Petra Gute (Quelle: rbb / Stilbruch)
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- Aller Anfang...

Die Stadt ist zum Sommerende im Anfangsstadium: Schulbeginn, Saisonauftakt an Theatern und Musikhäusern, die Kunstszene beginnt mit der Art-Week. Oliver Reese und Chris Dercon starten als Intendanten, Vladimir Jurowski als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters. Und auch Stilbruch fängt auf einem neuen Sendeplatz an.  

Tja, wie anfangen? Gute Frage. Sehr gute Frage. Denn am Anfang ist da eben nicht das Wort. Sondern nur ein weißes Blatt, wie eine Verheißung einerseits. Wie eine Einladung zum Scheitern andererseits. Es gibt Sätze über das Anfangen, die kennt jeder - sie sind von biblischer Größe oder banal, zur Floskel geworden.

Aller Anfang ist schwer. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Was macht einen guten Anfang aus? Wie anfangen? Fragen wir Menschen, die es wissen müssen. Am Berliner Ensemble zum Beispiel ist gerade Neuanfang angesagt. Intendantenwechsel nach 18 Jahren - zu futtern gibt es hier zur Zeit nur im Freien. Die berühmte Kantine wird gerade umgebaut - und nicht nur die. Überall wird geschliffen, gemalert, umgekrempelt. Der Neue: Oliver Reese, aus Frankfurt gekommen, führt ein neues Team zusammen und hat viele Begegnungen.

Oliver Reese, Intendant Berliner Ensemble
"Alt und neu arbeitet einfach zusammen. Spielt keine große Rolle. Man hat Lust, sich gegenseitig vorzustellen. Die Techniker erzählen mir wie sie heißen. Viele gleich mit ihren Spitznamen. Ich weiß schon Momo vom Stellwerk und Schinken-Sven, der das Haus saniert."

Wie die Premiere von "Caligula" zum Auftakt aussehen wird: streng geheim. Für uns gibt es nur das Bühnenbild für die nächste Betriebsversammlung zu sehen. Aber: gegenwärtig und politisch will das BE sein. Diesen Neuanfang zu gestalten: ein Vergnügen, sagt Oliver Reese.

Oliver Reese, Intendant Berliner Ensemble
"Anfangen macht Spaß. Weil: Anfangen heißt prägen. Sie können nie wieder so viel Aufmerksamkeit bündeln, deswegen machen Sie ja auch gerade einen Bericht zu diesem Thema, wie in dem Moment, wo Sie neu anfangen."

Wie anfangen? Da gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Im Leben, in der Kunst, in der Musik. Leise, verhalten, tastend, misterioso - oder mit Urknall.

Auch beim Rundfunksinfonie-Orchester Berlin steht vieles auf Anfang. Vladimir Jurowski ist neuer Chefdirigent. Anfänge sind auch für ihn Schlüsselmomente.

Vladimir Jurowski, Chefdirigent Rundfunksinfonie-Orchester Berlin
"Eigentlich beginnt für mich das Stück mit der Stille vorher. Aber dann entsteht aus der Stille der erste Klang. Und dieser erste Klang ist für mich immer maßgebend dafür, wie die Aufführung wird."


Hier probt das Orchester Mahlers Auferstehungs-Symphonie - ist ja auch eine Art Neuanfang. Geboren ist Vladimir Jurowski in Moskau, mit 18 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland, seit zehn Jahren ist er Chef des London Philharmonic Orchestra. Da wurde es mal wieder Zeit für einen Tapetenwechsel.

Vladimir Jurowski, Chefdirigent Rundfunksinfonie-Orchester Berlin
"Ich finde, das ist ein Muss. Vor allem wenn man in einem mehr oder weniger kreativen Beruf steckt, dass man nicht bequemlich wird. Man darf sich nicht niederlassen. Für eine Zeit auf jeden Fall, um etwas aufzubauen - aber dann: weiter, weiter, weiter."


In der Liebe, ja, da ist Anfang leicht. Hoffentlich zumindest. Und später? Nun ja. Was soll man sagen. 

In Prenzlauer Berg treffen wir die Regisseurin Alexandra Sell. Ihr erster Spielfilm hat gerade Weltpremiere gefeiert. Titel: "Die Anfängerin".

Alexandra Sell, Regisseurin
"Irgendwie ist so ein Anfang doch auch wie frisch gefallener Schnee. Es gibt doch eigentlich nichts Schöneres, als anzufangen."

Annebärbel ist 58, ihr Mann hat sie verlassen, ihre Arbeit ist Routine geworden, ihre Übermutter ist seit jeher von der kühlen Art - da traut sie sich was. Ein Kindheitstraum: Eiskunstlaufen.

Alexandra Sell, Regisseurin
"Es ist nie zu spät, nochmal neu anzufangen. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber ich glaube, das ist es nicht. Ich glaube, man muss es einfach tun. Wenn man anfängt darüber nachzudenken, ist die Sache schon vorbei."

Wohnt ihm trotz allem wohl doch ein Zauber inne, dem Anfang. Man muss ihn nur wagen. Hat man das getan, stellt sich irgendwann die Frage, wann man rechtzeitig wieder aufhört. Aber das ist eine andere Geschichte.


Autor: Steffen Prell

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