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- "Pre-Crime" - wenn Computer Verbrechen vorhersagen

Was wäre, wenn die Polizei vor einer Tat am Ort des Verbrechens sein könnte? Wenn Computer Straftaten voraussagen könnten? Klingt nach Science-Fiction, ist aber schon lange Realität. Das zeigt der Dokumentarfilm "Pre-Crime".

Potential Threat - mögliche Bedrohung: In Chicago beobachten Kameras das öffentliche Leben, registrieren Bewegungsmuster und Kontakte von Passanten. Die Totalüberwachung ist Teil von "Predictive Policing", vorhersage-basierter Polizeiarbeit: Ein Computer-Algorithmus sagt voraus, wo ein Verbrecher zuschlägt und errechnet, wer gut und wer böse ist.

Das ist nicht Hollywood, sondern in den USA Praxis. Auch Robert Mc Daniel geriet unschuldig ins Visier. Der Dokumentarfilmer Matthias Heeder las von seiner Geschichte beim Frühstück: Beginn seiner Recherche für "Pre-Crime".

Matthias Heeder, Regisseur
"In der Datenbank von Chicago waren es anfänglich 400 Namen und das waren zu 85 Prozent Schwarze. Und dieses Verhältnis finden Sie in allen Programmen, die Algorithmen benutzen, um Menschen zu klassifizieren."


Robert Mc Daniel war kein Verbrecher,  doch der Algorithmus errechnete eine hohe Wahrscheinlichkeit, weil er mit einem Mordopfer befreundet war. "Pre-Crime" erzählt von einer gespenstischen neuen Wirklichkeit: Kameras, Fernseher, Smartphones und "das Leben der Anderen", das immer auch unser eigenes ist.  

Matthias Heeder, Regisseur
"Wir sitzen in dieser Box, und wir wissen viel zu wenig darüber, wie auf den unterschiedlichsten Ebenen unseres Lebens Daten gesammelt, verarbeitet und zu welcher Art von Erkenntnis werden sie eigentlich verarbeitet?"

Auch in Berlin wird Predictive Policing getestet. Bahnhof Südkreuz: Es geht um intelligente Videoüberwachung, um zum Beispeil Terroristen zu entdecken. Die Software arbeitet aber ohne Personenprofile - davor ist der Datenschutz. Noch.

Simon Egbert, Kriminalsoziologe
"In Deutschland werden im Rahmen von Predictive Policing von den Landespolizeien erst mal keine personengebundenen Verfahren eingesetzt und auch keine solchen Daten prozessiert. Die Frage ist aber, wenn tatsächlich ein terroristischer Akt im Herzen Deutschlands passiert bzw. wiederholt passiert, dann wandelt sich ganz schnell der politische Diskurs und dann sind Eingriffe von Sicherheitsbehörden möglich, die bis dato als völlig unverhältnismäßig und unvorstellbar galten."

Simon Egbert erforscht die Funktionsweise, aber auch Risiken und Nebenwirkungen der auch bei uns immer häufiger eingesetzten Videotechnologie. So weiß die Polizei etwa bei Wohnungseinbrüchen schneller, wo sie präsent sein muss.

Simon Egbert, Kriminalsoziologe
"Andererseits auch immer die Frage, wie wird mit diesen Ergebnissen eigentlich behördlich umgegangen und was ist wirklich die Information, die ganz vorn in den Prozess eingespeist wird und was ist die, die hinten rauskommt?"

Matthias Heeder, Regisseur
"Wenn der Algorithmus ein Gebiet unter Alarm stellt, dann fährt der Polizist mit einem anderen Blick durch dieses Gebiet.
Das heißt, in dem Moment ist jeder, der dort spazieren geht, nicht notwendigerweise kriminell, aber er wird anders angeguckt."

Die Szene im Film ist nachgestellt. Wer ist verdächtig? Die Software - so zeigt "Pre-Crime" - ist nur so vorurteilsfrei wie die Menschen, die sie programmieren. Kontrolle: schwierig. Auch bei uns weiß keiner, wer mit welchen Daten hantiert. Facebook-Likes und Twitter-Tweets, wer andere zum Spiel "Rage" einlädt, macht sich für den Polizeicomputer verdächtig. Wir alle liefern mit.

Matthias Heeder, Regisseur
"Indem wir akzeptieren, dass wir in einer Überwachungsökonomie leben - auf der einen Seite staatlich immer stärker unter Beobachtung, auf der anderen Seite freiwillig durch die privaten Angebote der Internet-Konzerne. Diese Datensammlungen sind die Grundlage dafür, Programme dafür zu entwickeln, die Verhalten der Bevölkerung in jeder beliebigen Richtung steuern können."

Beeinflussung des Kaufverhaltens, Fake News oder Meinungsmache in sozialen Medien: Die Zukunft ist schon da. Und damit viele Fragen. Wieviel persönliche Freiheit etwa sind wir bereit preiszugeben für unsere Sicherheit? Politiker versprechen sie den Bürgern - und verkaufen ihnen dabei auch den allwissenden, aber fehlbaren Computer.  

Simon Egbert, Kriminalsoziologe

"Ich glaube, dass Sicherheit ein ganz starker Faktor in der Gesellschaft geworden ist, weil sie kaum noch hinterfragt wird. Auch Prävention ist immer erstmal positiv konnotiert, und die Leute, die das bezweifeln, sind dann in der Begründungspflicht, und die dafür sind, nicht. Obwohl man immer fragen müsste: Was bringt es denn konkret?"

"Pre-Crime" - Verbrechen lassen sich nur schwer vorhersagen und der Preis für den Versuch ist hoch.


Autor: Andreas Lueg

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