Filmstill aus "Immigration Game" (Quelle: Roundhouse)
Bild: Roundhouse

- "Immigration Game" - Flüchtlingsschicksale als Reality-Show

Die moderne Neuauflage des "Millionenspiels": Regisseur Krystof Zlatnik erzählt in "Immigration Game" von einem Deutschland im Jahr 2016, das Flüchtlinge in einer Spielshow um eine Aufenthaltserlaubnis kämpfen lässt. Ihre Gegner: Deutsche, die sie töten wollen.

Deutschland in der nahen Zukunft: Eine Gameshow bricht in Fernsehen und Internet alle Rekorde. Flüchtlinge werden am Berliner Stadtrand ausgesetzt und müssen sich den Weg zum Fernsehturm bahnen. Wer es schafft, bekommt eine Aufenthaltsgenehmigung. Doch es gibt einen tödlichen Haken: Jeder Deutsche darf die Kandidaten jagen, prügeln, töten. Straffrei.

Das sind die zynischen Regeln des "Immigration Game". Und der Plot dieses Films. Gedreht auf den Straßen von Berlin. Ein Film, der Action und Kampfszenen zelebriert, der provoziert und verstört.

Krystof Zlatnik, Regisseur

"Ich habe mich natürlich damit beschäftigt, ob das angemessen ist oder nicht. Unter anderen spielen ja auch echte Flüchtlinge in dem Film mit, und mit denen habe ich mich auch viel unterhalten und die Story durchgesprochen. Und klar, es passiert gerade viel in unserem Land und irgendwie ging es mir auch so, du kannst es kaum verantworten dich ein Jahr hinzusetzen und einen Film zu machen und dich nicht damit beschäftigen, was um dich herum passiert."

Regisseur Krystof Zlatnik, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, hat den Film mit einer Gruppe von Freunden, ohne Filmförderung gedreht. Ihr Vorbild war eine visionäre düstere Satire, die 1970 zu einem der größten deutschen Fernseh-Skandale wurde: "Das Millionenspiel".

Anmoderiert wie eine Spielshow, rennt hier ein Kandidat um sein Leben, verfolgt von Kameras und Killern. Überlebt er die Hetzjagd, gewinnt er eine Million Mark.

Die täuschend echte Inszenierung des Films als Reality-Show, noch verstärkt durch die Besetzung des Showmasters mit Dieter Thomas Heck, legte die Abgründe der Unterhaltungsindustrie frei.

Der Film "Immigration Game" nähert sich unserer Gegenwart mit ähnlichen Mitteln. Statt einer Million Mark geht es nun um Aufenthaltsgenehmigungen. Wir erleben die tödliche Hatz aus der Perspektive eines Deutschen, der einem Flüchtling hilft, und so selbst zum Gejagten wird.

Man kann diesen Film als düstere Parabel auf das tägliche Sterben von Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa sehen. Doch ist ein Actionfilm die richtige Form dafür? Wie sieht ihn jemand, der selber sein Leben riskiert hat, um hierher zu kommen? Wie Hayyan Al-Yousouf aus Syrien, seit 2014 in Deutschland.

Hayyan Al-Yousouf, Fotograf
"Der Film zeigt die Wahrheit. Natürlich übertreibt er, ist grausamer, als das, was ich erlebt habe. Aber im Prinzip zeigt er die Realität."

Hayyan stammt aus der syrischen Stadt Deir ez-Zor. Im Krieg wurde er zum Fotografen, dokumentierte für ein Oppositionsnetzwerk die Kämpfe, die Zerstörung, den Tod. Als es zu gefährlich wurde, schlug er sich mit Freunden über die Türkei, den Balkan, nach Europa durch. Ihre Flucht hielt er mit seinem Handy fest. Hinterher merkte er: Die Angst, das Gefühl rechtlos und ausgeliefert zu sein, die Schläge und Misshandlungen durch Polizisten sieht man nicht, auf diesen Bildern. Doch das, was ich erlebt habe, sagt er, war wie eine Reise durch die "Unterwelt".

Hayyan Al-Yousouf, Fotograf

"Ich habe Flüchtlinge in den Wäldern sterben sehen. Andere wurden krank, doch die Schleuser meinten nur, wir müssen weiter, lasst sie hier. Wir haben gesagt: Aber sie sterben. Doch sie antworteten: Das geht uns nichts an. Wenn man sich auf diesen Weg macht, gibt man alles auf, jede Sicherheit. Und du weißt nie, was dich erwartet."


Über 1.800 Flüchtlinge sind allein in diesem Jahr bei dem Versuch gestorben, das Mittelmeer zu überqueren. Doch ist es nicht so, dass nur der eine Chance auf Asyl hat, der diesen oder einen anderen hochgefährlichen Weg wagt?

Der Film "Immigration Game" ist ein kleiner Low Budget Film, längst nicht alles ist gelungen. Aber er bringt einen dazu, sich solche Fragen zu stellen.

Krystof Zlatnik, Regisseur
"Mir ging es auch um diesen Effekt der Gewöhnung, dem wir alle anheimfallen, also dass wir natürlich das beobachten und uns denken: Ja dieses Spiel, wie können die Leute das denn zulassen, es spielt doch im Alltag der normalen Bürger? Und genauso spielt eigentlich alles, was gerade stattfindet in unserem Alltag. Und erst durch diesen Blick auf ein Stück entrückte Zukunft haben wir diesen Effekt von: Was, soweit sind wir gekommen und haben uns daran gewöhnt?"

Den Fernsehturm sieht man nach diesem Film mit anderen Augen.


Autor: Tim Evers

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