Globuli-Kügelchen auf einem Tisch (Quelle: imago images/imagebroker)
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- Heilmittel: gefährliche Geschäfte mit Corona

Zahlreiche Mittel sollen vor der Krankheit schützen, sie sogar heilen - stimmt das?

Es gibt derzeit keinen Impfstoff gegen das aktuelle Corona-Virus und wird ihn frühestens 2021 geben, wenn überhaupt. So sagen es die Fachleute. Medikamente zur Behandlung der Krankheit werden derzeit in zahlreichen Studien weltweit getestet, gefunden wurde noch keins. Auch das sagen die Fachleute. Und doch gibt es Webseiten, auf denen Chlordioxid als Mittel gegen die Infektion angeboten wird sowie Meldungen, dass man mit viel Alkohol die Viren im Rachen abtöten könne. Oder sich durch "hypothermische" Bäder, mit viel Vitamin D oder mit viel Vitamin C stärken und gegen eine Infektion schützen könne. Alles Humbug oder ist an den Versprechen wirklich was dran?

Nebenwirkungen: Augenschäden und Organversagen

Beispiel Chlordioxid: Sieht harmlos aus wie Cola, ist aber eine gefährliche Chemikalie, zusammengesetzt aus Zitronensäure und Natriumchlorit. Chlordioxid setzt man eigentlich zum Desinfizieren oder Bleichen ein. Nun soll es also gegen das Coronavirus helfen. Doch die Einnahme ist extrem gefährlich: Natriumchlorit kann schwere Augenschäden verursachen und auch Organe wie die Milz schädigen. Dennoch wird diese Kombination im Internet als Medizin gegen das Coronavirus beworben.

Der Berliner Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser befasst sich schon lange mit angeblichen Wundermitteln. Er ist Chefredakteur der medizinischen Fachzeitschrift arznei-telegramm. Das mit der Corona-Pandemie auch Geld gemacht wird, war für ihn von Anfang an klar: "Ich habe erwartet, dass auch Corona ausgenutzt wird, um Menschen in ihrer Angst dazu zu bringen, Nahrungsergänzungsmittel oder andere Produkte zu kaufen." Das Prinzip sei nicht neu, "nur die Krankheit wird ausgetauscht" - die sonstige Vorgehensweise der Hersteller und Händler bliebe gleich.

Homöopathische Hilfe

Auch homöopathische Mittel werden als Corona-Killer angepriesen, aktuell etwa Globuli mit Arsensäure - so verschwindend wenig, dass sie fast nicht mehr nachweisbar ist. Homöopathie-Anhänger feiern im Netz angebliche Wunderheilungen vom Coronavirus: Ein Fünfjähriger sei zum Beispiel dank Globuli nach nur vier Tagen wieder fit gewesen. Sogar die Hahnemann-Gesellschaft homöopathischer Ärzte behauptet: Mit Homöopathie kann man das Coronavirus erfolgreich behandeln. Für Becker-Brüser ein skrupelloses Verhalten der Mediziner: "Ich denke, wenn das Ärzte sind, dann verstoßen sie gegen ihren ärztlichen Eid."
 
SUPER.MARKT hat 30 Apotheken in Berlin und Brandenburg per Mail gefragt: Gibt es homöopathische Mittel, die gegen das Coronavirus helfen? Gut die Hälfte der angeschriebenen Apotheker hat geantwortet, von denen sagt wiederum die Hälfte, derzeit gäbe es kein Mittel gegen das Coronavirus.

Pelargonienwurzel gegen Covid-19

Doch es treffen auch fragwürdige Antworten ein: Aus Senftenberg wird Naturheilkunde wie Propolis, Taigawurzel und Pelargonienwurzel empfohlen. Aus Berlin-Lichtenberg gibt es den Tipp, Mikronährstoffe und Vitamin D zu nehmen, um das Immunsystem zu stärken.

Zusätzlich erkundigt sich ein SUPER.MARKT-Lockvogel vor Ort in verschiedenen Apotheken, ob es homöopathische Mittel gegen das Coronavirus gebe. Ihm werden tatsächlich pflanzliche Präparate empfohlen, die das Immunsystem stärken sollen. Unter den Tipps, mit denen man angeblich die Covid-19-Symptome lindern könne: auch Globuli. Einige Mitarbeiter in den Apotheken hätten sich viel Zeit genommen, so der Lockvogel: "Die haben mich wirklich lange beraten und alle Möglichkeiten - von Vitaminen bis hin zu Mitteln, die halt das Immunsystem stärken sollen - vorgeschlagen."

Reine Profitgier, so sieht es der Arzneimittelexperte Becker-Brüser: "Ich würde keine Mikronährstoffe und Vitamine verkaufen, um das Immunsystem zu stärken oder einen Schutzwall aufzubauen gegen irgendwelche Infektionen. Weil es nicht belegt ist. Letztlich ist es eine Art von Geschäftemacherei."

Alles "reine Illusion"

Auch andere rezeptfreie Präparate wie etwa Nahrungsergänzungsmittel sollen gegen Corona helfen. Eine Heilpraktikerin empfiehlt auf SUPER.MARKT-Anfrage ein Präparat aus Kapuzinerkresse und Meerrettich. Eine Firma wirbt für ihre Lutschtabletten Cystus: Je zwei sollen als Infektblocker wirken, wenn man unter Menschenmassen geht. Die Hauptbestandteile des Mittels sind Traubenzucker, Bananenpulver und Zistrosen-Extrakt. Auch ein bestimmtes Erkältungsspray soll gegen Corona schützen. Es ist derzeit enorm nachgefragt und - ausverkauft.

Viele preisen auch Vitamin C als Covid-19-Geheimmittel, solche Pülverchen gibt es genügend, auch in der Drogerie. Doch solide Belege fehlen. Der österreichische Online-Service medizin-transparent.at, der unabhängig Gesundheitsbehauptungen überprüft, hat verschiedenste Studien verglichen: Demnach können Vitamin-C-Präparate Erkältungen weder lindern, noch haben sie eine nennenswerte vorbeugende Wirkung. Im Gegenteil: "Belege für die Nicht-Wirksamkeit liefern die zusammengefassten Ergebnisse bisheriger Studien", schreiben die Autoren. Und weiter: "Trotz intensiver Suche in medizinischen Datenbanken konnten wir keine Forschungsarbeiten dazu finden."

Für Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin gehört die Werbung für solche Produkte verboten: "Es müssen ganz schnell Regelungen getroffen werden und gegen einzelne Anbieter vorgegangen werden, die solche Aussagen treffen." Es sei unverantwortlich, schnelle Heilung zu versprechen, denn diese Versprechen seien "für den Verbraucher als erstes gar nicht überprüfbar. Er hat das Hintergrundwissen nicht und klammert sich vielleicht an jeden Strohhalm. Das sehen wir als ein sehr großes Problem an."

Auch Fachautor Becker-Brüser sagt: "Hier wird die Angst der Menschen ausgenutzt, um ein Produkt zu verkaufen und ihnen vorzugaukeln, dass es einen Nutzen hätte." Doch das sei reine Illusion.

Noch ist  weder  ein Arzneimittel noch ein Impfstoff auf dem Markt, dass wirksam gegen das Coronavirus hilft. Ein Kauf von Präparaten ist Geldverschwendung – oder gefährdet sogar die
Gesundheit.

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