Archiv: Schauspieler Andreas Schmidt im Interview (Quelle: rbb)
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- Andreas Schmidt

Der Schauspieler, Grimme- und Filmpreisträger Andreas Schmidt ist im Alter von 53 Jahren nach längerer Krankheit verstorben. Ein Millionenpublikum hat ihn in Erinnerung - etwa durch seine Rolle in Andreas Dresens Spielfilm "Sommer vorm Balkon" oder die "Krause"-Reihe.

Hübscher Kerl, Everybodies Darling, Schwiegermutters Sohn - das war nicht sein Fach. Er spielte die Männer nicht, wie man sie sich wünscht, sondern wie sie sind, Großkotz und Hanswurst zugleich, Macho und Weichei, Träumer statt Traummann. Aber er spielte sie so, dass man sie nicht vergisst.

Andreas Schmidt (2009)

"Natürlich möchte man, wenn man eine Figur spielt, dass die geliebt oder mindestens verstanden wird. Auch wenn man die schlimmsten Arschlöcher spielt, möchte man doch begreiflich machen, warum sich ein Mensch in diese Richtung entwickelt hat."


Nicht wenige der Typen, die Andreas Schmidt gespielt hat, könnten aus Berlins Märkischen Viertel stammen, in dem er groß geworden ist. Schmidt war hier "Spargeltarzan" und die Kindheit kein Vergnügen, oft hart, bitter und umstellt von harten Herzen.

Andreas Schmidt (2009)
"Es war für mich ein Milieu geistiger Enge. Und daraus auszusteigen, sich von den engen Regeln in den Köpfen, auch im eigenen Kopf zu befreien, das war das Wichtigste."


Aus dieser Enge hat er sich heraus gearbeitet, nicht gewütet, nicht rebelliert. Anders werden, hieß für ihn ankommen. Ein langer Weg. Er studierte Germanistik und Philosophie, belegte Schauspiel- und Regieseminare, spielte Theater in Mannheim. Dann lernte er Regisseur Eoin Moore kennen, fünf Filme drehte er mit ihm: Brutaler Ehemänner, hilflose Väter, verzweifelte Seelen.

Andreas Dresen, Regisseur
"Er hat da auch diese harten, verwickelten Charaktere, komplizierten Menschen gespielt mit einer großartigen Kraft und auf der anderen Seite mit einer Zärtlichkeit. Und so habe ich ihn in der eigenen Arbeit auch kennengelernt, als wir 'Sommer vor Balkon' gedreht haben, als er sich diesen schrägen Trucker-Fahrer mit einem wunderbaren Humor angeeignet hat."


Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor
"Wir hatten so ein Wort gefunden für die Figur: ein Verlierer, der als Gewinner arbeitet. Und das konnte er wunderbar. Man denkt sich eine Figur aus, man schreibt sie aus dem Leben ab. Aber dann begegnet sie dem Schauspieler und seiner Fantasie, sonst ist es am Ende keine Rolle."


Kleiner Verstand, großes Herz. So war er als Gurki, Sänger der Tiffanys. Andreas Schmidt war der Meister aller schrägen Vögel. Aber er zeigte sie nicht als Deppen oder Versager schlechthin, die Liebe zu seinen Figuren machte sie jeweils besonders. Für Gurki bekam er den Deutschen Filmpreis.

Selbst Regie geführt hat er nur am Theater. Nicht als Despot, er war kein Alleswisser und achtete die Erfahrungen seiner Kollegen. Sein Debüt "Shakespeares sämtliche Werke" gehört seit 20 Jahren zum Repertoire der Vaganten-Bühne. Erfolgreich inszenierte er im Theater am Kurfürstendamm und stand selbst auf der Bühne.

Die ihn kannten, bewunderten seine Begabung zum Menschsein: bescheiden, neugierig, freundlich. Er gehörte zu jenen Schauspielern, die sich nicht so wichtig nehmen. Zuerst bin ich Ehemann und Vater, sagte er.

Andreas Dresen, Regisseur
"Er war eine besonderer Mensch, ein besonderer Schauspieler mit einem eigenen Ton, einem rauen und zärtlichen Ton zugleich."

Leise und lächelnd zu den Anderen hat er gegen seine Krebskrankheit angekämpft. Als er zu schwach war, um noch zu spielen, begann er ein Drehbuch zu schreiben. Er wollte nicht einfach beigeben. Er hat das richtige Leben gelebt. 53 Jahre. Länger sollte es nicht sein.


Autor: Lutz Pehnert

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