Natascha Meuser im Berliner Zoo (Quelle: rbb)
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- Natascha Meuser: "Architektur im Zoo"

Der Berliner Zoo ist nicht erst seit dem neuen Pandapärchen ein Besuchermagnet. Doch was sind die Gehege für die Zootiere - Gefängnisse oder Oasen? Die Berliner Architektin Natascha Meuser erforscht, was Zooarchitektur über unser Verhältnis zum Tier erzählt.

Nein, Berlin hat keinen neuen Wellnesstempel. Wir sind im Pandagehege, pardon, Garten. So nah sind wir den Tieren noch nie gekommen. Über den Chinakitsch können wir da hinwegsehen. Architektin Natascha Meuser ist hingerissen.

Natascha Meuser, Architektin
"Die sind ja wirklich süß."


Und natürlich haben sie nicht irgendein Gehege bekommen, sondern eine ganze Appartementanlage.

Zoo-Führungsleiter
"Wir haben dieses Gebäude gebaut in drei Kategorien, also Schlafzimmer, Wohnzimmer und einen großen Garten. Das sind so richtige Wohlfühloasen."


Hier geht es auch um unser Wohl, darum unseren Pandabesuch noch aufregender zu gestalten.

Natascha Meuser, Architektin
"In der Zooarchitektur, wie wir sie heute verstehen, ist der Innenraum und auch das Außengehege ein komplett inszenierter Raum. Das ist nichts zufällig. Jeder Busch, jede Laufoberfläche, jede Absperrung ist geplant."

Die Architektur lenkt unseren Blick, wie im Theater, meint Natascha Meuser. Gehege sind also wie Bühnenbilder. Der Zoo nur eine Illusion eines Naturerlebnisses. Natascha Meuser hat zehn Jahre über Zooarchitektur geforscht und ein Buch darüber geschrieben. Eigentlich baut sie Botschaften, in Krisengebieten wie Afghanistan. Der Zoo erinnert sie ein wenig an diese Arbeit: Hochsicherheitsarchitektur, Absperrungen. Der Zoo wie ein Gefängnis? Das verdrängen wir lieber. Die Architektur hilft uns dabei.

Natascha Meuser, Architektin

"Weil wir die Grenzen der Gehege verschönern. Es nicht mehr das Gitter sichtbar oder die Abgrenzung, der Zaun, sondern wir haben einen Wassergraben. Und die Grenzen werden unsichtbar. Wir verschönern die Grenzen. Meiner Auffassung nach gibt es kein artgerechtes Gehege. Wir haben ein umzäuntes Tier, das wir präsentieren und inszenieren."

Natascha Meuser hat sich auch mit der Geschichte beschäftigt. Das Giraffenhaus erzählt von den Anfängen des Berliner Zoos, der 1844 eröffnet. Die Tiere werden wie exotische Exponate ausgestellt, in Fantasiebauten aus 1001 Nacht.

Die Idee des gitterlosen Zoos entwickelte Carl Hagenbeck in Hamburg, um 1900. Damals revolutionär: Flamingos neben Raubtieren, inszeniert als friedliches Miteinander.

Natascha Meuser, Architektin
"Wir haben natürlich immer das Bedürfnis nach einem paradiesischen Landschaftsbild. Und wenn ich hier schaue, sehe ich Natur und keine Architektur und habe für mich das Gefühl, dem Tier geht es gut."

An der Zooarchitektur lässt sich ablesen, wie es steht, um unser Verhältnis zum Tier und wie es sich verändert hat. Das Tier hat sich in unsere Herzen geschlichen: wie Gorilla Knorke, die legendäre Panda-Dame Chichi, die für Besucherstürme im Ostberliner Tierpark sorgt, bis hin zu Knut. Unsere Lieblinge möchten wir nicht in Käfigen sehen, sondern in großzügigen Landschaften. Nur ist der Platz im Innenstadtzoo beschränkt.

Ganz anders im Tierpark, der in Ostberlin 1955 eröffnet, mit seinem weitläufigen Park, weidenden Herden und einem schon damals ziemlich modernen Anspruch.

Archiv
"Der Besucher soll sowohl Tiere sehen, als auch eine schöne Parklandschaft, in der er sich erholen kann."

Im Zoo wollen wir was erleben, wie hier die Abenteuerwelt Gondwanaland in Leipzig. Wilde Tiere schlicht anschauen? Dafür gibt es heute Dokus. Wir wollen die Wildnis spüren.

Natascha Meuser, Architektin

"Alles kleidet sich in Geschichten und Erlebnisse, so auch der Zoo. Aber er verliert an seiner Ehrlichkeit und an seinem wissenschaftlichen Anspruch. Und da muss er meiner Meinung nach auch wieder hin."

Der Zoo der Zukunft? Pläne für Singapur und St. Petersburg zeigen, wie er aussehen könnte. In Berlin schmiegt sich das Flusspferdhaus zukunftsweisend in die Landschaft. Dem Tier ist das schnuppe. Wohlfühloase hin oder her, es bleibt sein Gefängnis.


Autorin: Vanessa Loewel

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