Dieter Hallervorden (Quelle: rbb)
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- Tim Pröse: "Hallervorden - Ein Komiker macht Ernst"

Dem Komiker Dieter Hallervorden ist es mit Mitte 70 gelungen, sich neu zu erfinden und Millionen von Kinozuschauern zu überraschen. Sich selbst bezeichnet er als scheu, doch der Autor Tim Pröse hat es geschafft, ihn für ein Buchprojekt zu öffnen.

Ausschnitt aus "Nonstop Nonsense" (1975)
"Er war Harlekin, Hofnarr, Bajazzo und Clown, stets bereit, alle Welt in die Pfanne zu hauen. Sein Humor ziemlich schwarz, seine Witze manchmal flach, der Krawall und der  Blödsinn, die waren auch sein Fach. Noch einmal Verbeugung, noch einmal Applaus, dann schließt sich der Vorhang, der Narr geht nach Haus. Jedoch, er verstummt nicht, verlasst euch darauf! Der Narr kommt wieder, ein Narr gibt nie auf."


Der Münchner Autor Tim Pröse porträtiert Dieter Hallervorden, den alle als "Komiker der Nation" kannten - bis er jetzt nochmal alle überraschte.  

Tim Pröse, Autor

"Der Untertitel des Buches heißt 'Ein Komiker macht ernst'. Und dazu gibt es ein wunderbares Lied, das ich bei einem seiner seltenen Auftritte vor drei Jahren entdeckt hatte."


Ausschnitt aus "Derdehmel"

"Für andere stolpern, sich reichlich blamieren, als Satiriker die ganz große Lippe riskieren - und manchmal, da fragte man sich: Hat denn das Sinn?"

Tim Pröse, Autor
"Wer dieses Lied hört, der wird verstehen, wie lange, wie viele Jahrzehnte ein Mann sich sehnen kann, er selbst zu sein. Und diese lange Reise, die beschreibe ich in meinem Buch."


Die Lebensreise des Dieter Hallervorden beginnt in Dessau. Dort geht er nach dem Krieg zur Schule, erlebt sozialistischen Alltag. Nach dem Romanistikstudium in Berlin eckt er mit subversiven Späßen schnell bei der Staatsmacht an. Und entkommt 1958 der Festnahme nur ganz knapp.

Tim Pröse, Autor

"Anarchie ist tatsächlich etwas, das in ihm steckt. Denken Sie an seine Flucht aus der DDR in den Westen, das war auch sein anarchisches Herz. Er suchte seine Freiheit, lebenslang."

Der Westen der Stadt bietet ihm Raum zur Entfaltung seiner Talente. Die meiste Zeit verbringt er im Theater.

Tim Pröse, Autor

"Dort saß er ja als Student und sah seine großen Idole: Bernhard Minetti und die Knef sah er dort auf der Bühne. Und war selbst abgeblitzt an der Schauspielschule."


Macht ja nichts. Hallervorden gründet sein eigenes Kabarett, die Wühlmäuse. Und spielt selbst: Slapstick mit Whiskygläsern. Eigensinniger Humor, schon damals.

Hallervorden nimmt privates Geld in die Hand, um den Wühlmäusen eine größere Bühne zu verschaffen. Fast ein halbes Jahrhundert leitet er das Haus, fördert immer wieder junge Talente, Kabarettisten und Comedians.

Der Entertainer Hallervorden wird zur Berliner Ikone, ein bisschen wie Juhnke - und auf eigene Weise unberechenbar.

Als Didi kitzelt er im Fernsehen der 70er das Bedürfnis nach Klamauk bei jedem wach: Hampelnd, grimassierend und jederzeit unverwechselbar.   

Tim Pröse, Autor

"Das war Donald Duck’scher Humor, den wir damals hatten. Und wir alle haben ja Donald Duck geliebt, nicht Onkel Dagobert. Und deshalb haben wir auch Didi geliebt."


Wenn er die Rampensau satt hat, wird er zum Robinson. Schon in den 80er Jahren kauft Dieter Hallervorden sich eine Insel vor der Bretagne, mitsamt Chateau. Um Didi zu entkommen und - so verrät er es Tim Pröse - aus Durst nach Einsamkeit und Unverstelltsein. Privat mag er scheu sein, doch gern zeigt der Narr die späte große Liebe zu Christiane, seiner Lebensgefährtin.

Nach der Übernahme des Schlosspark-Theaters 2008 steht Hallervorden endlich auch selbst wieder auf der Bühne. Und spät, gerade mal nicht zu spät, wechselt er die Lebens-Rolle: Auf der Leinwand. "Sein letztes Rennen" - als alter Marathonläufer Paul Averhoff, der versucht, dem Tod davonzurennen, wächst Hallervorden nicht nur physisch über sich hinaus. Das ist nicht mehr der Komiker der Nation.

Und dann das Alzheimer-Drama "Honig im Kopf": Ein Schauspieler konfrontiert das Kinopublikum mit einer Tiefe von Ausdruck und Empfindung, die ihm - bei aller Liebe zu Didi - keiner zugetraut hatte.  

Tim Pröse, Autor

"Dass wir jetzt seit drei, vier Jahren, seit 'Sein letztes Rennen' und 'Honig im Kopf' diese berührende Seite an ihm kennenlernen, hat ja niemand erwartet. Und vor allem, dass er uns alle so sehr mitreißt mit dieser traurigen Seite."


Tim Pröse sucht und findet in seiner Biographie den anderen Hallervorden - das ist einfühlsam, nicht immer ganz kitschfrei erzählt. Hallervorden, der Virtuose des Klamauks, Getriebener und Gemütsmensch, als Entertainer der Letzte seiner Art. Ein bisschen hält er auch für uns die Zeit an.

Ausschnitt aus "Nonstop Nonsense" (1975)
"Noch einmal Verbeugung, noch einmal Applaus, dann schließt sich der Vorhang, der Narr geht nach Haus. Jedoch, er verstummt nicht, verlasst euch darauf! Der Narr kommt wieder, ein Narr gibt nie auf."


Autor: Andreas Lueg

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