Archiv: Zeitungsbericht über Beate Ulbricht (Quelle: rbb)
Bild: rbb

- "Tochter des Diktators" - Ines Geipel über Beate Matteoli

Walter und seine Frau Lotte Ulbricht adoptierten 1946 ein Mädchen. Sie wollten "ein Menschlein heranziehen, das einmal ein wertvolles Mitglied unseres neuen Deutschland sein wird". Doch der Plan ging gründlich schief. Beate Ulbricht bäumte sich gegen das Bild der sozialistischen Musterfamilie auf. Von ihrem Leben erzählt jetzt ein neuer Roman.

Es war Anfang Dezember 1991, als die Bewohner der Rummelsburger Straße 57d in Lichtenberg einen aufdringlichen Geruch im Haus wahrnahmen. Sie riefen die Polizei, die öffnete die Wohnung und fand die Leiche von Beate Ulbricht. Sie ist nur 47 Jahre alt geworden. Die Tote wurde obduziert, aber sie war schon so verwest, dass die genaue Todesursache bis heute unklar ist. Am Ende war das Leben dieser Frau nur noch ein Fall für die Yellow Press.

Ines Geipel kennt die Geschichte von Beate Ulbricht seit über 15 Jahren. Sie hat an ihren Lebensstationen in Berlin recherchiert und jetzt einen Roman über diese Frau geschrieben.

Ines Geipel, Autorin
"Beate Matteoli hat hier in der Rummelsburger Straße 20 Jahre lang gelebt, nachdem sie von Leningrad zurückgekommen ist und sie ist hier, an diesem Ort auch gestorben. Das eigentlich Tragische ist doch, dass eine junge Frau mit dieser Geschichte auf diese Weise zu Tode kommt."

Wenige Monate vor ihrem Tod hat Beate Ulbricht einer Boulevard-Zeitung ein Interview gegeben, da sah sie so aus - ein vom Alkohol, aber vor allem vom eigenen Leben zerstörter Mensch. Und so sah sie 18 Jahre vorher aus - bei der Beerdigung von Walter Ulbricht, 1973. Was ist mit dieser Frau passiert?

Eigentlich hieß Beate Ulbricht Maria Pestunowa. Geboren 1944 als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Leipzig. Den Vater hat sie nie kennengelernt, die Mutter starb bei einem alliierten Bombenangriff zwei Wochen nach der Geburt. Ein alter Mann holte den Säugling aus den Trümmern. Man brachte das Mädchen in ein Waisenhaus nach Dresden. Von dort wurde sie zu einer Pflegemutter gegeben.

Ines Geipel, Autorin

"Da ist ja schon sehr viel Unwiderrufliches geschehen für dieses Leben, und es ist offenbar so, dass sie in ihrem Leben, in der Zeit, die sie hatte, nie diese Hand hatte, nie diesen Beistand hatte, nie diese Verbindlichkeit hin zum Leben hatte, dass es sie halten konnte."


1946 traten Lotte und Walter Ulbricht ins Leben der Zweijährigen. Ab jetzt hieß sie Beate Ulbricht. Sie wurde der Pflegemutter weggenommen und kam zu den Ulbrichts nach Pankow. Ins abgesperrte Funktionärsareal, genannt "das Städtchen".

Ines Geipel, Autorin

"Für dieses Mädchen hatten die Ulbrichts ja sofort ein ganz klares Konzept, das ist auch schriftlich festgehalten. Dieses Mädchen hatte 'vergnügt und nützlich' zu sein."


Szene aus dem Dokumentarfilm "Baumeister des Sozialismus" (1953)

"Walter und Lotte Ulbricht sind neugierig. Die Kleine macht in der Nähe ihre Schularbeiten. Wollen doch mal sehen."

"Vergnügt und nützlich" war Beate Ulbricht genau bis zu ihrem 15. Lebensjahr. Dann wurde sie 1959 allein nach Leningrad geschickt - zum Abitur und Studium. Hier versuchte sie ihre eigenen Wege zu gehen. Sie verliebte sich in den Sohn eines italienischen Kommunisten. Von da an begannen erneut die Katastrophen in ihrem Leben. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie den West-Genossen. Ein Kind wurde geboren. Aber die Ulbrichts zerstörten die Ehe. Bei einem Besuch in Berlin ließen sie der Tochter den Personalausweis wegnehmen, so dass sie nicht mehr zu ihrem Mann in die Sowjetunion reisen konnte.

Ines Geipel, Autorin
"Das ist eine Symbolgeschichte für den Osten. Das Staatskind und was ist ihr Schicksal... Es ist eine traumatische Geschichte, eine hochemotionale, aber eben auch eine traurige Geschichte. Sie hat in ihrem Leben nie wirklich eine Chance bekommen."

Als diese Bilder 1973 entstanden, war Beate Ulbricht 29 Jahre alt. Sie hatte inzwischen ein zweites Mal geheiratet, noch ein Kind bekommen. Auch diese Ehe zerbrach. Beate Ulbricht hatte die Kraft für ein normales Leben verloren. Sie fing an zu trinken, erschien nicht mehr bei der Arbeit. Ihr neues Zuhause war jetzt die Straße, ihre Familie die Saufkumpanen. Minutiös dokumentierte die Stasi, wie sie zum Beispiel regelmäßig aus dem Café Moskau torkelte. Irgendwann wurde ihr das Sorgerecht für die Kinder entzogen.

Ines Geipel erzählt das alles aus der Perspektive einer italienischen Freundin von Beate Ulbrichts damaligem Mann. Ein Blick von außen auf diese tragische Geschichte in Ost-Berlin.

Beerdigt wurde Beate Ulbricht in einem anonymen Urnengrab in Baumschulenweg. Diese Frau hat auf der Welt einfach keinen Ort zum Leben gefunden.


Autor: Ulf Kalkreuth

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