Gerhard Seyfried in seinem Atelier (Quelle: rbb)
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- Comiczeichner Gerhard Seyfried

"Zwille" ist ein Anarcho aus Kreuzberg. Erfinder des Charakter ist der Kult-Cartoonist Gerhard Seyfried, der jetzt 70 Jahre alt wird. Pünktlich zum Jubiläum hat Seyfried seinen Zwille in ein neues Abenteuer geschickt.  

Gehard Seyfried, Comiczeichner
"Da gibt es noch was Witziges. Wenn man Gesichter und Personen zeichnet, ganz unbewusst die Grimassen macht, die die machen sollen. Also grinst oder die Zähne fletscht, oder weiß Gott was. Das Studio, das ist eigentlich der Hauptaufenthaltsraum von mir. Wartehäuschen, Fabrik, Werkstatt. Ich muss allein sein, natürlich, es ist ein einsamer Job. Das ist auch das Schöne daran, man kann sich sehr gut konzentrieren und .. mein Gott."

Zwille, das Anarchomännchen, seit Anfang der 70er Jahre geistert es durch das Werk von Gerhard Seyfried. Einen erwachsenen politischen Lausbub nennt er ihn - das passt auf die Figur und deren Schöpfer. Gerhard Seyfried ist der Kultzeichner der politischen Linken in Deutschland. Keine Kreuzberger WG-Küche kam ohne seine Comics und Plakate aus. Jetzt ist Zwille zurück, aber als Schluffi hat man es nicht leicht heutzutage. Zeiten ändern sich.

Gehard Seyfried, Comiczeichner
"Ja, was passiert da drin? Es fängt an mit Zwille, wie er Pech hat, weil er keinen Sozi mehr kriegt, weil Comicfiguren nicht altern. Da hat der Staat Angst, dass sie Jahrhunderte lang auf der Tasche liegen. Also, haben sie keinen Sozi mehr, keine Arbeit. Und dann wird das letzte besetzte Haus in Berlin geräumt, in dem sie wohnen, dann sind sie auch noch obdachlos. Und dann passiert alles Mögliche. Das hier ist das letzte besetzte Haus, auf dem Titel."

70 Jahre wird Gerhard Seyfried nun alt und ist kein bisschen - und so weiter... In seiner Wohnung lauert sein Humor in allen Ecken. Die Zuckerdose - wasserlösliches Monster. Bitte aufpassen. Das Kissen auf dem Sofa - Kalter Krieg zum Kuscheln. Und noch mehr.  

Gerhard Seyfried, Comiczeichner
"Das nenne ich meine Selbstbeweihräucherungstafel, das sind lauter Andenken. Hier sind Teile meiner Polizeisternesammlung vertreten. Nur zwei, in dem Fall."

Autor

"Und bei der Bahncard, das juckt sie in den Fingern, ja? Also, sie können kein Bild einfach unbearbeitet lassen..."

Gerhard Seyfried, Comiczeichner

"Ja, wo kämen wir denn da hin? Wo ist es denn. Hier, ja genau. Ich fummele gern dran rum. Hier ist noch eine."

In Gerhard Seyfrieds Privatarchiv lagern die Zeugnisse von 45, 50 Jahren linker Geschichte in Deutschland - all die Projekte, an denen er sich über die Jahre abgearbeitet hat.

Gerhard Seyfried, Comiczeichner

"Das ist das erste Plakat, dass ich für die gemacht habe, für die Grünen, als sie noch AL hieß. Ein Plakat für den taz-neubau in der Friedrichstraße. Und der Klassiker, das Ströbele-Plakat, das letztendlich daran schuld ist, dass ich so viele Wahlplakate machen musste. Gewerkschaftsbund… Das war mal für den DGB vor gefühlten 70 Jahren."

Autor
"Gibt es denn Ihrer Meinung nach noch so etwas wie eine linke Bewegung im Moment?"

Gerhard Seyfried, Comiczeichner

"Keine, die irgendwie durchsetzungsfähig wäre, ist halt alles sehr zersplittert, das ist das Ding."

Gerhard Seyfried, Comiczeichner
"Das sind streitende Linke, wer der Linkeste ist... Ich bin längst nicht mehr enttäuscht. Ich bin mehr ein Beobachter, ich schaue zu und schüttele vielleicht den Kopf, aber es regt mich nichts mehr auf... Und dann ja auch die SPD, deren Hauptangst es ist, dass sie als links bezeichnet wird oder dass sie Gefahr läuft, auch nur in die Nähe von etwas Linkem zu kommen. Das treibt die richtig um. Ich glaube, der SPD ist das das Allerwichtigste, dass sie nur nicht für links gehalten werden."

Ein linker Comiczeichner, der den Kopf schüttelt über die Linke. Es ist weit gekommen. Einer aber, immerhin, hält die Stellung.

Gerhard Seyfried, Comiczeichner
"Natürlich gibt es noch Anarchofreaks und solche Typen, hoffe ich jedenfalls. Fertig."


Autor: Steffen Prell

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