Hähnchen (Foto: imago/ imagebroker)
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- Hühnerfleisch: üble Bakterien direkt vom Schlachthof

Infektionen mit Campylobacter-Bakterien nehmen bundesweit zu

Jedes fünfte Hähnchen aus Brandenburger Schlachthöfen, das in diesem Jahr von Behörden untersucht wurde, war hochgradig mit dem Durchfallbakterium Campylobacter kontaminiert. 

Das zeigen bislang unveröffentlichte Daten des Landeslabors Berlin-Brandenburg, die SUPER.MARKT und rbb|24 exklusiv vorliegen. 6 von 30 untersuchten Schlachthähnchen lagen demnach über dem seit Anfang des Jahres geltenden EU-Grenzwert - gelangten aber trotzdem in den Handel. Zwei der Proben überschritten den Grenzwert sogar um mehr als das Zehnfache.

Campylobacter kann starken Durchfall und Bauchkrämpfe verursachen, in seltenen Fällen auch chronische Gelenkschmerzen und Nervenerkrankungen. Laut Robert-Koch-Institut starben im Jahr 2016 sogar vier Senioren an der sogenannten Campylobacteriose.

(Quelle: rbb)
Die Campylobacter-Keime aus dem Kot gelangen oftmals bei der Schlachtung auf das Fleisch. | Bild: rbb

Auch in Supermärkten hohe Trefferquote

Nicht nur in den Schlachthöfen, auch in den Supermärkten tummelt sich das Bakterium erschreckend häufig. Die Kontrolleure der Lebensmittelaufsicht kauften in diesem Jahr im Berliner Einzelhandel bislang 15 Geflügelprodukte unterschiedlicher Hersteller und schickten sie anschließend zur Analyse ins Landeslabor. Auf jeder vierten Probe wies das Landeslabor nach unseren Recherchen Campylobacter-Bakterien nach.

(Quelle: rbb)
Kerstin Stingl vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor Campylobacter-Keimen. | Bild: rbb

Infektionszahlen mit Campylobacter seit 2001 gestiegen

Laut Kerstin Stingl vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind vor allem die Daten aus den Schlachthöfen besorgniserregend. "Gerade von den hoch kontaminierten Fleischprodukten geht das größte Risiko für den Verbraucher aus, sich mit Campylobacter zu infizieren", sagt die Wissenschaftlerin. Als hochkontaminiert gelten alle Proben, die über dem Grenzwert liegen. Als Leiterin des Nationalen Referenzlabors Campylobacter befasst die Forscherin sich ausschließlich mit dem Thema.

Das Bundesinstitut nimmt Campylobacter sehr ernst, weil die Infektionszahlen bundesweit seit 2001 gestiegen sind - laut Robert Koch-Institut (RKI) von 54.000 auf rund 70.000 registrierte Fälle pro Jahr. In Berlin und Brandenburg sind die jährlich gemeldeten Infektionszahlen relativ stabil.

Da Studien ergeben haben, dass nur rund jeder zehnte Patient zum Arzt geht, geht das RKI davon aus, dass sich jährlich hunderttausende Menschen mit der Krankheit infizieren. Nach gemeldeten Fällen ist Campylobacteriose inzwischen die häufigste lebenmittelbedingte Krankheit - deutlich vor der Salmonellen-Infektion, die inzwischen rund fünfmal seltener auftritt als die Camplyobacter-Infektion.

"Gegen Salmonellen können Geflügelbetriebe ihre Hühner inzwischen impfen - gegen Camplybacter jedoch noch nicht. Daran wird noch geforscht", erläutert Wissenschaflerin Stingl.

(Quelle: rbb)
Achtung, nicht auf dem gleichen Schneidbrett Fleisch und Salat verarbeiten. | Bild: rbb

Rund jede zweite hühnerbedingte Infektion ließe sich verhindern

Patientenbefragungen und epidemiologische Studien zeigen: Jeder dritte Kranke infiziert sich, weil er halbgares Hähnchenfleisch gegessen hat - oder beispielsweise Salat, der auf dem selben Schneidebrett wie rohes Geflügel geschnitten wurde. Besonders häufig erkranken junge Erwachsene und kleine Kinder. Bei jungen Eltern ist das Wissen über die Wichtigkeit guter Küchenhygiene offenbar noch nicht so ausgeprägt, vermuten die Epidemiologen.

Um die Verbraucher besser vor der Krankheit zu schützen, führte die EU deshalb Anfang des Jahres einen Grenzwert für Campylobacter in Schlachthöfen ein. Pro Gramm Fleisch dürfen nicht mehr als 1.000 Keime (exakt: Kolonie bildende Einheiten) vorhanden sein.

Rund jede zweite durch Hühner verursachte Infektion ließe sich laut Studien verhindern - wenn die Schlachthöfe den Campylobacter-Grenzwert flächendeckend einhalten würden. Wie die rbb-Recherchen zeigen, ist das aber bei Weitem nicht der Fall.

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft erklärt auf Anfrage zu unseren Recherchen: "Auch eine optimale Hygiene kann das Risiko des Auftretens von Campylobacter-Keimen nur reduzieren, aber nie gänzlich ausschließen." Die deutschen Hähnchenschlachtereien hielten zudem die seit Anfang des Jahres geltenden EU-Vorgaben ein.

(Quelle: rbb)
Matthias Wolfschmidt von Foodwatch fordert, dass die Lebensmittelindustrie mehr unternimmt als Hinweise auf die Verpackungen zu kleben. | Bild: rbb

Foodwatch fordert: Kontaminiertes Fleisch darf nicht in den Handel

Die EU-Vorgaben sind nach Auffassung der Verbraucherorganisation Foodwatch allerdings viel zu lasch. Die im August 2017 von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unterschriebene EU-Verordnung 2017/1495 erlaubt, dass nur 60 Prozent der untersuchten Schlachthühner den Campylobacter-Grenzwert einhalten müssen. Solange die Geflügelschlachtereien diese Vorgabe erfüllen, dürfen sie ihr hochkontaminiertes Fleisch ungestört weiter verkaufen – obwohl es potentiell krank machen kann.

Erst 2025 soll die Vorgabe soweit verschärft werden, dass nur noch jedes fünfte Masthähnchen den Grenzwert überschreiten darf. "Geflügelfleisch oberhalb des Grenzwertes dürfte gar nicht in den Handel kommen", sagt Foodwatch-Kampagnendirektor Matthias Wolfschmidt. "Die EU nimmt hier billigend in Kauf, dass Menschen krank werden und es Ausfallzeiten im Beruf gibt - nur weil man die Geflügelfleisch-Industrie schont und sie nicht zwingt, durch entsprechende Vorgaben ihre Hausaufgaben zu machen."

Anstrengungen der Geflügelwirtschaft haben bislang wenig gebracht

Zusammen mit rbb|24 haben wir einen Fragenkatalog an sieben große Unternehmen der Geflügelindustrie geschickt, um zu erfahren, wie die Unternehmen die Belastung in den Schlachthöfen senken wollen. Keine einzige Firma antwortete, dafür schickte der Zentralverband der Geflügelwirtschaft eine Stellungnahme. Er erklärt, die deutschen Schlachtbetriebe zählten bereits zu den modernsten in der EU, die Arbeitsabläufe und Maschinen in den Schlachthöfen würden kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. "Zudem stehen die Unternehmen der Branche seit vielen Jahren Universitäten und Behörden für Forschungsprojekte zum Thema Campylobacter zur Verfügung", heißt es.

"Das sind reine Lippenbekenntnisse, denn die Maßnahmen der Geflügelindustrie haben bislang offenkundig überhaupt nicht gebracht", kritisiert Foodwatch - und verweist auf bundesweite Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Demnach ist die Anzahl der Campylobacter-positiven Hähnchenproben von 2011 bis 2016 nicht etwa gesunken. Sondern im Gegenteil kontinuierlich gestiegen: Sowohl im Einzelhandel - als auch in den Schlachthöfen.

Beitrag von Robin Avram und Dominik Wurnig

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