben), Maschinenpersonal (Kühlschmierstoffe), Reinigungspersonal (diverse Reinigungs- und Pflegeprodukte) und Klinikpersonal (Latexhandschuhe).

Was hat sich hier in den letzten Jahren getan?

Solche Dermatosen sind heute dank Aufklärungskampagnen, durch frühzeitige Meldungen im Rahmen des Hautarztverfahrens, durch Schulungen und Fortbildungen im Bewusstsein angekommen. Die Leute schützen sich davor oder lassen sich früher behandeln. Zudem haben sich viele Materialien verbessert. Man hat allergene Inhaltsstoffe in Friseurprodukten verboten, Instrumente beim Friseur sind nickelfrei und Bauarbeiter arbeiten mit chromfreiem Zement. Immer seltener zwingt die Hauterkrankung heute tatsächlich zur Aufgabe des Berufes. 

Warum ist das Thema berufsbedingte Hautkrankheiten so wichtig?

Seit vielen Jahren gehören Hauterkrankungen zu den häufigen Berufserkrankungen: Mit etwa einem Drittel machen sie den Hauptanteil aller gemeldeten Berufskrankheiten aus. Im Jahr 2014 wurden der DGUV erstmals mehr als 25.000 berufsbedingte Hauterkrankungen gemeldet. Experten gehen jedoch von bis zu 900.000 Fällen aus. Die meisten beruflich bedingten Hauterkrankungen betreffen die Hände, die ein Prozent der Körperoberfläche ausmachen. Wird eine solche Hauterkrankung nicht behandelt, kommt es Studien zufolge acht bis 14 Monate nach Auftreten der Symptome zur Berufsaufgabe. Je eher Belastungen am Arbeitsplatz erkannt werden, desto rascher können sie behoben werden. Prävention und Früherkennung sind deshalb wichtige Themen.  

Wie wird sich das Thema "berufsbedingte Dermatosen" zukünftig weiterentwickeln?

Wie Sie an den Zahlen sehen, sind Hauterkrankungen ein Dauerbrenner. Prävention ist nichts, was von heute auf morgen funktioniert. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen von der Notwendigkeit derartiger Schritte überzeugt werden. Dass das viel Überzeugungsarbeit bedarf, beweisen uns tagtäglich Volkskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Stavermann.

Das Interview führte Constanze Löffler