Premiere am Berliner Ensemble (Quelle: rbb)
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- Neustart am BE: Intendant Reese startet in die Spielzeit

Mit gleich drei Premieren beginnt das Berliner Ensemble unter seinem neuen Intendanten Oliver Reese eine neue Ära. Dabei setzt Reese ganz auf sein mit hochkarätigen Namen besetztes Schauspielerensemble.

Hier geht gerade die Post ab. Gelb ist die Farbe dieser Theatersaison. Gelb grüßt das Berliner Ensemble und gibt sich ganz neu. "Wir glauben ans Drama", hatte Intendant Oliver Reese programmatisch verkündet. Und damit gutes, bewährtes Ensembletheater gemeint. Wie das anders geht als in Peymanns "Klassiker-Museum" sollte zum Auftakt Regie-Star Antú Romero Nunes beweisen. Mit seiner Version des Schreckensherrschers "Caligula".

Antú Romero Nunes, Regisseur

"Das heißt ja nicht, dass wir jetzt bieder werden, sondern dass wir hier auf den Schauspieler setzen, und daraus entsteht alles, aus dem Spieler, aus den Gesetzen des Spiels entsteht die ganze Sache. Und insofern ist das jetzt ein Ort, wo sehr viel passieren kann, gerade in den Zeiten, wo es so viel Multimedia gibt usw., da muss ich dem ja nicht hinterher rennen. Wir haben den Vorteil, wir sind im live."

Szene aus "Caligula"
"Du denkst, ich bin verrückt?"
"Ich denke nicht, dazu bin ich viel zu intelligent."
"Ich bin aber nicht verrückt, ich war noch nie so vernünftig. Ich habe nur plötzlich ein Bedürfnis nach Unmöglichen verspürt. Die Dinge scheinen mir so, wie sie sind, nicht befriedigend."
"Das ist eine ziemlich weit verbreitete Ansicht."
"Ja, aber vorher wusste ich es nicht. Jetzt weiß ich es."
"Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich."

Darum geht es. Eine Frau in der Rolle des Tyrannen - das erscheint zunächst als ein nicht allzu origineller Regie-Clou. Doch wie Constanze Becker alle männlichen und weiblichen Attribute in ein menschliches Desaster aus Überdruss, Fiesheit und Größenwahn verwandelt, ist von ungeheurer Art und stark. Ein Machtmonster jenseits aller aktuellen Ebenbilder - und deshalb so brisant.

Constanze Becker, Schauspielerin

"Wahrscheinlich hat man immer das Gefühl, dass es wahnsinnig brisant ist, weil es immer Menschen auf der Welt gibt, die ihr Land seltsam führen, seltsame Konstellationen, wo man sich fragt: Ist das eine Regierungsform, in der ich gerne leben würde?

Szene aus "Caligula"
"Das Schicksal kann man nicht verstehen. Und deshalb habe ich mich zum Schicksal gemacht. Ich habe das blöde unverständliche Gesicht der Götter angenommen."
"Genau das ist Blaspemie."

"Nein, das ist Schauspielkunst."

Intendant Oliver Reese hat ein hochkarätiges Ensemble an den Schiffbauerdamm gelockt.

Constanze Becker brachte er selbst aus Frankfurt mit. Patrick Güldenberg kam quasi von nebenan, drei Jahre spielte er am besten Theater Deutschlands, an Castorfs Volksbühne.

Szene aus "Caligula"  

"Lass mich."
"Ja, ich werde dich lassen."

Patrick Güldenberg, Schauspieler
"Ich war, ehrlich gesagt, zu meiner Schande muss ich gestehen, nur zwei Mal vorher im BE. Und einmal  bin ich sogar in der Pause gegangen. Aber ich lerne das Haus kennen, macht Spaß, ich kenne die Gänge nicht, weiß die Wege nicht, auch den ganzen Bereich vor der Bühne kenne ich nicht. Das macht Spaß, das Haus zu erkunden."


Es ist ja auch nicht irgendein Haus. Und die neue Führung ist sich bewusst, dass sie mit dem Theater auch ein Erbe übernimmt. Sich nicht davon abzugrenzen, sondern daran anzuknüpfen, empfindet Hausregisseur Michael Thalheimer geradezu als Verpflichtung und inszeniert - mit Stefanie Reinsberger - Brechts "Kaukasischen Kreidekreis", die Geschichte von Grusche, die ein fremdes Kind rettet.

Szene aus "Der kaukasische Kreidekreis"
"Grusche, du bist eine gute Seele, aber du weißt, die hellste bist du nicht. Ich sage es dir, wenn es den Aussatz hätte, wäre es nicht schlimmer. Sieh zu, dass du durchkommst."
"Es hat keinen Aussatz, es schaut einen an wie ein Mensch."
"Ja, dann schau du es nicht an."


Michael Thalheimer, Regisseur

"Der prägendste Mensch für dieses Haus war nun mal Bertolt Brecht, und er hat dieses 1954 mit dem 'kaukasischen Kreidekreis' eröffnet. Und wir kamen sehr früh dazu uns mit allem Respekt dem zu stellen."

Die wahre Mutter wird die Kraft haben sein Kind aus dem Kreis zu sich zu ziehen.

Grusche hat das Kind in wirren Zeiten beschützt und aufgezogen. Als es die echte Mutter zurückverlangt, will sie es nicht mehr hergeben. Das ist die Geschichte. Und Michael Thalheimer stellt eine alte Frage neu.

Michael Thalheimer, Regisseur
"Dieses Kind muss man einfach ganz metaphorisch verstehen, es geht nicht perse nur um dieses Kind und um diesen Säugling, sondern es stellt eine ganz einfache, und wie ich finde, ganz große Frage: Das ist nicht Wem gehört dieses Kind, sondern wem gehört die Welt?"

Wer darf was besitzen? Wie antastbar ist das Eigentum? Stefanie Reinsperger auf dem Passionsweg der Grusche und Constanze Becker umhüllt von Verlangen und Verachtung - mit diesen schauspielerischen Großtaten gibt das neue Berliner Ensemble seinen Einstand.

Das Publikum jubelt, die Kritikern murren und meckern. Wir meckern nicht. Wir kommen wieder.


Autor: Lutz Pehnert

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