Exponat aus der Marlene Dietrich-Ausstellung im Filmmuseum Potsdam (Quelle: rbb)
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- "Fesche Lola, brave Liesel" - Marlene Dietrich und ihre verleugnete Schwester

Jede war auf ihre Weise für den Film unterwegs: Hollywoodstar Marlene Dietrich besuchte im Zweiten Weltkrieg amerikanische Soldaten an der Front. Ihre Schwester Elisabeth Will betrieb in Bergen-Belsen ein Kino für Wehrmachtssoldaten und SS-Mitglieder. Im Buch "Fesche Lola, brave Liesel" wird diese unbekannte Geschichte detailliert erzählt.

Marlene Dietrich, Hollywoodikone aus Berlin - wie viele Legenden ranken sich um sie, wie viele Geheimnisse. 1985 gibt sie eines ihrer letzten Interviews. Sie will nicht mehr gefilmt werden, man hört sie nur. Durch diesen Regie-Einfall wird im Film "Marlene" das Mythische um ihre Person überhöht. Ein Geheimnis der Filmdiva wird auf filmisch ungewöhnliche Weise gelüftet, durch Regisseur Maximilian Schell und sein Filmteam.

Maximilian Schell, Regisseur
"Haben Sie Geschwister gehabt?"

Marlene Dietrich, Schauspielerin
"Nein."

Maximilian Schell, Regisseur
"So sind sie praktisch mit der Mutter allein aufgewachsen?"

Marlene Dietrich, Schauspielerin
"Ja."

Der Autor Heinrich Thies hat nun ein Buch über die ungleichen Schwestern geschrieben. Die "fesche Lola", der Weltstar Marlene und die "brave Liesel", die Mitläuferin Elisabeth im Nazi-Deutschland. Mithilfe von bisher unveröffentlichten Dokumenten erzählt er das wenig bekannte Familiendrama zwischen Hollywood und Bergen-Belsen.

Heinrich Thies, Autor
"Überrascht hat mich am meisten, dass diese beiden Schwestern bei aller Problematik dieser verschiedenen Rollen, die sie gespielt haben, doch zeitlebens ein sehr inniges Verhältnis gehabt haben. Marlene hat Liesel geliebt und Liesel war ihr unheimlich dankbar, trotz ihrer problematischen Vergangenheit."

Am 7. Mai 1945 landet Marlene Dietrich unweit von Bergen-Belsen mit einem amerikanischen Flugzeug. Im Krieg hat sie sich aus tiefster Überzeugung in der US-Army im Kampf gegen Hitler-Deutschland engagiert. Nun aber will sie ihre Schwester Elisabeth treffen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Georg Will hat diese ein Truppenkino der Deutschen Wehrmacht geleitet.

Heinrich Thies, Autor
"Marlene wusste, dass ihre Schwester ein Truppenkino betrieben hat, was ihr natürlich nicht bewusst war, war das Maß des Grauens im benachbarten Konzentrationslager, was sich während des Krieges zugetragen hat, vielleicht war es auch das, was sie dazu bewogen hat ihre Schwester zu verleugnen."

Elisabeth Dietrich wird 1900 in Berlin-Schöneberg geborgen, Marlene kommt ein Jahr später auf die Welt. Elisabeth ist ein braves und Marlene ein keckes Mädchen. Mutter Josefine Dietrich liebt Marlene mehr als Elisabeth und gibt ihr den Kosenamen "Pussycat". Marlene - künstlerisch begabt - spielt Geige. Schon früh schreibt sie Tagebuch und nennt Elisabeth, die immer auf Marlene aufpasst, einen "Tugendmoppel".

Elisabeth wird Lehrerin und heiratet den Dramaturgen Georg Will, ein Wendehals par excellence. 1933 wird er Parteimitglied bei der NSDAP und verspricht sich damit den sozialen Aufstieg.

Seine Schwägerin Marlene ist längst berühmt durch ihre Rolle der Lola im Film "Der blaue Engel". In Hollywood macht sie Weltkarriere, dreht für die großen Filmstudios. Joseph Goebbels will ihren Ruhm für sich nutzen. Sie soll der leuchtende UFA-Star werden. Auch Georg Will versucht, Marlene zur Rückkehr zu bewegen. Obwohl er scheitert, darf er zur Belohnung das Truppenkino in Bergen-Belsen leiten.

Familie Will wohnt über dem Casino neben dem Kino. Elisabeth schaut direkt auf den Truppenübungsplatz. In unmittelbarer Nachbarschaft sterben im KZ Bergen-Belsen bis zur Befreiung durch britische Truppen über 50.000 Häftlinge. Von den Verbrechen dort weiß auch Elisabeth.

Heinrich Thies, Autor
"Und es hat ihr wahrscheinlich einen Schock versetzt, aber die SS-Offiziere waren ihr einfach näher, sie waren Stammkunden und die haben hier auch ihre Champagner-Partys gefeiert im angeschlossenen Casino."

Marlenes Filme stehen im Truppenkino auf dem Index, was Elisabeth sehr bedauert. Sie schreibt Marlene, ihrer "Pussycat", dass der UFA-Star Zarah Leander mit der dunklen Stimme nur eine billige Kopie von ihr sei. Im Krieg reißt der Kontakt zwischen den Schwestern für sechs Jahre ab.

Und Marlene? Seit 1944 dient sie in der US-Armee, nennt sich als Truppenunterhalterin selbst "Captain Dietrich". Marlene gefällt sich in dieser Rolle der Soldatin gegen Nazi-Deutschland.

Nach dem Krieg macht Marlene Elisabeth heftige Vorwürfe. Die Schwester, eine Mitläuferin - das passt nicht zu Marlenes Image. Sie tilgt Elisabeth aus ihrer Biografie und verabredet mit ihr, dass Elisabeth ein Schattendasein führen soll. Elisabeth lässt sich darauf ein und lebt zurückgezogen bis zum Tod 1973 in Bergen-Belsen.

Marlene verleugnet ihre Schwester bis ans Lebensende. Eine tragische Geschichte, im Buch "Fesche Lola, brave Liesel" mitreißend und spannend erzählt.


Autorin: Margarete Kreuzer

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