Fußballfan beim Public Viewing (Quelle: imago/Eibner)

Mitfiebern und Anfeuern - Wie gesund ist es Fußball-Fan zu sein?

Fußball spielen ist gesund, das bloße Fan-Dasein fördert eher Bierbauch und Herzinfarktgefahr - so das Klischee. Aber ist das die ganze Wahrheit? Was spielt sich im Fan ab, wenn er mitfiebert und ausrastet? Und welche Rolle spielt, ob man allein genießt oder zusammen? rbb Praxis hat den Psychologen und Experten für Männergesundheit, Johannes Vennen, gefragt.

 

Mitfiebern z.B. beim Fußball - das ist ja eigentlich gut messbar, mal aus Forschersicht gedacht. Was weiß man denn heute über die Effekte, die Fan-Sein hat?

Also ich hab mich schon zur WM 2014 damit beschäftigt, weil ich mich dem Thema ein bisschen verschrieben habe. Damals hatte ich recherchiert: So wahnsinnig viele Studien zu dem Thema gibt es tatsächlich nicht. Aber aus einer psychischen Perspektive hat eine WM oder EM durchaus positive Effekte.

Psychologe Johannes Vennen (Bild: privat)
Unser Gesprächspartner Johannes Vennen | Bild: privat

Warum: Für die Menschen, besonders die Männer, die jetzt Fußball schauen ist das natürlich eine Hochzeit. Einerseits macht man da "Geselligkeitserfahrungen", andererseits erleben Männer stärker das Motiv "Reizhunger" – d.h. sie benötigen eine höhere sensorische Stimulation, um sich wohl zu fühlen. Deshalb machen z.B. relativ gesehen mehr Männer Extremsport als Frauen. Das ist natürlich beim Fußball auch so: Es gibt spannende Spiele, umkämpfte Unentschieden oder einen knappen Sieg, knappe Niederlagen und das bei fast jedem Spiel. Insofern machen Fans Erfahrungen, die ihren Bedürfnissen entsprechen, die dem Wohlbefinden dienlich sind. Das sind positive Effekte.

Wenn Sie von Hochzeiten reden - ist eine WM für die psychische Gesundheit dann sozusagen förderlicher als eine Bundesliga-Saison?

Naja, es ist eben viel komprimierter. Ich vergleiche das oft mit der Weihnachtszeit, wo man dann auch der Völlerei ein bisschen gewogen ist, aber eben auch besondere Erlebnisse hat in dieser Zeit. Und ich habe bei einer internationalen Meisterschaft auch mehr Menschen, mit denen ich das "Abfeiern", also teilen, kann. In der Bundesliga, z.B. als Dortmund- oder Hamburg-Fan ist das eingeschränkter. Jetzt sind die Möglichkeiten für soziale Erlebnisse, also "Fußballgeselligkeit" deutlich größer.

Wenn Sie auf den Geselligkeitsfaktor anspielen: Heißt das, dass der Fan, der alleine guckt weniger psychische Vorteile vom Mitfiebern hat, als der, der mit Freunden oder beim Public Viewing guckt?

Naja, es gibt ja solche Fans, die lieber alleine gucken, zum Beispiel, weil die Kommentare anderer stören. In den Effekten würde ich da kaum Unterschiede machen. Es tut uns Menschen grundsätzlich gut, wenn wir etwas machen, was wir dann genießen. Und dann kommt es auf den Typen an: Je mehr Bedürfnis er oder sie nach sozialen Kontakten, also Affiliation hat, desto mehr psychologische Zusatzeffekte gibt es beim Zusammenschauen. Und wie ich schon sagte: Männer haben einen höheren sensorischen Reizhunger, den man während einer WM dann besonders gut ausleben kann, ob allein oder zusammen. Und das tut psychisch und dann auch körperlich gut.

Stress, mehr ungesundes Essen beim Fußballgucken und die Tatsache, dass man in der Freizeit Sport guckt, statt ihn zu treiben - das wird ja gerne als Argument für das "ungesunde Fandasein" insgesamt angeführt. Gibt es denn psychologisch auch negative Faktoren, die das bestärken würden?

Da kann ich keine negativen psychologischen Effekte sehen. Selbst den Stress und das Aufregen während des Spiels: das braucht man und das passt ja auch zum Thema sensorische Stimulation, also auch das Aufregen und der Ärger. Negativ kann es dann werden, wenn ich außerdem kardiologisch vorbelastet bin, denn Stress geht auf das Herz, natürlich. Da muss der Fan dann vorsichtiger sein, sich zum Beispiel durch Ablenkung nicht ganz so in das Spiel vertiefen. Aber ein gesunder Mensch kommt mit akutem Stress wunderbar klar und profitiert eher dann eben psychisch.

Wenn dann die WM einmal vorbei ist - kann das Mitfiebern denn auch psychisch motivieren selber sportlicher zu werden und zum Beispiel Fußball zu spielen?

Die Verbindung sehe ich da nicht so direkt - Fußball gucken und spielen sind zwei verschiedene paar Schuhe. Ich würde es vermeiden da pädagogisch zum Beispiel auf die Männer einzuwirken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer Sport treiben, ist größer, wenn sie selbst eine Sportart finden, die ihnen Spaß macht. Und wenn sie – wie bei der Meisterschaft – attraktive Motive finden, die sie zum Sport antreiben.

Vielen Dank für das Gespräch, Johannes Vennen!
Das Gespräch führte Lucia Hennerici