Chris Dercon © Gregor Baron
Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

- Chris Dercon tritt zurück

Der umstrittene Intendant der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, gibt auf: Am Freitag wurde sein Rücktritt verkündet. Doch wie kam es dazu?

Herbert Fritsch, Regisseur
"Es geht drum, dass man wirklich begreift, was für eine komplexe Zerstörung da stattgefunden hat. Über die muss man nachdenken und man muss darüber nachdenken, inwieweit übernimmt ein Politiker Verantwortung für seine Entscheidungen?

Und es gibt jetzt auf allen Seiten nur Verlierer."

Seit 104 Jahren wird in der Volksbühne Theater gespielt. Am Donnerstagabend wurde das Haus nun selbst zum Stoff eines Dramas. Während drinnen ein Endzeit-Szenario gespielt wurde, platzte draußen die Bombe: Intendant Chris Dercon, gerade sieben Monate im Amt, geht.

Wie konnte es dazu kommen?

Die Tragödie beginnt, als der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner im Herbst 2014 den Direktor der Londoner Tate Modern trifft: Chris Dercon. Kurz darauf will er ihn zum neuen Intendanten der Volksbühne machen. Ihre gemeinsame Vision: Das wichtigste Theater Deutschlands soll zu einer "Projektgesellschaft" werden, so steht es schon in einer E-Mail aus dem Januar 2015. Die Volksbühne als "Dachmarke" für ein Netz aus verschiedenen Häusern und Künsten.

Kernstück dieser Vision: Der alte Flughafen Tempelhof. Er soll zur zweiten Spielstätte werden, und die "neue Volksbühne" zu einem Symbol von weltweiter Strahlkraft für die Kulturmetropole Berlin.

 Tim Renner, Kulturstaatssekretär
"Wir sahen die Chance, die Volksbühne durch den Wechsel auch als Generator zu nutzen, um Kulturräume der Stadt zu erhalten oder für die Stadt zu erobern."

Herbert Fritsch
"Ich meine Tempelhof! 2.000 Zuschauer, abendlich aufzufüllen, das Ding zu heizen und was ich weiß noch alles, was da für Ansprüche bestehen. Ich meine – geht’s noch?"

Das Problem: Die Berliner Politik bestellt bei Dercon ein Konzept, das sie nicht bezahlen kann. Der will stattdessen den fehlenden Millionenbetrag bei Sponsoren auftreiben.

Gemeinsam träumen sie weiter.

Herbert Fritsch
"Die dachten wahrscheinlich, Dercon hat das dicke Adressbuch, da stehen die ganz gewichtigen Leute drin, die Milliardäre, die dann alle nach Berlin kommen und das Geld mitbringen, sodass Berlin gar nichts mehr bezahlen muss! Also richtig schildbürgermäßig!"

Nach Dercons offizieller Berufung ist von den großen Plänen bald keine Rede mehr.

Doch als Leiter eines reinen Theaterbetriebs ist er nicht der Richtige. Der Start misslingt, sein Programm, die groß angekündigte Verbindung von Kunst, Theater, Tanz und Film bleibt ein Versprechen. Kein Wunder, bei nur vier eigenen großen Produktionen.

Die Stimmung in der Stadt ist längst feindselig. Mittlerweile hat Berlin einen neuen Kultursenator, der Dercon schon vor dessen Amtsantritt zur Fehlbesetzung erklärt hatte. Dass er ihn dann überhaupt anfangen lässt, ist sein Höchstmaß an Unterstützung.

Klaus Lederer, Kultursenator
"Jeder der auf so eine Position besetzt wird, berufen wird, hat das Recht, es zu probieren, muss die Chance auch haben, das auch umzusetzen. Ich hab im Grunde seit diesem Zeitpunkt mich auch nicht mehr öffentlich zu diesem ganzen Vorgang geäußert. Ich hab jedes Interview abgelehnt, ich hab das nicht kommentiert."

Bis zu diesem Freitag, als er die "einvernehmliche" Trennung bekannt gab.

Was bleibt, ist eine leere Hülle ohne Leitung und Konzept. Die vielen Schließtage und eine schlechte Auslastung brachten das Haus an den Rand des Ruins. Nun äußern die verantwortlichen Politiker dürre Sätze des Bedauerns. Erfassen Sie die Dimension ihres Scheiterns überhaupt?

Herbert Fritsch, Regisseur
"Die Volksbühne ist so ein wunderbares Haus. Ich liebe dieses Haus. Und diese Bühne ist eine magische Bühne und da ist ein ganz bestimmter Geist. Und da hat die Politik jetzt einen Fluch drauf gelegt. Das ist wie ein zerstörtes Haus, das muss man erstmal reparieren."

Autorin: Tim Evers

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