Thomas Böhm im Interview mit Ijoma Mangold (Quelle: rbb)
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- "Das deutsche Krokodil" - Thomas Böhm trifft Ijoma Mangold

Normalerweise spricht Ijoma Mangold über Literatur - im Fernsehen oder in den großen deutschen Zeitungen. Jetzt hat er selbst ein Buch geschrieben, in dem er seine Geschichte als Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters in Deutschland erzählt.

Thomas Böhm, Moderator
"Aufgewachsen ist er in einer Idylle in Heidelberg als Sohne einer Kinderpsychologin und eines nigerianischen Stammeshäuptlings - eine seltsame Mischung:  Das deutsche Krokodil, ich treffe jetzt Ijoma Mangold."

Thomas Böhm, Moderator
"Sie beschreiben sich als Kind, das eine große Angst hatte. Wovor hatten sie eigentlich Angst?"

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Ich weiß nicht, ob Angst das richtige Wort ist, weil Angst ist ja eigentlich so ein starkes, panisches Gefühl, das einen auch nicht loslässt. Und davon kann nicht die Rede sein. Ich glaube, ich hatte Sorge, als Kind hat man ja sehr klare Vorstellung davon, was normal ist, und strebt auch Normalität an, möchte für sich Normalität haben. Und mir war klar, das bei uns, und uns meint immer meine Mutter und mich als Kind, bei uns sind die Dinge eher irregulär. Das fing natürlich an erster Stelle an mit meinem Aussehen, mit meinen Haaren, mit meiner Hautfarbe, durch die ich von allen anderen abwich, aber jeder, der mich sah und wußte, hier ist irgendetwas anders, der fragte natürlich warum und fragte folglich nach meinem Vater und meinen Vater gab es halt nicht."

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Mein Vater hat in Heidelberg Medizin studiert und das tat er finanziell unterstützt von dem Dorf aus dem er kam, das heißt die haben auch Geld für ihn gesammelt und das war für ihn auch auf jeden Fall klar, wenn er seinen Abschluss in Nigeria gemacht hat, würde er auf jeden Fall zurück nach Nigeria gehen. Und diese Geschichte erzählte mir meine Mutter, damit ich auch sozusagen auch ein sittliches, hohes Bild von meinem Vater hatte und fügte auch hinzu, es sei immer klar gewesen, dass sie nicht mit nach Afrika gehen wolle."

Thomas Böhm, Moderator
"Hatten sei keine Lust ihren Vater mal kennenzulernen?"

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Nein, eher im Gegenteil, da hatte ich eher die Sorge, er könnte irgendwann auftauchen und dieses Leben, das doch irgendwie so wie es war gut funktioniert hat, würde dann durcheinander kommen."

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Und hier habe ich Fotos mitgebracht von meiner Nigeriareise, ja 1993 war ich zwei Monate, eine lange Zeit auch in Nigeria und absurderweise war mein Vater dann aber auch gar nicht in Nigeria, der hatte eine Nierentransplantation, die im Krankenhaus in Essen gemacht wurde, weshalb ich ihn in Essen besucht habe und da habe ich ihn das erste Mal gesehen."

Thomas Böhm, Moderator
"Mich beschleicht immer eine gewisse Unsicherheit, wenn ich mit Menschen spreche, die eine andere Herkunft haben. Und sie beschreiben in ihrem Buch, dass sie zu dem Wort negativ eine besondere Beziehung hatten, was war das für eine?"

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Ja, ich würde sagen, mein Leben war, da sind alle Leute immer etwas überrascht, wenn ich das sage, mehr oder weniger frei von wirklich üblen rassistischen Erfahrungen, da ist mir nie wirklich etwas schlimmes passiert. Aber wann immer jemand das Wort negativ aussprach, habe ich, und das ist von Kindesbeinen an bis heute so geblieben, halte ich innerlich den Atem an, bis er bei der zweiten Silbe angekommen ist oder bei der dritten Silbe, negativ, so dass man weiß, der will das Gegenteil von positiv sagen, der will nicht Neger sagen in meiner Gegenwart, dann atme ich wieder aus."

Thomas Böhm, Moderator
Als Obama Präsident geworden ist, was hat das für sie in ihrer Welt verändert?

Ijoma Mangold, Literaturkritiker
"Sehr viel, und das war mir vorher nicht klar. Ein Schwarzer wird nicht nur Präsident der USA, sondern er ist auch noch ein unfassbar intelligenter, kultivierter, gebildeter Mensch. Da dachte ich mir, das wird die Wahrnehmung von Schwarzen in der Welt ändern."

Thomas Böhm, Moderator
"
Wie fühlt es sich an, deutscher zu sein als die Deutschen und trotzdem fremd im eigenen Land - dieses Buch erzählt es, ohne These, mit viel Diskussionsstoff, als uneitles Selbstporträt, als bewegende Familienchronik, als Alltagsgeschichte der letzten 40 Jahre - "Das deutsche Krokodil".  


Autorin: Bettina Lehnert

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