Führerschein, Punkte-Tacho und Modell-Polizeiauto (Foto: imago/McPHOTO)
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- Verkehrssünderkartei: 500 Euro und der Punkt ist weg!

Wie Verkehrsrowdys über Punktehändler ihre Punkte loswerden 

Erst 60 km/h zu schnell gefahren, dann mit Alkohol am Steuer erwischt worden und schließlich auch noch eine rote Ampel überfahren - und schon haben Sie mindestens acht Punkte in Flensburg gesammelt. Und das bedeutet: Führerscheinentzug. Eigentlich. Denn im Internet bieten sogenannte Punktehändler ganz offen an, das Problem zu lösen. Ersatzfahrer bekennen sich dabei schuldig und nehmen so die Punkte auf sich. Das kostet natürlich. Aber strafbar scheint es nicht zu sein. Warum eigentlich nicht? SUPER.MARKT über Geschäfte am Rande der Legalität.

Ein unbescholtener Fahrer übernimmt die Strafe

Rene Meier ist Punktehändler, der Name ist ein Pseudonym. Seit 2011 betreibt er sein Geschäft mit den Punkten. Die Leute melden sich bei ihm per Mail. Sie können auch gleich den Anhörungsbogen, den sie von der Polizei bekommen haben, hochladen. Meier macht ihnen dann ein Angebot. Willigt der Kunde ein, sucht Meier einen passenden Fahrer, der Bogen wird entsprechend ausgefüllt und an die Behörde geschickt.

Rene Meier vermittelt also zwischen Verkehrssünder und freiwilligem Sündenbock. Wird ein Fahrer zum Beispiel beim Überfahren einer roten Ampel geblitzt, erhält er einige Wochen später einen Bescheid von der Bußgeldstelle: 200 Euro Strafe, zwei Punkte in Flensburg und ein Monat Fahrverbot. Der Fahrer wendet sich an den Punktehändler. Dieser sucht einen passenden Kandidaten, der zwar einen Führerschein hat, aber selten oder nie fährt. An Stelle des Verkehrssünders gibt dieser an, den Verstoß begangen zu haben. Dann kassiert der Punktehändler ab. Und zwar viel mehr als die 200 Euro.

Eine Ampel zeigt eine rot leuchtende Hand
Bild: Colourbox

Punktehandel ist teuer

Rene Meier nimmt 100 Euro pauschal, 400 Euro für den Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung, 300 Euro für das Fahrverbot – und dann noch die 200 Euro Strafe, die müssen ja bezahlt werden. Macht zusammen 1.000 Euro. Das ist denen, die sich bei ihm melden, "ganz klar das Geld wert", sagt Meier.

Behörden überprüfen und ermitteln

Fällt der Betrug bei den Behörden denn nicht auf, wenn Blitzerfoto und Personenangaben nicht zusammenpassen? Bei den Beamten in der Bußgeldstelle Berlin landen die Blitzerfotos und die Angaben des Anhörungsbogens. Ob die Angaben zu Fahrzeug und Fahrzeugführer plausibel sind, überprüfen Sachbearbeiter, zum Beispiel durch den Abgleich des Blitzerfotos mit dem Ausweisfoto.

Stellen die Beamten der Bußgeldstelle Widersprüche fest, dann wird ermittelt. Im äußersten Fall kann sogar von extra geschulten Sachbearbeitern ein anthropologisches Gutachten, also ein Gesichtsgutachten, in Auftrag gegeben werden. Bis es aber so weit kommt, ermittelt die Behörde auf eigene Faust.

In Zeiten des Internets gibt es zahlreiche Ansatzpunkte, die Angaben zu klären. Jeden einzelnen Fall können die Beamten aber nicht auf Herz und Nieren prüfen, allein im letzten Jahr wurden hier fast vier Millionen Fälle bearbeitet. Die Täuschungsmanöver der Punktehändler bleiben dabei oft unentdeckt.

Deals in der rechtlichen Grauzone

Ist der Verkauf von Punkten denn legal? Es ist offenbar eine rechtliche Grauzone, die den Handel möglich macht - indem sich der Punkteempfänger selbst benennt und indem der echte Fahrer nicht selbst aktiv wird. Würde er das tun, die Schuld auf eine andere Person schieben, dann würde er sich strafbar machen. "Das ist juristisch gesehen eine falsche Verdächtigung", sagt Verkehrsanwalt Roman Becker, "die ist dann strafbar, das kann dann richtig Probleme geben."

Und nicht nur für den echten Fahrer. Auch der Punkteempfänger und der Händler machen sich dabei der Falschbeurkundung strafbar. Wer erwischt wird, muss im äußersten Fall mit Gefängnis von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe rechnen.

Wieso gehen Autofahrer und Punktehändler dieses Risiko ein? Thomas P. ist Kunde von Punktehändler Rene Meier. Er möchte nicht erkannt werden. Thomas P. ist mit 40 km/h zu schnell unterwegs gewesen, das Fahrverbot drohte. Es wären nicht seine ersten Punkte gewesen. Er fährt häufig mal zu schnell. Sein letzter Punkt war "wegen Handy am Ohr".

Kein schlechtes Gewissen bei den Beteiligten

Bei acht Punkten wäre der Führerschein weg. Bevor es mehr werden, hat Thomas P. den Punktehändler Rene Meier um Hilfe gebeten und 1.000 Euro für den Dienst bezahlt. Hat er ein schlechtes Gewissen? Er habe am Anfang darüber nachgedacht, ob man das überhaupt machen könne. Aber letztlich sei es ein Geldgeschäft, sagt er: "Der andere verdient damit sein Geld, ich hab dafür gezahlt und kann weiter produktiv sein und weiter Geld verdienen. Win-win-Situation könnte ich es jetzt natürlich nennen." Der legale Weg, ein Punkteabbauseminar in einer Fahrschule, käme für Thomas P. nicht infrage. Das sei "zu zeitintensiv".

Schnell und unkompliziert ist das Geschäft auch für Philipp H. Er nimmt die Schuld von Verkehrssündern auf sich. Der Grund: Er braucht Geld. 400 Euro hat er von Rene Meier bekommen. Auch hier keine Spur von schlechtem Gewissen.

Zweck des Punktekontos wird untergraben

Das Ziel des Punktekontos in Flensburg ist es, Autofahrer zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr zu erziehen. Doch der Punktehandel untergräbt das. Punktehändler Rene Meier hat damit kein Problem. In den letzten sieben Jahren hat er mehr als 4.000 Fälle vermittelt. Doch eine Grenze hat er: den Tatbestand der Rettungsgasse. Der lehnt kategorisch ab, weil es da um Gesundheit und Menschenleben gehe – "und das mache ich nicht".

Eine fragwürdige Grenze: Denn von allen anderen Vergehen können sich die Verkehrsrowdys, die das Geld dafür haben, freikaufen.

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