Museum in Berlin (Quelle: rbb)
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- Afrikanische Kunst in Berliner Museen

Die Ethnologischen Sammlungen in Berlin beherbergen 75.000 Kunstgegenstände aus Afrika. Die sollen künftig im Humboldt-Forum gezeigt werden. Doch Afrika will viele dieser Kunstgegenstände zurück. Es sei, so der Vorwurf, Raubkunst aus der Kolonialzeit.  

Afrikanische Bronzen aus dem 13. Jahrhundert, die einmal in dortigen Königspalästen standen - wertvolle Kunst für das zukünftige Humboldt-Forum. Was aber wäre, wenn sie gar nicht dort ankäme, weil sie ihren ursprünglichen Besitzern zurückgegeben werden müsste?

Um die Bronzen gibt es Streit, das Königshaus von Benin, im heutigen Nigeria, fordert sie zurück. Für das Ethnologische Museum in Berlin aber muss der Fall erst noch aufgeklärt werden. 

Jonathan Fine, Afrika-Kurator Ethnologisches Museum 
"Das Museum hat die Skulptur von einem britischen Händler, William Downing Webster, im Jahr 1900 erworben. Wir wissen nicht genau, wie William Downing Webster die Plastik selber erwarb. Die größte Mehrzahl der Benin-Bronzen wurden im Zuge der Eroberung von dem Königreich Benin von britischen Truppen genommen."

Könnte es sich bei den Bronzen also um Hehlerware handeln? Für Bonaventure Ndikung, einen internationalen Ausstellungsmacher, ist die Sache klar: Es ist Raubkunst. Er hat solche Bronzen aus Benin als Mit-Kurator der Documenta in Kassel ausgestellt.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Kurator
"Wir wissen doch alle, wie die nach Europa gekommen sind. Und wenn die Deutschen sagen, wir haben das von den Briten gekauft, dann müssen sie das zurückschicken. Das war ein Überfall."

Die Debatte um afrikanische Kunst in europäischen und auch in Berliner Museen verschärft sich. Befeuert hat sie im November der französische Präsident Macron: Bei einem Staatsbesuch in Burkina Faso forderte er die französischen Museen auf, die Rückgabe afrikanischer Kunst vorzubereiten. 

Und Deutschland? Hier gibt es die meisten ethnologischen Museen Europas. Das Humboldt-Forum gibt an, dass es 20.000 Objekte aus den Ethnologischen Sammlungen Berlins beherbergen wird und dass 1.000 davon aus Afrika seien.

Die prominente Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy ist vor einem halben Jahr aus dem Stiftungsbeirat des Humboldt-Forums ausgetreten und kritisiert den Umgang mit dem afrikanischen Kulturerbe. Es klebe Blut daran, sagt sie. 

Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte

"Es darf nicht sein, dass aus Angst vor Restitution historische Aufarbeitung nicht stattfindet. Das wäre fatal, und das würde uns schwach machen für die Zukunft."

Aber die Aufklärung und Rückgabe mutmaßlicher Raubkunst kostet enorm viel Zeit, Geld und Personal. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einer der größten Partner des Humboldt-Forum, steht unter zunehmendem Druck.

Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz
"Provenienzforschung, wenn man sie beginnt, dann muss man auch dazu bereit sein, wenn man auf Bestände stößt, die unrechtmäßig oder unter Gewalteinwirkung aus ihrem Ursprungskontext entrissen worden sind, diese Dinge zurückzugeben. Aber man soll das Kind jetzt nicht mit dem Bade ausschütten und jetzt alles, was in irgendeiner Form aus kolonialen Kontexten stammt, als Raubgut betrachten."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz betreibt seit zehn Jahren Provenienzforschung. Aber die Depots sind voll mit afrikanischer Kunst - eine gewaltige Aufgabe. Finanziert werden müsste sie von der Bundesregierung. Die Kulturstaatsministerin im Kanzleramt hatte für ein Interview keine Zeit. Ihr Sprecher gab eine schriftliche Erklärung ab - die man eigentlich nur als nebulös bezeichnen kann. Zitat: "Erforderlich ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Herkunftsstaaten und -communities und ein Dialog auf Augenhöhe; Rückgaben sind nicht die einzige Option."

Für den Berliner Verein "Postkolonial" sind solche Statements Lippenbekenntnisse. Zusammen mit 40 Organisationen hat man jetzt einen Offenen Brief an die Kanzlerin publiziert und sie aufgefordert, endlich Position zu beziehen. 

Mnyaka Sururu Mboro, Berlin Postkolonial
"Ich erwarte gar nicht etwas anderes. Ob unrechtmäßig gekommen oder getauscht oder was - solche Objekte, die gehören überhaupt nicht hierher."

Christian Kopp, Berlin Postkolonial
"Was nicht vergessen werden darf: Rückgabeforderungen können nur gestellt werden, wenn die Herkunftsgesellschaften wissen, dass die Objekte hier sind und wo sie sind. Es würde helfen, und das ist ein wichtiger Schritt da hin, wenn die Objektsammlungen online gestellt werden, wenn man da reinschauen kann."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz versichert, aufklären zu wollen, aber es fehlt ihr wohl an Geld und Personal. Und die Museumsleute fürchten, dass ihre Bestände bei Rückgabe auch bei korrupten afrikanischen Diktatoren landen könnten und kurze Zeit später bei Privatauktionen verschwinden. Und dennoch: Die Zeiten, in denen man Kunst aus kolonialer Gewaltherrschaft als "ethnologische Kostbarkeiten" in europäischen Museen zeigen kann gehen zu Ende.

Ebenso umstritten der Königsthron der Bamun. Ein Geschenk an den Deutschen Kaiser. Auch hier Streit: Die Rückgabe dieses Geschenks würde man in Afrika als Beleidigung betrachten - sagen die einen. Das "Geschenk" sei ein unfreiwilliges gewesen, weil es unter Besatzungsbedingungen gemacht wurde - sagen die Kritiker. Für den Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll mit der Präsentation solch umstrittener Objekte ein großer Kulturdialog in Gang gesetzt werden.5

Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz
"
Natürlich, wenn 2019 das Humboldt-Forum eröffnet wird, wird das erst der Beginn eines Prozesses sein. Das sind nicht leere Versprechungen, davon bin ich überzeugt, das wird der Beginn sein einer intensiven Auseinandersetzung mit der Welt und der Welt mit uns."

Man kann vermuten, dass nach der Eröffnung des Humboldt-Forums die Debatten erst richtig aufbrechen.

Christian Kopp, Berlin Postkolonial
"Es fehlt an einem Verständnis von Kolonialismus als Unrechtsherrschaft. Man versteht das beim Nationalsozialismus. Beim Kolonialismus gibt es immer noch genug Leute, die bestreiten, dass das per se ein Unrechtskontext ist. Es wäre wichtig, dass sich dieses Verständnis durchsetzt."


Autorin: Julia Baumgärtel

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