Laptop mit einem Bild von einer #MeToo-Demo (Quelle: rbb)
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- #MeToo - Wie zielführend ist die Sexismus-Debatte?

Erst Harvey Weinstein, dann Kevin Spacy - der Skandal um sexuelle Übergriffe in Hollywood nimmt kein Ende. Auch in Deutschland wird die Sexismus-Debatte hitzig geführt, wobei der Grenzverlauf zwischen Anteilnahme mit den Opfern, die Verurteilung der Täter und überdrehter Tugendwächterei unübersichtlich ist.

Seitdem Schauspielerin Alyssa Milano ihren Tweet #MeToo publik gemacht hat, gibt es fast täglich neue Anschuldigungen gegenüber Filmemachern: Studioboss Harvey Weinstein, Dustin Hoffmann oder Kevin Spacey sollen Kollegen sexuell belästigt haben.

Weltweit wird über Sexismus diskutiert. Worum geht es da eigentlich? Wir fragen Menschen, die sich damit auseinandergesetzt haben: Autorin Sabine Kray, Künstleragenturchefin Heike-Melba Fendel und Schriftsteller Ralf Bönt. Drei Experten, fünf Fragen.

Los geht es mit Frage 1: Warum melden sich so viele Opfer erst jetzt?

Heike-Melba Fendel, Agenturchefin
"Es braucht immer einen ersten. Wir alle kennen das Märchen von Kaisers neue Kleider: Wenn das kleine Kind nicht gesagt hätte, der Kaiser ist nackt, hätten die vielen 100 Menschen, die es auch gesehen haben, dem auch nicht zugestimmt."

Sabine Kray, Autorin
"Wir hatten eine sehr paternalitische Gesellschaft, aus der heraus Männer agieren konnten über viele Jahre hinweg, das öffnet sich jetzt langsam."

Ralf Bönt, Autor
"Eigentlich handeln wir alles das, was die Geschlechter angeht, komplett neu aus. Und wir sind jetzt genau an so einem Umschlagpunkt, wo so gut wie alles auf den Tisch darf."

Frage 2: Darf man überhaupt noch Filme von Kevin Spacey & Co. gucken?

Ralf Bönt, Autor
"Ja selbstverständlich darf man das. Ich bin zum Beispiel bin jemand, der über Filmschauspieler so gut wie nichts weiß, weil ich das zeitlich nicht schaffe und wenn jemand gut spielt, dann spielt er erst mal gut."

Sabine Kray, Autorin
"Zumal ja auch im Fall von Filmen noch sehr viele andere Menschen an diesen Projekten beteiligt waren. Es wäre ja sehr traurig, wenn die dann mit in der Schublade verschwinden. Und ich würde auch sagen, wir haben uns keine großen Gedanken über Hemingway und Picasso gemacht und auch von denen wissen wir, dass die sehr schlimm zu ihren Frauen waren."

In Amerika werden vermeintliche Täter beim Namen genannt. Ganz anders in Deutschland. Hier gibt es noch keine konkreten Anschuldigungen.

Frage 3: Warum reagieren deutsche Schauspieler so verhalten? 

Heike-Melba Fendel, Agenturchefin
"Meines Erachtens ist diese große Enthüllen etwas, das die Enthüllende eher tatsächlich nackt dastehen lässt und das Medium als dasjenige, dass den Scoup gelandet hat. In den USA wird das etwas anders betrachtet, weil es jetzt al la mode ist sowohl Feministin zu sein, als auch sich solidarisch zu erklären mit Missbrauchsopfern oder sich selbst auch als ein solches zu inszenieren."

Viele Männer sind inzwischen verunsichert. Ist Flirten ab sofort tabu?

Frage 4: Was gilt denn noch als Kompliment, was als Belästigung?

Ralf Bönt, Autor
"Anfassen oder explizite Einladungen ohne Vorankündigung, ohne Vorgespräch, das sind Dinge, die zu weit gehen, die nicht gehen und die fließend in Gewalt natürlich übergehen."

Sabine Kray, Autorin
"Es gibt ja gar kein Problem mit Komplimenten. Es ist nicht so, dass irgendjemand sich aufregen würde, wenn einer kommt und sagt: 'Du siehst heute aber toll aus.' Das ist schön, das hört jeder Mensch gerne. Das kann ich zu einem Mann sagen, genau wie das ein Mann zu mir auch sagen kann. Aber sobald sich ein Kompliment zum Beispiel auf konkrete Körperteile richtet oder irgendwie sexuell etwas Expliziteres bekommt, 'Du siehst aber heiß aus' möchte ich dann eher von Freunden oder meinem Partner hören."

Frage 5: Wird sich durch #MeToo etwas ändern?

Sabine Kray, Autorin
"Ich habe oft den Eindruck, in dem Moment wo wir anfangen Dinge über soziale Medien zu verhandeln, dass es dort auch sehr verpufft."

Heike-Melba Fendel, Agenturchefin
"Die Einzelschicksale ertrinken, ersaufen würde ich sogar sagen unter dieser riesigen Woge des Me Toos
."

Sabine Kray, Autorin  
"Man kann aus der Ruhe seines Zuhauses von seinem Schreibtisch aus Position beziehen und sagen, das ist gut und das ist böse. In der Realität ist es aber oftmals viel  schwieriger Position zu beziehen und da stecken viele Menschen dann doch den Kopf in den Sand."

Hoffentlich diskutieren wir dank "Me too" nun offen über Sexismus. Vielleicht ein Anfang.


Autorin: Kathrin Schwiering

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