Ein Straßencafé in der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg (Bild: imago)

- Demonstrationen für Berliner Straßencafés

In manchen Berliner Straßen sind die Straßencafés bedroht, weil die Bezirksämter die Besitzer zwingen wollen, ihre Stühle reinzuholen. Im Stadtteil Friedrichshain haben Anwohner Protest-Sit-Ins angekündigt. Stilbruch spürt zusammen mit Schriftstellerin Annett Gröschner dem relativ neuen Phänomen Straßencafés in Berlin nach.

Endlich Sommer in Berlin, endlich scheint draußen alles schön. Und genau jetzt sollen Straßencafés dicht gemacht werden. Annett Gröschner liebt Straßencafés. Es ist die Zeit, in der man endlich wieder Tattoos lesen kann, meint die Schriftstellerin. Ausgerechnet ihre wichtigste Inspirationsquelle wird jetzt von einem bürokratischen Kampf um Zentimeter bedroht.

Annett Gröschner, Schriftstellerin

"Ich bin ja selber wie so eine Art Flaneurin, die dieses interesseloses Gehen durch die Stadt einfach so als eine Arbeitsweise hat. Und manchmal ist es eben ein interesseloses Sitzen und Beobachten, Die Straße ist dann wie so ein Theater und die Leute interagieren oder es gibt Konflikte."

Wie jetzt: Bislang darf man bis zur roten Linie draußen seinen Cappuccino trinken, ab 1. Juli ist damit in der Mainzer Straße Schluss. Weil weniger als 1,50 Meter auf dem Fußweg bleiben. So ist angeblich das reibungslose "Aneinander-Vorbeikommen" nicht mehr gewährleistet. Der Café-Betreiber, die Anwohner: alle rebellieren.

Annett Gröschner, Schriftstellerin
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Ich fand erst mal interessant, dass es ausgerechnet die Mainzer Straße ist. Die ist ja schon mal geräumt worden. Die Räumung der Häuser und die Abschaffung des Anarchismus in der Stadt - dafür steht ja diese Straße eigentlich auch. Und jetzt werden die Tische weggeräumt. Das ist sozusagen die Farce. Das eine war die Tragödie und das jetzt ist die Farce. Und jetzt wird hier wieder sauber gemacht."

Die Mainzer Straße wird also gerade total stillgelegt. Bücher dürfen nicht mehr draußen verkauft werden, Obst auch nicht. Überall in Berlin, wo die Straßen eng sind, könnten die Ordnungsämter jetzt durchgreifen. Hier am "Boxi" entdeckt Annett Gröschner abgesägte Tische: preußisch-korrekt ist die Draußen-Zone kastriert. In Kreuzberg kostet es den Wirt schon mal 500 Euro Strafe, wenn ein Stuhlbein auf dem freizubleibenden Weg steht.

Annett Gröschner, Schriftstellerin 

"Das erinnert mich immer sofort an die 80er Jahre in Ost-Berlin. Ja, weil es ist richtig tot. Wie so eine Kulisse von einem Film, der irgendwie vergessen wurde zu drehen."

Leer, breit und öde die Straßen einst: Zu DDR-Zeiten durfte man sich nicht einfach mit einem Stuhl vors Café setzen. Nur ganz selten war das offiziell genehmigt.

Annett Gröschner, Schriftstellerin
"Also, ich kann mich erinnern, als das Café Mosaik zum ersten Mal Tische und Stühle rausgestellt hat. Das war so eine kleine Sensation in der Prenzlauer Allee. Das war vorher gar nicht üblich. Das war so ein bisschen Paris-Gefühl, obwohl man nie in Paris war und auch nicht wusste, ob man jemals hinkommen wird."

Hier träumte die DDR-Jugend einst, in der legendären "Mokka-Milch-Eisbar" in der Karl-Marx-Allee - von Paris, von der großen Freiheit.

Annett Gröschner, Schriftstellerin 
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Damals war das Leben eben vorwiegend in den Wohnungen. Und jetzt sozusagen qua Verbot das Leben wieder nach innen zu tragen, finde ich eigentlich für die Stadt nicht gut."

Denn der Geist, der Verordnungen gegen das scheinbar unproduktive Treiben im Straßencafé erfindet, ist er nicht derselbe?

Annett Gröschner, Schriftstellerin 
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Natürlich, im Sinne der Leistungsgesellschaft könnte man schon sagen: Alle Tische und Stühle weg hier! Geht arbeiten und gut ist. Damit die Leute in Süddeutschland der Meinung sind: In Berlin wird jetzt endlich gearbeitet. Man muss die Stadt nicht mehr durchfüttern."

Ach ja: Und wenn es tatsächlich eng wird für Straßencafés in Berlin: ein Vorschlag. Schafft die Parkplätze ab, verengt die Straßen. Dann wäre hier doch genügend Platz für ein Café.


Autorin: Petra Dorrmann  

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