Besetzte Volksbühne von Außen (Quelle: rbb/Wolfgang Porsche)
rbb/Wolfgang Porsche
Bild: rbb/Wolfgang Porsche

- Künstlerkollektiv besetzt die Volksbühne

Mehrere Hundert Aktivisten haben die Volksbühne besetzt. Damit hat der Streit um die Neuausrichtung des Traditionshauses am Rosa-Luxemburg-Platz eine neue Eskalationsstufe erreicht. Welchen Sinn macht dieser Protest?  

Rosalia Rabe-Blum, Sprecherin des Künstler-Kollektivs
"Das Theaterhaus ist ein Symbol für die Stadtentwicklung, wenn wir die Abwicklung eines widerständigen Ortes nicht hinnehmen, stellen wir damit die Fragen: Wem gehört die Stadt? In welchen Verhältnissen leben, arbeiten wir, wollen wir arbeiten, wohnen und wirken."

Peter Laudenbach, Theaterkritiker
"Es gibt sehr gute Gründe sich gegen die Gentrifizierung der Stadt zu wehren. Das finde ich total nachvollziehbar. Ich kann sogar verstehen, wenn Leute auf die Idee kommen um Häuser zu besetzen, als Protest gegen die Gentrifizierung. Aber dann doch bitte kein Theater, sondern zum Beispiel leer stehende Stepkulationsimmobilien, also Objekte die wirklich mit Gentrifizierung und mit dem Geldverdienen an der Ware Wohnen zu tun haben."

Rüdiger Schaper, Theaterkritiker
Ich weiß wirklich nicht, was die Leute da wollen. Sie wollen eine Eventbude verhindern, aber das ist eben genau das was da gerade stattfindet - große Attraktion in Mitte wahrscheinlich auch für Touristen. Also wenn man Eventbude haben will, haben sie es jetzt geschafft, die Besetzer dort."

"Doch Kunst" steht seit Freitag am Eingang der Volksbühne. Seit Monaten haben sich etwa 100 Aktivisten auf diese Besetzung  vorbereitet.  Schon vorab schwirrte dieses Vorhaben als Gerücht und Ankündigung durch die sozialen Netzwerke. Angeblich gehe es dabei nicht um die Personalie Dercon, doch die Besetzer machen deutlich, dass sie jetzt hier das Sagen haben.

Rüdiger Schaper, Theaterkritiker
"Im übrigen kann man sich auch Sorgen machen, um das Haus und Theater, das ist ein sehr sensibler Raum mit viel Technik. Da kann sehr leicht was kaputt gehen. Da kann sehr leicht eine Situation außer Kontrolle geraten, wenn so ein Flashmop da einfach Party macht tagelang. Das finde ich nicht gut und ich denke auch, das ist ein bisschen das Ergebnis einer Kulturpolitik von Klaus Lederer, der einfach Chris Dercon nicht will und der alles gut findet was Chris Dercon und der neuen Volksbühne schadet."

Peter Laudenbach, Theaterkritiker
"Am Tag vor dieser Besetzung sagte der Pressesprecher von Dercons Volksbühne bei einer Premiere zu Journalisten, in den nächsten Tagen wird die Volksbühne besetzt. Wenn man das so genau weiß, verstehe ich nicht, dass man das nicht verhindern konnte, dass man zu gelassen hat, dass diese Leute ins Haus eindringen, sich Dinge zu eigen machen und wie ihren Privatbesitz behandeln. Ich denke, er hätte es verhindern können und ich glaube auch er hätte es verhindern müssen. Er ist der Hausherr, das heißt alles was da jetzt geschieht, geschieht in seiner Verantwortung."

Dass es sich bei dem Besetzungsspektakel nur um ein Wochenende der Anarchie handeln könnte, dem widersprechen die Initiatoren. Sie bestehen auf eine "dauerhafte Übernahme des Hauses als eine darstellende Theaterperformance". Gespräche von Chris Dercon und Kultursenator Klaus Lederer mit den Besetzern blieben bisher ohne Einigung.

Rüdiger Schaper, Theaterkritiker
"Es gibt Kräfte in der Stadt, die Chris Dercon nicht wollen, sie werfen ihm alles vor, es ist alles Mist. Und jetzt haben wir natürlich eine Dynamik, die vielleicht eine Art Abwärtsspirale ist, das finde ich auch nicht gut, weil mal ganz davon abgesehen, wie man Chris Dercon und seine Pläne einschätzt, die wir erstmal realisiert sehen müssten - wir reden von ungelegten Eiern noch und noch - habe ich im Moment den Eindruck, ich wiederhole, dass durch die Politik von Kultursenator Klaus Lederer, das die Institution Volksbühne als solche geschädigt wird."

Peter Laudenbach, Theaterkritiker
"Herr Dercon hat den zweithöchsten Etat aller Theater in Berlin, das sind 20 Millionen Euro in diesem Haushaltsjahr. Das ist unglaublich viel. In den ersten zweieinhalb Monaten seiner Amtszeit zeigt er genau 18 Vorstellungen, das heißt an drei von vier Tagen gibt es kein Theater. Im Augenblick ist das ein Haus, in dem für unglaublich viel Geld unglaublich wenig Theater gezeigt wird. Das meiste sind Gastspiele, die woanders  schon zu sehen waren. Und wenn er es in dem Stil weiterbetreibt, wird er im Laufe des Jahres brutale Geldschwierigkeiten bekommen. Er hat hohe Kosten, zahlt wohl auch sehr üppige Gagen und wenn er keine Einnahmen hat, wird es sehr schwierig werden. Und ich glaube die Zukunft der Intendanz Dercon wird sich entscheiden an zwei Dingen: gelingt es ihm dieser Besetzung, die er zumindest toleriert hat, wo er somit auch dran Mitschuld ist, auf eine elegante, kluge Weise umzugehen und gelingt es ihm die Haushaltsetatprobleme, die er jetzt schon hat, irgendwie aufzufangen."

Am Samstagabend zogen tausende Leute durch die Foyers und Salons der Volksbühne. Ob Regisseurin Susanne Kennedy am Montag in der Volksbühne weiterproben kann, ist ungewiss. Von einer Räumung spricht bisher niemand. Das Ende dieser Volksbühnen-Inszenierung ist offen.


Autor: Lutz Pehnert

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