"Das Genie" von Klaus Cäsar Zehrer (Quelle: rbb / Stilbruch)
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- "Das Genie" von Klaus Cäsar Zehrer

Was ist wichtiger im Leben: Glück oder Erfolg? Mit dieser Frage hat sich der Berliner Autor Klaus Cäsar Zehrer beschäftigt. Er entdeckte die vergessene Geschichte des amerikanischen Wunderkinds William James Sidis, der einst als intelligentester Mensch seiner Zeit galt, aber am Leben scheiterte.

Ja, diese hyperglücklichen Telekom-Familien, diese Traumbabies aus den Windelspots. Wer möchte nicht so strahlen wie der Baumarktmensch vorm Eigenheim? Brauchen wir also nur die richtige Finanzierung, um glücklich zu werden? Oder ist all unser Glück vom Kapitalismus korrumpiert?

Aus unserer Welt der Shopping-Malls führt uns nun ein Berliner Schriftsteller ins Jahr 1900 zurück – und entdeckt in seinem Roman ein Wunderkind neu: ein vergessenes Genie, das die Weltformel fürs Glücklichsein formuliert hat.

Klaus Cäsar Zehrer, Autor
"Er hat als 14-Jähriger ein feierliches Gelübde abgelegt, in dem er einen Eid auf seine selbst gewählten 154 Lebensregeln geschworen hat, und er war sich sicher, dass in diesen 154 Regeln das Rezept für ein glückliches Leben drin steht."


Nein, weder Einstein noch Leonardo da Vinci schufen Glücksregeln wie er. Der Mann, der mit IQ 250 die Liste der intelligentesten Menschen anführt, war ein Popstar seiner Zeit.

Klaus Cäsar Zehrer hat sein Leben aus Hunderten Dokumenten rekonstruiert: William James Sidis. Das Superbaby aus Boston konnte mit 2 lesen und schrieb mit 6 vier Bücher. In seinen 154 Regeln propagiert Sidis Gewaltverzicht, Menschenrechte, Keuschheit und das Glück der Bildung. Ein Wunderkind mit vorprogrammierter Weltkarriere, dem selbst die Yellowpress zu Füßen liegt.

Klaus Cäsar Zehrer, Autor
"Er hatte ein eigenes Schnelllesesystem und konnte sich komplett alles merken, was er beim Durchblättern gelesen hat. Dass ein Achtjähriger einen Highschoolabschluss hinter sich hat und in ganz verschiedenen Fächern schon die Zulassungsprüfung für die Harvard University besteht, also wirklich ein kleiner Universalgelehrter ist, das finde ich kolossolal."

William Sidis ist im Grunde eine Art Forschungsprojekt seiner ehrgeizigen Eltern. Am psychologischen Institut für Hypnose, das die beiden osteuropäischen Einwanderer gründen, infiltrieren sie schon den Neugeborenen mit einem Superlearningprogramm.

Klaus Cäsar Zehrer, Autor
"Der Vater glaubte daraus eine Erziehungsmethode entwickeln zu können, aus der jeder Mensch ein Genie werden kann. Da gehörte die Idee der Früherziehung dazu, die wir auch heute kennen. Bei ihm war sie aber extrem ausgeprägt, er hat von Geburt an angefangen, mit seinem Kind Intensivübungen anzustellen."

Aber statt zum Vorbild für nachfolgende Generationen zu werden, sagt sich William Sidis von allen Erwartungen der Gesellschaft los. Der Radikaldemokrat folgt linksliberalen Idealen, verweigert sich Forschungsprojekten, lebt von einem 20-Dollar-Job, um einsame Studien zu treiben. Die humoristische Art, wie der Autor diesen tragikomischen Lebensweg vom gefeierten Genie bis zum vereinsamten Glückssucher nachzeichnet, macht den Roman so klug.

Klaus Cäsar Zehrer, Autor
"Ich glaube, so ein kleiner Sidis steckt in vielen von uns. In dem Sinne, dass man einen Widerspruch spürt zwischen dem, was man möchte, und dem, was im realen Leben möglich ist. Und dass man sehr darum kämpft, den Idealen näher zu kommen, und das fällt sehr schwer, man kämpft gegen die Widerstände an. Diese Suche nach dem eigenen privaten kleinen Glück - wenn das Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten könnte, wäre es das schon wert."

Dieses erstaunliche Buch hält unserer Glückssuche einen Spiegel vor. Auch deshalb ist die Wiederentdeckung von William Sidis ein echter literarischer Glücksfall.


Autor: Andreas Lueg

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