"Love Hurts in Tinder Times" an der Schaubühne Berlin (Quelle: Gianmarco Bresadola)
Schaubühne / Gianmarco Bresadola
Bild: Schaubühne / Gianmarco Bresadola

- Die Zukunft der Liebe

Die Liebe hat Eingang in die Shared Economy gefunden. Auf Apps, wie Tinder oder Snapchat, vermarkten wir unsere Gefühle und Körper, wie Ferienapartments oder Mitfahrgelegenheiten. Ist die digitale Lust der schnelle Weg ins Glück oder der Liebestod?

Liebe scheint heute so einfach. Bei Tinder können wir im Sekundentakt mit einer Fingerbewegung zwischen tausenden Partnern wählen. Nach rechts heißt attraktiv. Nach links: bitte nicht. Doch einfacher macht es die Liebe nicht.

“Die Liebe? Eine Illusion.“ - Oscar Wilde

An der Berliner Schaubühne nimmt Patrick Wengenroth die Liebe in digitalen Zeiten auseinander. Sein Stück „Love Hurts in Tinder Times“ ist immer ausverkauft. Wie verändert uns Online-Dating?

Patrick Wengenroth, Regisseur und Schauspieler "Love Hurts in Tinder Times"
"Das heißt es muss möglichst lose sein, damit man möglichst schnell wieder rauskommt aus dem Quatsch, wenn man was Tolleres gefunden hat oder was Neues."

Liebe ist eine Katastrophe – heißt es in Wengenroths Stück.
Noch nie war die Liebe so frei wie heute. Doch Dating Plattformen machen süchtig nach immer neuer Aufmerksamkeit und immer neuer Selbstbestätigung.

Patrick Wengenroth, Regisseur und Schauspieler "Love Hurts in Tinder Times"

"Und jetzt hängen wir halt immer an diesen Geräten und sehen: Oh da ist noch der grüne Punkt und sehen Dings ist noch online, da kann ich noch ne halbe Stunde mich selbst spiegeln, indem ich fluffige Facebook-, WhatsApp-, Messenger-Nachrichten schreibe. In so einem analogen Kontakt, wo man berühren kann und riecht und schmeckt und spürt, das ist natürlich viel toller als das Digitale, aber da trauen wir uns einfach mehr, weil wir denken wir können eine Maske aufziehen."

Immer die Angst nicht gut genug zu sein. Die WG in Wengenroths Stück lebt freie Liebe. Alles offen, alles unverbindlich. Wie bei Tinder und Co. Kommt unser Herz mit, bei der Reizüberflutung des digitalen Marktes?

Patrick Wengenroth, Regisseur und Schauspieler "Love Hurts in Tinder Times"

"Es gibt die, die auf Tinder die große Liebe suchen, dass ist auch mittlerweile durch viele Studien belegt und dann gibt es die, die nur den schnellen Fick suchen, wenn ich das so prollig sagen darf und da muss man sich klarmachen was man eigentlich will."

Und vielleicht ist die Antwort dazu im Netz nicht zu finden.

Patrick Wengenroth, Regisseur und Schauspieler "Love Hurts in Tinder Times"

"Einfach mal alles ausmachen, ein Holzhaus auf dem Land kaufen irgendwie, ein Pferd streicheln – keine Ahnung. Das ist jetzt ein bisschen flapsig, aber so meine ich das ganz ernst und dann wird sich das auch mit der Liebe ändern."

Auch neu: statt romantischer Liebesschwüre schicken wir uns Satzstümpfe.

Auszug aus "Match Deleted. Tinder Shorts":
Er: Na? Spontan Zeit?
Sie: Leider heute nicht, Mittwoch geht.
Er: Also du bist ja kompliziert.

Für die Philosophin und Fotografin Sarah Berger ist Tinder reif für eine literarische Abrechnung. Sie hat sich so darüber geärgert, wie wir auf Dating Apps miteinander umgehen, dass sie ein Buch schreiben musste: Match Deleted. Tinder Shorts.

Sarah Berger, Autorin "Match Deleted. Tinder Shorts"
"Wenn man selbst gerade nicht in der Stimmung ist und fünf Leute einem hintereinander „Hey wanna fuck?“ schreiben und beim ersten reagiert man noch freundlich, sagt nein danke und beim fünften denkste dir dann so: Ich bin aber für was anderes hier und dann fängt es einen an zu nerven."


Tinder Times: folgt der schnellen liebe zwangsweise die schnelle Enttäuschung? Wie kommt man da raus? Die weibliche Figur in Sarah Bergers Texten verweigert sich
diesen oberflächlichen Gefühlen.

Sarah Berger, Autorin "Match deleted. Tinder Shorts."
"Ein sehr wichtiger Punkt in meinem Buch ist ja auch gerade das Kurze, dass die Texte kurz sind, oft Gedanken nur angeschnitten werden. Das ist alles nicht fertig, oft so ein bewegter Moment  und dann wird es schon wieder gecuttet und dass ist ja genau das, was uns mit dieser Kommunikationsform passiert: die sind immer so kurz schnell und man kann sich da gar nicht so richtig entfalten. Meine Figur kommuniziert so, dass sie sich wirklich öffnet."


Auszug aus "Match Deleted. Tinder Shorts":
Er: Hey! Lust auf Sex die Tage?
Sie: Ach verdammt, hab grad masturbiert, das hält jetzt erst mal ne Weile.

Nicht nach den Regeln spielen – gibt uns Sarah Berger mit auf den Weg. Und auch vor 200 Jahren wusste man schon:

"Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben."
Johann Wolfgang von Goethe

Autorin: Franziska Hessberger

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