Meterlange Luftpolsterfolie entfleucht schlangengleich einem Paket (Quelle: imago images/Eckhardt Stengel)
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- Onlinehandel: Vorsicht Verpackungswahnsinn

Pappe, die wütend macht

In Deutschland werden kleine Produkte immer häufiger in viel zu großen Verpackungen versendet. Online-Händler verschicken offenbar am liebsten Luft. Und die Verbraucher sind frustriert: von dem vielen Verpackungsmüll in eh schon zu vollen Mülltonnen - und von offenbar fehlendem Umweltbewusstsein der Versandhändler.

Laut Umweltbundesamt produziert jeder Deutsche pro Jahr rund 100 Kilo Verpackungsmüll. Nimmt man den Gewerbemüll dazu, kommen wir so auf fast 19 Millionen Tonnen Verpackungsabfall (Stand 2017). Tendenz steigend. Die offizielle Empfehlung des Umweltbundesamtes daher: "Auf unnötige und unnötig materialintensive Verpackungen sollte verzichtet werden." Das wird einem als Verbraucher allerdings schwer gemacht, wie Robert Soykas Fall zeigt.

75 Meter Füllmaterial

Dem rbb-Zuschauer aus Wustermark hat es gereicht: Nachdem ihm ein Scheibenwischer im Riesenkarton geliefert wurde, inklusive 75 Meter Füllmaterial, schickte Soyka seine Fotos (siehe unten) an SUPER.MARKT. Und wir haben uns gleich an die Arbeit gemacht! Erste Anlaufstelle: Amazon.

Die Stellungnahme des Versandriesen spricht von Praktikabilität: "Auch ist es nicht möglich, Scheibenwischer ohne gesonderte Verpackung zu verschicken, da die Originalverpackung zu schmal ist, um das Versandlabel aufzudrucken. Wir weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass Scheibenwischer nicht dazu taugen, zu verallgemeinern."

Laut dem Händler werden allerdings für die allermeisten Produkte nicht mehr als 30 verschiedene Kartongrößen benutzt - Artikel in "Übergröße" wie etwa Sonnenschirme ausgenommen. Gearbeitet wird mit Algorithmen. Taucht ein Artikel zum ersten Mal auf, werden Gewicht, Höhe, Breite, Länge und Form gespeichert. Das System gibt dann an der Packstation die Empfehlung für den passenden Karton. Scheibenwischer haben laut Unternehmensangaben jedoch keine Standardkartonage. Landen sie daher im größtmöglichen Karton?

Andere Versandhändler arbeiten mit ähnlichen Systemen, der Elektronikversand Conrad Electronic hat laut eigener Aussage aktuell sechs Standard-Kartongrößen im Einsatz. Die Liste an Händlern mit vergleichbaren Verpackungsstrategien ließe sich erweitern.

Die Bilder unserer Zuschauer

In Berlin Neukölln weiß man, dass es auch anders geht. Seit 150 Jahren werden von der Firma FaPack Kartonagen hergestellt. Ein Familienunternehmen in fünfter Generation. Hunderte Vorlagen für verschiedenste Kartongrößen gibt es hier. Wenn man wissen will, warum die meisten Online-Händler zu große Paketkartons verschicken, ist man bei FaPack richtig.

Zeitersparnis gleich Geldersparnis

"Der Hintergrund ist, dass die Versandhändler möglichst wenig Verpackungsgrößen haben wollen, nicht aus Kostengründen – die Unterschiede zwischen kleinen und großen Verpackungen sind nicht entscheidend, sondern entscheidend sind die Lohnkosten darin", sagt Karl-Heinz-Behrens, Inhaber von FaPack und gelernter Verpackungsmittel-Mechaniker. "Wenn der Verpacker zu lange Zeit hat, sich zu überlegen, welche Größe er nimmt, ist das teurer als die größte Schachtel."

Der Verpacker ist schneller, wenn er nur wenige Paketgrößen nutzen muss. Bares Geld für die Onlinehändler. Ermöglicht wird dies allerdings auch durch einen weiteren Aspekt: Paketlieferdienste wie etwa DHL rechnen nach Gewicht ab, nicht nach Volumen. Für die Händler ist es also nicht von Belang, wie groß die Pakete sind, die sie versenden – und sie müssen keine erhöhten Versandkosten an die Kunden weitergeben.

Wohin mit dem Müll?

Ärgerlich wird es spätestens dann für die Verbraucher, wenn sie den Verpackungsmüll wieder loswerden wollen. Übervolle Blaue Tonnen im Hof, Nachbarn, die sich nicht mal die Mühe machen, die Kartons überhaupt auseinanderzunehmen. Oft landen auch Pappe und Verpackungsmaterialien wie etwa Luftpolsterkissen in derselben Tonne.

Berlin Recycling muss auch deshalb immer öfter zum Ausleeren in die Sortieranlage, etwa zur Wertstoff-Union Berlin in Neukölln. Hier wird aussortiert, was nicht Papier oder Pappe ist. Die Anlage hat gut zu tun. Und es wird immer mehr: Laut Unternehmensangaben gibt es eine jährliche Steigerung von zwei Prozent.

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