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- Ausstellung "Berlin-Wedding"

Der Wedding kommt? Vielleicht ist er auch schon längst da. 16 Fotografen, unter anderem von der renommierten Agentur Ostkreuz, haben das ehemalige Arbeiterviertel mit all seinen Gesichtern portraitiert. Ihre Bilder sind jetzt in der Galerie Wedding zu sehen.  

Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß. Im Kickboxstudio von Bülent Calikiran, immerhin einem ehemaligen Weltmeister, geht es regelmäßig zur Sache. Hart, aber herzlich. Typisch Wedding?

Die Fotografin Jordis Antonia Schlösser hat über ein Dreivierteljahr hinweg immer wieder das Training besucht. Nicht auf der Suche nach klassischen Sportbildern. Sie hat der Kontrast interessiert - der Zusammenhalt, den sie hier gespürt hat. Auch wenn man hart miteinander kämpft.

Jordis Antonia Schlösser, Fotografin
"Hier im Wedding, hier im Kiez, gibt es natürlich auch viele soziale Probleme. Die Kids sind hier normalerweise, wenn sie nicht bei Bülent sind, auf der Straße, hängen auf der Straße rum. Das ist einfach ein Ort, vielleicht auch ein Stück Heimat für viele. Boxen, ich hatte mit Boxen bisher überhaupt nichts zu tun. Boxer waren bisher für mich immer die harten Jungs. Und ich war dann wirklich überrascht, was für ein gutes Gemeinschaftsgefühl hier herrscht und für eine gute familiäre Atmosphäre."

Hoch im Berliner Norden: 80.000 Menschen auf zehn Quadratkilometern. Wenn man von Wedding spricht, dann so, wie von einer ehrlichen Sache. Raue Schale, weicher Kern. Arbeiterbezirk, allerdings ohne Arbeit. Poesie des Alltags.

16 Fotografen sind für eine Ausstellung durch den Bezirk gezogen, haben das Leben hier dokumentiert - in all seiner Vielfalt. Von unverhofften Naturschönheiten über den Fußballabend in der Eckkneipe bis zu den Menschen, die das Gesicht des Bezirks prägen.

Mitinitiiert hat die Ausstellung der Kurator Axel Völcker. Seit 18 Jahren lebt er im Wedding.

Axel Völcker, Kurator
"Der Wedding, in den haben wir uns gleich verliebt, weil der so eine besondere Art hat, die unser Herz berührt. Er ist so bodenständig, er ist authentisch, er ist so echt. Er hat so einen Charakter, und es gibt einfach so viel anhand von diesem Bezirk zu erzählen, dass wir einfach die Themen der ganzen Welt vor der Haustür finden."

Eine dieser Geschichten hat die Fotografin Linn Schröder erzählt. Seit fünf Jahren wohnt sie im Wedding. Seit dieser Zeit portraitiert sie ihren Nachbarsjungen. Simon. Ein Junge aus schwierigen Verhältnissen.

Linn Schröder, Fotografin

"Simon saß dann auch irgendwann mal weinend auf der Treppe und ich habe ihn mitgenommen mit dem Kinderwagen und wir sind durch den Wedding spazieren gelaufen. Es war einfach so ein Junge, der Anschluss gesucht hat und mich hat er dann auch interessiert. Weil er ja auch so ein sehr weiches und zartes Gesicht hat und manchmal dann doch mit einem raueren Ton zu kämpfen hatte, der so um ihn rum war. Schon von Anfang an, als er die ersten Male klingelte oder ich ihn die ersten Male gesehen habe, hat er eigentlich nichts gesagt, sondern nur mit seinen großen Augen uns angeschaut. Das war eigentlich so der Kontakt, der da zustande gekommen ist, das war eigentlich ohne Worte."

Im Moment kann Simon nicht zuhause wohnen, eine Weile hat er in einer Jugendgruppe gelebt. 14 Jahre ist er inzwischen alt. Immerhin, er ist häufig zu Besuch bei seinen Eltern. Eine Geschichte aus dem Wedding.

"Der Wedding, Kumpel und Halunke", heißt es im Buch zur Ausstellung. "Immer klamm, lebt er auf Pump. Lässt anschreiben."

Doch natürlich, auch hier bleibt die Zeit nicht stehen. Die Vielfalt steht nicht unter Schutz. Auch hier steigen die Mieten, und schick-sterile Neubauten kann sich nicht jedermann leisten. Noch aber gibt es sie. Die Orte, wo der Wedding noch Wedding ist. Voll und ganz. Bülent Calikiran ist wie ein Sozialarbeiter im Kiez. Holt die Jungs von der Straße. Will ihnen etwas mitgeben auf den Weg.

Bülent Calikiran, Kickboxtrainer
"Pünktlichkeit kommt an erster Stelle. Zuverlässigkeit, Ehre, Disziplin. Standhaftigkeit. Das, was alles wichtig ist für die Zukunft."

Für Jordis Antonia Schlösser ist dieser Ort eine Entdeckung gewesen. Der Kampf und die Momente danach, zwischendurch. "Training fürs Leben" hat sie ihre Fotoserie genannt. Das passt zum Sport und zum Kiez.

Jordis Antonia Schlösser, Fotografin
"Gerade im Vergleich zu anderen Vierteln wie zum Beispiel dem Prenzlauer Berg erlebe ich schon den Wedding mit all seinen sozialen Problemen, aber als sehr viel vielfältiger und lebendiger. Und das finde ich natürlich spannend."

Noch gibt es sie hier - diese spezielle Mischung. Mit seiner etwas raueren Schönheit, die man im Vorbeigehen manchmal übersehen kann. Wenn ihr doch nur nicht die Seele abhanden käme.


Autor: Steffen Prell

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