Der Filmemacher Rosa von Praunheim zu Gast in der WDR Talkshow "Kölner Treff"
imago, Horst Galuschka
Bild: imago, Horst Galuschka

- Abschied vom Berlingefühl

Das Berlin-Gefühl flaut ab. Inmitten von neuen Cafés und Bars, geht die ursprüngliche liebenswert-verpeilte Schnodderigkeit flöten, die so viele in den Nullerjahren anlockte. Mit dem Abschied vom Abenteuerspielplatz Berlin beschäftigen sich gleich zwei neue Filme: "Überleben in Neukölln" von Rosa von Praunheim und "Der lange Sommer der Theorie" von Irene von Alberti.  

Berlin - eine Stadt mit Eigengeschmack. Unaufgeräumt, schnoddrig, frei. "Arm aber sexy" stand lange als Überschrift über der Stadt, heute fühlt es sich zunehmend arm an.
Rosa von Praunheims: „Überleben in Neukölln“ und Irene von Albertis „Der lange Sommer der Theorie“: Zwei Filme, die uns daran erinnern, dass das besondere Berlingefühl keineswegs selbstverständlich ist und dass es mit dem Spaß auch schnell vorbei sein kann.


Martina Schöne-Radunski & Katja Wieland, Schauspielerinnen
"Wir sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Wir müssen bald wieder in unsere brandenburgischen Dörfer zurückziehen."

Filmausschnitt "Der lange Sommer der Theorie"
Nola "Es kann nicht alles bleiben wie es ist."
Katja: "Es darf nicht alles bleiben wie es ist."
Nola: "Wir führen ein provisorisches Leben. Die Taschen sind immer halb gepackt. Wir sind immer auf dem Sprung."

Katja, Nola und Martina sind die 3 Hauptfiguren des Films „Der lange Sommer der Theorie“. Letzte Bewohnerinnen in einem Abbruchshaus, das Platz machen muss für  Europa City - ein neuer Stadtteil, der hinter dem Hauptbahnhof am Reißbrett entsteht. Zukunft steht selbstironisch auf Nolas Anzug. Denn wenn die Frauen nichts unternehmen, haben sie keine.

Irene von Alberti, Filmemacherin
"Es ist ein bisschen auch eine Selbstkritik, dass man aus der künstlerischen Blase, in der man sitzt auch mal rausgucken sollte. Es ist viel mehr wichtig, sich bewusst zu machen, wie man lebt und wie man leben möchte und was man tun kann und wie man sich seine Stadt auch wieder zurückholen kann."

Auch Juwelia behauptet sich. Und das im dunklen Herzen der Gentrifizierung in  Neukölln. Rosa von Praunheims Dokumentarfilm würdigt genau die Menschen, die den Kiez frisch und bunt machen. Und nun verdrängt werden.

Rosa von Praunheim, Filmemacher
"Ich wollte ein Bild zeigen von Menschen die konstruktiv leben, die Pläne haben, die was Schönes machen, was Gutes machen, was Aufregendes machen, die politisch sind, die interessant sind und nicht einfach jammern wie furchtbar das doch ist."

Durchhalten, sein Ding machen auch wenn das Geld eigentlich nie reicht. Die Bedingungen werden härter für ein Überleben in Neukölln.


Rosa von Praunheim, Filmemacher
"Sie kämpft, Juwelia kämpft ständig, es wird nie ein abgesichertes Leben sein. Sie wird immer kämpfen. Aber im Vergleich zu anderen Ländern ist es hier immer noch eine Spielwiese eine Möglichkeit, seine Träume zu verwirklichen auch mit weniger Geld. Das ist momentan so, wie lange das so bleiben wird, weiß ich nicht."

Filmausschnitt „Der Lange Sommer der Theorie“
Nola: „Es geht um Freiheit“- Freiheit das hört sich ein bisschen Romantisch an oder?
Freiheit ist nicht romantisch sondern existenziell und das werden wir spätesten dann spüren, wenn wir sie nicht mehr haben.

Irene von Alberti geht in ihrem Film einen Schritt weiter. Wer die Berliner Freiheit erhalten will muss handeln. Doch nicht ohne Sinn und Verstand. Die Heldin des Films erkundet in dokumentarischen Interviews mit Wissenschaftlern und Künstlern, welche Ideen uns weiter helfen können, sogar die von Berthold Brecht.

Carl Hegemann, Dramaturg
"Brecht hat ja gesagt man wird eingelullt in der Illusion und begreift die Welt nicht mehr als veränderbar. Als veränderbar begreift man sie nur wenn man sich aus der Illusion befreit."

Irene von Alberti, Filmemacherin
"Ziel von dem Film ist eigentlich wirklich am Ende die Zuschauer  mit Energie rausgehen zu lassen, dass man Anregung gibt, Erfrischung gibt, dass man Lust hat, selbst was zu machen."


Im ON „Wir Fliegen, …wir fliegen hier raus!“

Autorin: Charlotte Pollex

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