Mifti (Jasna Fritzi Bauer); Quelle: Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün
Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün
Bild: Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün

- Hegemanns Buchverfilmung "Axolotl Overkill"

Helene Hegemann wurde mit 17 Jahren durch ihrem Roman "Axolotl Roadkill" zum It-Girl des deutschen Literaturbetriebs - auch aufgrund der aufkommenden Plagiatsvorwürfe im Buch. Die Geschichte der 16-jährigen Mifti, die sich ziellos durch die Berliner Party- und Drogenszene treiben lässt, kommt jetzt unter dem Titel "Axolotl Overkill" ins Kino.  

Wir holen sie nach einem langen Interviewtag in Prenzlauer Berg ab. Aber die beiden sind entspannt und gut gelaunt: Helene Hegemann und Jasna Fritzi Bauer sind seit den Dreharbeiten befreundet. Gemeinsam stellen sie sich dem Medienansturm - wir sind an diesem Tag das sechste Presseteam und werden nicht das letzte sein. So ist das, wenn junge Frauen einen Film machen, dem das Label "Skandal" anklebt.   

"Axolotl Overkill" erzählt die Geschichte der 16-jährigen Mifti. Sie verweigert sich, nicht nur der Schule. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt sie bei ihren Halbgeschwistern, in einer Berliner WG. Alle in ihrer Familie sind irgendwie Künstler, total Avantgarde und nur mit sich selbst beschäftigt. Mifti verliert sich in einem Rausch aus Sex und Drogen, in der Berliner Nacht.

Autorin:

"Hätte euer Film eigentlich auch in einer anderen Stadt als Berlin spielen können?"

Jasna Fritzi Bauer, Schauspielerin
"Es geht ja nicht um Berlin insbesondere als Stadt, oder, mein Gott, was sind wir für eine geile Generation von Berlinern oder Berliner Zugezogenen. Es geht um ein Gefühl unserer Generation, oder so?"

Autorin:
"Was ist das denn für ein Gefühl?"

Jasna Fritzi Bauer, Schauspielerin
"Verlorensein und nichts richtig finden oder nicht richtig ankommen."
Helene Hegemann, Regisseurin
"Es geht... und das ist vielleicht auch der Grund, warum es gar kein Problem war, eine 16-jährige in der Verfilmung mit Jasna zu besetzen, die 27 ist."
Jasna Fritzi Bauer, Schauspielerin
"Ich bin 28, mein Schatz."
Helene Hegemann, Regisseurin 
"Du bist 28, mein Schatz, entschuldige bitte. Ja, dass es in erster Linie um Menschen geht und nicht um Teenager. Um einen Menschen, der alle Voraussetzungen hat, um selbstbestimmt leben zu können und deshalb auf der Suche ist nach Liebe und Geborgenheit, jenseits restriktiver Moralvorstellungen."

Es geht nicht um Grenzüberschreitung, sondern um eine Welt, die keine Grenzen kennt.

Vor sieben Jahren, mit 17, hat Helene Hegemann diese Geschichte geschrieben, die sofort als ihre interpretiert wurde. Wir haben sie damals zum Interview getroffen. Ihr Roman wird 2010 ein Bestseller und sie als Wunderkind der Literatur gefeiert. Dann aber kommt heraus, dass sie die Exzesse nicht unbedingt selbst erlebt hat, dass sie von einem Berliner Blogger abgeschrieben hat. Es waren zwar nur wenige Passagen, aber egal. Die Erregung war groß und sie wurde als Plagiatorin niedergeschrieben.

Autorin

"Wie guckst du heute auf diesen Skandal?"

Helene Hegemann, Regisseurin
"Man weiß einfach, okay, das Schlimmstmögliche ist mir passiert, ich bin öffentlich gedemütigt worden, dann kann ich jetzt, ich weiß schon, was die schlimmste Konsequenz davon ist, was passieren kann. Ich muss einfach nichts davon abhängig machen, ob es anderen gefällt. Und das ist eine Freiheit, die nicht viele Künstler haben."

Und mit dieser Freiheit ist sie auch an den Film herangegangen. Erst wollte sie ihren Roman nicht selbst verfilmen, hat es dann aber doch gemacht.

Helene Hegemann, Regisseurin
"Ich habe relativ geahnt, dass, wenn das jemand anderes macht, dann wird derjenige daraus ein Drogen-Teenie-Partyfilm machen und so war das Buch nie angelegt gewesen, wirklich."
Autorin
"Du hast auch gesagt, dass Du auf gar keinen Fall wolltest, dass irgendein 50-jähriger Mann sich dem Thema annimmt. Warum nicht?"
Helene Hegemann, Regisseurin
"Weil das schon zu oft vorgekommen ist. 50-jährige Männer erzählen ja genug über sich selbst, die müssen sich nicht auch noch an Teenagern abarbeiten, das sollen die Teenager mal schön selbst machen. Ich bin ja auch keiner mehr, aber ich bin ein bisschen näher dran."

Autorin
"Du bist jetzt 25. Wie ist das, wenn man mit 25 auf etwas guckt, was man mit 17 geschrieben hat?"
Helene Hegemann, Regisseurin 
"Um ehrlich zu sein, habe ich da schon jahrelang nicht mehr draufgeguckt und würde ich es machen, würde ich mich zu Tode schämen. Schrecklich, schrecklich."


Der Film nimmt uns mit auf einen Trip durch Miftis Welt: Skurril, eigenwillig, aber am Ende doch etwas ermüdend. Es gibt keine Entwicklung, Mifti bleibt auf der Suche. Die schönste Szene: Ein Pinguin, als herzzerreißendes Sinnbild ihrer Verlorenheit. Auch wenn sich die beiden nicht gern an ihn erinnern.

Jasna Fritzi Bauer, Schauspielerin

"Er hat mich gebissen. Das war ganz schlimm. Ich hatte ein komplett blaues Bein."
Helene Hegemann, Regisseurin  
"Der Pinguin hat da rein gebissen und dann noch so mit dem Flügel gegen ihr Schienbein geschlagen."
Jasna Fritzi Bauer, Schauspielerin
"Er hat mir einen Pinguin-Bluterguss aufs Bein gemacht, der kleine Sack."


Autorin: Vanessa Loewel

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