On Body and Soul © Le Pacte | Bild: filmstarts.de
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- "Körper und Seele" - Berlinale-Gewinner kommt in die Kinos

Ganz unumstritten ging in diesem Frühjahr der Goldene Bär der Berlinale an "Körper und Seele" aus Ungarn. Der Film erzählt eine geheimnisvolle Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern vor dem Hintergrund einer immer konservativeren Gesellschaft. Jetzt kommt er in die Kinos.  

Ein Ort ohne Namen, irgendwo in Ungarn, zwei Arbeitskollegen, Schlachthofangestellte: Maria und Endre, einsame Seelen, die zaghaft die Nähe des Anderen suchen. So beginnt eine seltsam schöne Liebesgeschichte.

Ildikó Enyedi, Regisseurin

"Da sind diese beiden Außenseiter, die sich ziemlich unbeholfen an einer echten Liebe versuchen. Die ihr bisheriges Leben irgendwie verpasst haben. In ihren Träumen sind sie Hirsche, wilde Tiere, die ihr Leben rückhaltlos leben."


Hirsch und Hirschkuh. In Träumen, die sich gleichen, erkennen sie sich selbst: Maria, so scheu, dass es weh tut, und der nicht weniger verschlossene Endre.  

Szene aus "Körper und Seele"

"Was haben Sie denn geträumt?"
"Das."
"Was?"
"Das Gleiche wie Sie."
"Das sagen Sie jetzt nur so."
"Nein."


Das - nun ja - romantische Drama gewann den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale.

Ildikó Enyedi, Regisseurin
"Diesen Film kann man nur mit offenem Herzen begreifen. Gott sei dank gibt es hier bei der Berlinale offene Herzen."


Vor kurzem, es ist noch Sommer: Regisseurin Ildikó Enyedi gastiert mit "Körper und Seele" im Freiluftkino Friedrichshain. In ihrer Heimat Ungarn ist sie ein großer Name. Wir lernen sie erst jetzt kennen, durch diesen schönen Film über die Abgründe der Gefühle und des Begehrens.   

Die Anziehung zwischen Endre und Maria ist auch körperlich. Doch die Angst ist größer - besonders bei Maria. Zwei Einsame, die sich nicht anfassen können. Ein fast autistisches Verhalten.

Szene aus "Körper und Seele"
"Die Berührung ist für Sie ein Problem, oder?"
"Ja."
"Na, dann müssen Sie das üben."

Nach den ersten Vorführungen in Ungarn, erzählt Ildikó Enyedi, kamen Eltern autistischer Kinder zu ihr, um sich zu bedanken.    

Ildikó Enyedi, Regisseurin
"Sie sagten, sie seien glücklich, weil dieser Film Maria so zeigt wie sie ihre Kinder sehen: Zu allererst mal als wunderbare menschliche Wesen, die zufällig, nebenbei auch das Asberger-Syndrom tragen, also autistisch sind."


"Körper und Seele" handelt auch von moderner Einsamkeit, der emotionalen Sprachlosigkeit in Zeiten von Social Media, in einer Welt, die Gefühle öffentlich ausstellt wie nie zuvor. Und vielleicht geht es auch irgendwie um Ungarn, dessen Verhältnisse Ildikó Enyedi als Schande bezeichnet hat - seitdem gilt sie in ihrer Heimat als Vaterlandsverräterin.

Ildikó Enyedi, Regisseurin
"Ich bin keine echte Vertreterin der Hippie-Generation, ich bin etwas jünger. Aber ich fühle mich sehr beeinflusst durch die Werte von damals. Und irgendwie sehe ich das Revival, die Rückkehr dieser Werte. Es gibt wieder eine Generation, die den Weg aus der Vereinzelung hin zum Miteinander sucht."


Im Film läuft Maria bei Endre plötzlich doch wieder gegen eine Mauer.

Szene aus "Körper und Seele"
"Ich könnte heute abend bei Ihnen schlafen, ich habe meinen Pyjama dabei."
"Sehen Sie, ich wollte es Ihnen schon sagen: Ich möchte Sie nicht kränken, aber so hat es doch alles überhaupt keinen Sinn."


Man muss sich - so lautet hier die Botschaft - das Glück schon auch trauen.  

Ildikó Enyedi, Regisseurin
"Die meiste Zeit beschreibt der Film Marias Versuch, das sinnliche, sexuelle, emotionale Leben wiederzufinden, von dem sie so lange abgeschnitten war. Sie ist bis an diese Wand gegangen. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück."


Mit viel melancholischem Understatement, in starken Bildern, auch mit Humor erzählt Ildikó Enyedi von Anstrengung und Belohnung bei der Suche nach Liebe. Vom Glück, wenn aus Traum Wirklichkeit wird - und sei es nur für einen Moment.


Autor: Andreas Lueg

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