Kunsthaus Tacheles von 1994 (Quelle: dpa/Jan Bauer)
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- "Berlin Heartbeats" - die Subkultur in den wilden 90ern

Keine Zeit war für das Image von Berlin als Weltmetropole der Subkultur prägender als die 1990er Jahre. Nach dem Mauerfall eröffneten sich gestalterische Freiräume, die von Künstlern, Aktivisten, Querdenkern und Clubbetreibern genutzt wurden. Das Buch "Berlin Heartbeats" erzählt von diesen aufregenden Jahren.

Berlin-Touristen auf Spurensuche. Die verwitterten Wände im Hinterhof von Haus Schwarzenberg sind ein beliebtes Fotomotiv für alle, die noch einmal den Geist der 90er Jahre einfangen möchten. Berlin-Spirit fürs Smartphone. Anke Fesel und Chris Keller haben die Zeit noch ganz analog miterlebt und mit gestaltet. Sie betrachten das Treiben mit gemischten Gefühlen.

Chris Keller, Verleger
"Das ist jetzt noch so ein alter Ort, wo man noch ein bisschen den 'rotten charme' von der Stadt sieht. Es ist schon fast ein kleines Refugium geworden, auf der einen Seite, weil es wenige davon gibt, auf der anderen Seite ist es auch ein touristischer Hotspot, was manchmal nervig sein kann. Man muss so ein bisschen gucken, wo will man die Entwicklung der Stadt hinsteuern. So ein Ort, wie der, ist ein guter Moment, wo man so Fragen stellen kann: Wo soll denn die Reise hingehen?"


Wer eine besondere Reise in die Zeit der 90er Jahre unternehmen will, landet bei Bobs Airport. So der Name der Fotoagentur, den das Paar unter dem Dach der Sophiensäle betreibt. Eine Schatzkammer. Denn das Archiv besteht ausschließlich aus Bildern von Fotografen, die die wilden Jahre aus der Innenperspektive erlebt haben. Berlin Heartbeats - der Herzschlag der Stadt ist bereits das zweite Buch. Es zeigt die 90er Jahre, wie sie nur wenige sehen konnten.

Anke Fesel, Herausgeberin
"Das ist ein Foto von Rolf Zöllner, das zeigt Kinderkino im Gleimtunnel damals. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie der Stadtraum einfach genutzt wurde."

Ein Elefant im Mauerpark - auf surreale Weise scheint nach dem Mauerfall in Berlin alles möglich. Bilder, die einen Blick auf die Seele der Stadt werfen. Und die davon erzählen, wie Berlin zur Bühne und zum Experimentierfeld wurde. Ausdruck des Lebensgefühls "Die Stadt gehört uns".

Anke Fesel, Herausgeberin

"Es gab einen großen Gemeinschaftssinn, weil man alleine in diesen großen kaputten Häusern mit diesem zum Teil überwältigend großen Räumen - wenn man zum Beispiel an das Tacheles denkt, an diese riesige Ruine - da kann ein Einzelner gar nichts ausrichten, aber eine Gruppe von Leuten, die sich zusammen tut, die kann das."

Das Tacheles, eine kulturelle Utopie. Die Kaufhausruine an der Oranienburger Straße wird zum Zentrum für Kreative und Künstler aus aller Welt.

Chris Keller war einer von ihnen, Musiker der Band "Die Elektronauten". In vielen Clubs hat er gespielt, die schnell wieder verschwanden. Es lebe der Moment. Der legendäre Eimer in der Rosenthaler Straße war Mittelpunkt einer Szene, die sich auch jenseits des Techno etablierte. Eine Zeit, in der es keine Unterschiede gab zwischen Leben, Arbeit und Kunst.

Chris Keller, Verleger
"Ich habe dann Tontechnik gemacht, das war so mein Ding. Ich habe die PA gefahren und gemixt, solche Sachen. Ich hatte im zweiten Stock über der Bar mein kleines Tonstudio, in dem ich nächtelang Drum and Bass programmiert habe. Ich finde das Easy-Hotel, das da hingekommen ist, unglaublich hässlich. Architektonisch ist es so, dass es einen den Magen umdreht. Wenn man dieses alte solitär stehende Haus vor Augen hat und was daneben gelandet ist, das finde ich wirklich abscheulich. Aber das ist das Leben."

Die Maria am Ostbahnhof, besungen von Christiane Rösinger, die hier mittwochs ihre legendäre Flittchenbar veranstaltete. Auch das ist inzwischen Berliner Club-Geschichte. Bis 2012 macht Ben de Biel hier Musik-Events jenseits des Mainstreams, bis ein Hamburger Investor den Club verdrängte. Vermisst der Fotograf sein Leben in der Maria?

Ben de Biel, Fotograf
"Nein, überhaupt nicht. Ich bin ganz froh, wenn ich samstags überhaupt nicht ausgehen muss, das finde ich super geil, das Thema habe ich richtig durchgespielt. Also, nach der 9.999 Party ist es auch nicht mehr so spannend."

Was bleibt sind die Fotografien. Als Teil der Szene gelingen Ben de Biel einzigartige Momentaufnahmen des Berliner Clublebens und wunderbar unprätentiöse Starfotos, wie das der Sängerin Peaches.

Ben de Biel, Fotograf
"Sie kam auf die Bühne und hat sich einen CD vorne in den Slip gesteckt. Keiner hat sich getraut, ihr in den Slip zu fassen - sonst aber immer alle so ein Maul. Und dann: Kannst du dir eine CD aus dem Slip eines hübschen Mädchens holen? Na, ich weiß nicht... Das fand ich gut, darüber haben wir uns unterhalten. Wir haben uns immer gut verstanden. Ich habe gemerkt, auf der Bühne ist sie eine Granate, aber privat total höflich und sehr viel leiser, als man so denkt."
 

"Berlin Heartbeats" ist nicht nur nostalgisch. Es erinnert daran, wie wichtig es gerade heute ist, auch die kleinsten Freiräume zu nutzen.


Autorin: Charlotte Pollex

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