Die Filmemacher von "The Cleaners", Moritz Riesewick und Hans Block (Quelle: rbb)
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- "The Cleaners" - Doku über die digitale Drecksarbeit

Verstörende Aufnahmen von Gewalt, Enthauptungen, Missbrauch und Terror werden täglich im Internet hochgeladen. Dass diese Bilder nicht in sozialen Netzwerken auftauchen, dafür sorgen Menschen, die solche Bilder sichten und entscheiden, ob sie gelöscht werden. Der Film "The Cleaners" erzählt von dieser digitalen Drecksarbeit.

Seit kurzem sind sie Weltreisende in Sachen Film. Moritz Riesewieck und Hans Block kommen gerade vom Filmfestival Rotterdam, kurz vorher waren sie beim Sundance Festival in den USA. Mit ihrem Film „The Cleaners“ über Billiglöhner, die verstörende Inhalte aus sozialen Netzwerken löschen, haben sie dort für Aufsehen gesorgt.

M
oritz Riesewieck, Regisseur
"Gestern 500 Leute im Saal."

Hans Block, Regisseur
"Viele junge Leute waren in Rotterdam. Da gab es auch echt... Danke, dass ihr den Film gemacht habt und auf den haben wir gewartet. Auch gerade Leute, die aus der Industrie waren und irgendwie Tech-Leute sind, haben gesagt: Mann, richtig auf den Punkt gebracht."

Für ihre Recherche sind die beiden Regisseure immer wieder nach Manila auf den Philippinen gereist. Behutsam haben sie sich den Menschen genähert, die für einen Dollar in der Stunde das Netz säubern - von Gewaltvideos, Kinderpornografie, politischem Hass. Menschen, die bislang keine Stimme hatten.

Ausschnitt aus "The Cleaners"
"Die Welt sollte wissen, dass wir hier sind. Es gibt jemanden, der die sozialen Medien überprüft. Wir geben unser Bestes, diese Plattform für alle sicher zu machen."

Ihre Interviewpartner sind ein hohes Risiko eingegangen. Tausende arbeiten in Manila als sogenannte Content-Moderatoren - in einem  schwer durchschaubaren Firmendickicht. Darüber sprechen dürfen sie nicht.

Moritz Riesewieck, Regisseur
"Die Outsourcing-Firmen beschäftigen tatsächlich so Privatpolizeien, die denen hinterherspionieren, auch die sozialen Netzwerkaccounts der Mitarbeiter durchscannen und gucken, ob da irgendetwas Verdächtiges auftaucht. Es wird eben streng kontrolliert, wer mit wem spricht. Das heißt, es darf eben nie der Name Facebook fallen oder Twitter."

Das Netz ist voll vom Übel der Menschheit. Die Content-Moderatoren müssen in Sekundenschnelle entscheiden, was weiterverbreitet werden darf und was nicht. "Ignore" oder "Delete" - Tausende Male am Tag.

Drei Tage Einarbeitungszeit, kaum psychische Unterstützung und täglich tiefste Abgründe. Was kann das für Auswirkungen auf die Mitarbeiter haben.

Moritz Riesewieck, Regisseur

"Die Symptome, die die dort zeigen, reichen teilweise zu den gleichen Symptomen, die Soldaten nach Kriegseinsätzen zeigen."


Hans Block, Regisseur

"Als wir uns nach und nach mit dieser Industrie beschäftigt haben, haben wir auch herausgefunden, dass die Suizidrate in dieser Industrie natürlich sehr hoch ist. Viele Leute sind am Abgrund und können das nicht verarbeiten, was sie sehen. Es folgt der Suizid. Was auch ein total verschwiegenes Problem dieser Industrie ist."


Kennengelernt haben sich die beiden an der Ernst-Busch-Schauspielschule, wo sie Theaterregie studiert haben. Mit der Frage, wie soziale Plattformen vom Schmutz reingehalten werden, haben sie sich zum ersten Mal vor fünf Jahren beschäftigt. Das Thema zog immer weitere Kreise, das Interesse ist riesig. Der Film kommt im Mai ins Kino. Ein Buch ist entstanden und ein Theaterstück.

Moritz Riesewieck, Regisseur
"Ich habe das erstaunlicherweise erst beim Schreiben des Stückes gemerkt. In einem Moment, in dem wir gar nicht mehr in Manila waren, sondern man am heimischen Schreibtisch saß. Auf einmal hat es mich da weggefegt. Auf einmal war man so komplett... Ich habe nur noch geweint und konnte nicht mehr."

Ausschnitt aus "The Cleaners", Rede von Mark Zuckerberg
"Wir stehen dafür, alle Menschen miteinander zu verbinden. Für eine globale Gemeinschaft. Dafür, die Menschen zusammenzubringen."

Die sozialen Medien als großes Versprechen. Doch längst ist die Kontrolle entglitten. Die Filmemacher kritisieren, dass Facebook an vielen Stellen nicht zu seiner Verantwortung zu steht.

Hans Block, Regisseur
"Sie sind eine Plattform, sagen sie immer, eine technische Plattform. Sie stellen nur ein Tool den Menschen zur Verfügung. Jeder kann da was raufstellen und mehr machen wir nicht. Wir schalten daran nicht rum, wir editieren nichts, wir kuratieren nichts. Wir sind einfach nur eine technische Plattform. Und das ist zum Beispiel auch ein Wegschieben von Verantwortung, das sind sie längst nicht mehr. Der Einfluss, den sie haben, der ist ein Supermedium."

Diese Recherche zeigt, welcher Druck auf den Content-Moderatoren lastet. Gewalt, Pornografie, politische Hetze - mit ihren Entscheidungen sind sie fast immer allein. Mit den Folgen nicht.

Ausschnitt aus "The Cleaners"
"Wenn du einen Fehler machst, kannst du mehr als nur ein Leben ruinieren. Er kann Kriege auslösen. Er kann Mobbing auslösen. Er kann Menschenleben kosten."


Autor: Steffen Prell

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