Berliner Taxifahrer über schlechte Laune (Quelle: rbb)
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- "Lob der schlechten Laune" - ein Buch von Andrea Gerk

Was haben Thomas Bernhard, Dagobert Duck und Jack Nicholson gemeinsam? Sie stehen in ihren Geschichten und Rollen oftmals für die mürrischen und misanthropischen Helden. Die Autorin Andrea Gerk zeigt in ihrem Buch "Lob der schlechten Laune", dass Übellaunigkeit nicht schlecht sein muss. 

Bundestagswahl 1976. Herbert Wehner hatte schlechte Laute. In der Disziplin war er ganz groß. Oder der hier: er hat auch nie einen Hehl aus seiner schlechten Laune gemacht. Und der kleine Mann von der Straße? In den 80er Jahren noch komplett schlecht gelaunt - ohne Gurke in der Hand.

Diese Frau hat auch häufig schlechte Laune. Sie ist Redakteurin beim Radio, aber nicht Dudelfunk, sondern Deutschlandfunk, da tut man noch nicht mal so, als hätte man gute Laune. Andrea Gerk hat eine Selbstverteidigungsschrift verfasst, was hat sie dazu getrieben?

Andrea Gerk, Autorin und Moderatorin
"Ein sehr guter Freund, der mich mittags beim Mittagessen angesprochen hat, und meinte, schreib doch mal ein Buch über schlechte Laune, davon verstehst du wenigstens was."


Andrea Gerk ging auf die Suche nach der schlechten Laune, wo ist sie geblieben? Schnell fanden sich Gesinnungsgenossen und die Selbstverteidigungsschrift wurde zum Ritt durch die Kulturgeschichte, die im Fazit ohne schlechte Laune nur halb so lustig wäre.

Angeblich sind livrierte Kellner, Busfahrer und Taxifahrer ja immer schlecht gelaunt und pampig, aber das sind doch alles nur Klischees! Oder? Schlechte Laune in der Taxibranche?

Taxifahrer
"Oh ja, die habe ich, jeden Tag aufs Neue, weil man den ganzen Tag nur von Idioten umgeben ist. Das geht morgens los und hört abends auf."

Andrea Gerk, Autorin und Moderatorin
"Haben sie denn manchmal das Gefühl, dass die schlechte Laune auch eine gute Funktion hat? Also, zum Beispiel dass man sich dadurch Ruhe verschafft?"

Taxifahrer

"Nein, ganz im Gegenteil, durch die schlechte Laune, die ich permanent habe, dadurch werde ich eigentlich erst so richtig motiviert, dagegen anzukämpfen. Das ist so mein tägliches Dasein, eigentlich."


Prima, daraus kann eine produktive Kraft erwachsen! Und in der Effizienzmaschine Adlon? Hier wird die schlechte Laune einfach outgesourct. Die Mitarbeiter leisten Emotionsarbeit.

Andrea Gerk, Autorin und Moderatorin
"Was die lernen oder auch können vielleicht, sie machen das Gegenteil dessen, was man instinktiv im Alltag macht: Wenn mich im Alltag jemand anpampt, ob das zuhause meine Kinder sind oder irgendeiner auf der Straße, dann motze ich ja meistens zurück."


In der Servicearbeit macht man dann positive Angebote. Andrea Gerks Buch ist auch ein Kaleidoskop übellauniger Figuren. Und sie hinterfragt, warum genau die, soviel Heiterkeit auslösen.

Ekel Alfred war deshalb so erfolgreich, weil sich die halbe Nation darüber amüsierte, einen Doppelgänger ihres Ehemanns oder Vaters auf dem Bildschirm herumnörgeln zu sehen, schreibt Andrea Gerk.

Andrea Gerk, Autorin und Moderatorin

"Ich zumindest meine, dass es in meiner Kindheit normaler war, dass Leute schlecht gelaunt waren. Die Männer sind halt arbeiten gegangen und haben sich ansonsten mit ihren Freunden am Stammtisch getroffen und haben vor sich hin gebrummelt."


Heute ist das Alter eine Art zweite Jugendzeit, bunt gekleidete Senioren, die vor Unternehmungslust strotzen. Heute trägt Oma keine Kittelschürze mehr, heute ist man wahnsinnig aktiv. Aber Obacht, wenn die Polizei kommt ist schlechte Laune wieder omnipräsent.  

Tatort Dortmund. Kommissar Faber ist komplett verspannt, der deutsche Fernsehkrimi ein Hort der schlechten Laune. Es ist schon pathologisch. Auch Bella Block hat chronisch schlechte Laune.

Andrea Gerk, Autorin und Moderatorin

"Die führen ja ein Leben, was kein Mensch aushalten würde, also ständig werden die mitten in der Nacht geweckt von irgendeinem Anruf, dass sie dringend zu irgendeinem Tatort kommen müssen. Die trinken alle viel zu viel, weil sie das alles so aushalten müssen und sie sehen ja ständig Sachen, die eigentlich niemand von uns täglich ertragen würde."


Und viele von uns ertragen noch nicht mal das ganz normale Umfeld: Arbeit und Familie, das sind die "Schlechte-Laune-Hochburgen". Schön, wenn dann draußen die Stimmung wieder steigt, aber muss man deshalb diese "Masken" spielen? Vorsicht vor dem vorgetäuschten Lächeln, sonst lauert die Entfremdung. Auch das erklärt Andrea Gerk in ihrem aufrichtigen "Lob der schlechten Laune".


Autor: Sascha Hilpert