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- Najem Wali: "Saras Stunde"

In Saudi Arabien dürfen Frauen neuerdings Auto fahren. Sie studieren und stellen inzwischen die Mehrheit der Absolventen. Zu "verdanken" haben sie diese kleinen Fortschritte immer noch einem Mann, dem saudischen König. Der Roman "Saras Stunde" erzählt die Geschichte einer Frau, die sich in dieser Welt der Ungleichheit durchzusetzen versucht.

Dieses Mädchen ist etwas Besonderes. Das haben seine Eltern vom ersten Moment an gespürt. Ein starker Wille, ein zähes Wesen. Sara nennen Sie es, "die Beglückende". Eine unabhängige Frau wird sie werden, und sie wird dafür im konservativen Saudi Arabien einen hohen Preis zahlen. Das ist die Geschichte, die Najem Wali erzählt.

Najem Wali, Schriftsteller
"Ich habe gespürt, wie stark die Frauen sind und wie sie sich nach Freiheit sehnen, und das ist der Widerspruch in Saudi Arabien. Also, ich glaube, wenn eine Änderung kommt, dann kommt sie von Seiten der Frauen."


Die Geschichte beginnt im Jahr 1980, dem Jahr, in dem der Irak-Iran-Krieg ausbricht: Der Erste Golfkrieg. Die Amerikaner installieren ihre Stützpunkte im Land. Saras Welt ist gepalten: In Liberale, wie ihren Vater, der als Versorger der US-Stützpunkte ein Vermögen verdient. Und in radikale Religiöse, wie ihren Onkel. Er unterstützt die Sittenpolizei und weist vor allem Frauen in ihre Schranken.

Sara ist noch ein Mädchen, als sie das erste Mal einem Scheich von der Sittsamkeitsbehörde begegnet. Er spricht zu den Kindern ihrer Schule. Es ist heiß, er droht den Mädchen damit, dass sie in der Hölle schmoren, wenn sie nicht gehorchen, malt aus, wie ihre Körper an Spießen gerösteten werden. Da platzt es aus Sara heraus:
Von da an gilt sie als vom Teufel besessen.

Najem Wali, Schriftsteller
"Die saudische Gesellschaft im Allgemeinen ist konservativ, weil man in der Schule nur wahabitischen Fanatismus lernt, weil die wahabitische Ideologie die offizielle ist, ein Teil vom Islam - sehr streng, sehr konservativ. Wenn wir jetzt allein wissen, dass al-Qaida Bin Laden und das ISIS sich alle auf den Wahabismus beziehen, dann wissen wir, was diese Ideologie ist. Und das lernt man in der Schule."

Saras Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. 2010 reist der irakische Schriftsteller Najem Wali auf Einladung des deutschen Konsulats nach Saudi Arabien. In Kulturzentren gibt er Lesungen. Im Saal: nur Männer. Die Frauen hören in einem gesonderten Raum per Videoübertragung zu. Doch nach den Veranstaltungen kommt er mit ihnen ins Gespräch. Sie erzählen ihm ihre Geschichten - Saras Geschichte.

Najem Wali, Schriftsteller
"Ich habe viele Geschichten gehört. Ich habe natürlich verschiedene Geschichten gehört. Meine Sara im Roman ist die Summe dieser Geschichten. Wenn Sie mich fragen, was war das für mich. Ich sage: Die Antwort ist mein Roman, dass durch den Roman die Frauen jetzt eine Stimme haben."

Eindrücklich erzählt Najem Wali davon, wie unfrei Sara leben muss. Wie ihr Gewalt angetan wird und sie schließlich nur eine Möglichkeit sieht: die Flucht. Sie heiratet zum Schein und flieht mit ihrem Gatten nach London. Finanziert von ihrem reichen Vater leben sie frei und im Luxus - doch dann: Der Anschlag auf das World Trade Center macht das Paar auf einmal zu Terrorverdächtigen.

Najem Wali, Schriftsteller 
"Wir geraten oft in eine Absurdität. Sie werden lachen, wenn ich Ihnen jetzt erzähle, dass man mich auch für einen Schläfer gehalten hat. Das ist die Absurdität. Das heißt, es hilft manchmal selbst nicht, wenn man liberal aussieht oder modern. Man wird in eine Sippschaft hinein geworfen oder in einen Clan, ob man will oder nicht."

Najem Walis Roman erzählt die Geschichte hinter den Nachrichten, die uns gerade aus Saudi Arabien erreichen. Ab Sommer werden Frauen in Saudi Arabien offiziell Auto fahren dürfen. Aber sind damit Frauenrechte erstritten? Das bezweifelt Wali. Vielmehr sei es eine Taktik, die Ruhe im Land zu wahren.

Najem Wali, Schriftsteller
"Ich wünsche mir, dass man mehr über die Lage von Frauen in diesen despotischen Ländern redet und gerade wünsche ich mir, dass man von Saudi Arabien frei von wirtschaftlichen Interessen und Waffenexporten redet. Ich möchte, dass man, wenn wir von Freiheit reden und Demokratie und Menschenrechten, dass man Saudi Arabien an den Pranger stellt."

Die inzwischen erwachsene Sara jedenfalls wird von diesen Veränderungen nichts haben.


Autorin: Julia Riedhammer

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