Eine Konservendose wird gehalten (Quelle: Colourbox)
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- Bisphenol A: die unsichtbare Gefahr

In Kassenbons verboten, in Konservendosen nicht - wie passt das zusammen?

Seit Januar gilt europaweit, dass Kassenbons die gefährliche Chemikalie Bisphenol A nicht mehr enthalten dürfen. Denn Bisphenol A steht im Verdacht, ein Hormongift zu sein, das man über die Haut in den Körper aufnimmt. Dennoch findet es sich in Konservendosen und Getränkeverpackungen, an CDs und DVDs, in Brillengläsern und Klebstoff - und so weiter. Bisphenol A wird in Kassenbons untersagt, ist aber in anderen Produkten enthalten - wie ist das möglich? Wie gefährlich ist die Chemikalie und woran erkennt der Verbraucher belastete Verpackungen? SUPER.MARKT klärt das.

Wo überall findet sich BPA?

Esther Reichel aus Berlin-Prenzlauer Berg öffnet ihre Küchenschränke, sie nimmt alle Lebensmittelcontainer, Frischeboxen und Konservendosen heraus und sucht nach dem entscheidenden Hinweis: In welchem Produkt befindet sich BPA? Das es sich in den Behältern überhaupt verstecken könnte, wusste die Berlinerin nicht: "Es steht ja auch nirgendwo drauf."

Reichel hat recht, BPA ist nicht kennzeichnungspflichtig. Und auch wenn nach Aussage der EU die gesundheitlichen Folgen von BPA "dauerhaft und unumkehrbar" sind, liegt der Grenzwert für den hormonell wirksamen Stoff laut EU-Verordnung bei 0,05 mg/kg. Es gibt kein Verbot.

Niedrigere Dosen BPA risikoreicher

Dabei weisen Wissenschaftler immer wieder auf die Gefahr von Bisphenol A in Konserven hin. Prof. Dr. Dr. Karin Michels vom Universitätsklinikum Freiburg hat die Chemikalie als erste Wissenschaftlerin in unzähligen Urinproben nachgewiesen: "Wir haben freiwilligen Versuchspersonen eine Portion Suppe aus Konserven konsumieren lassen und haben den Bisphenol-A-Spiegel vorher und nachher im Urin gemessen." Das Ergebnis: "Nach dem Genuss von einer Portion Suppe aus der Konserve stieg der Bisphenol-A-Spiegel im Urin um tausend Prozent an."

Laut Michels gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die einen Grenzwert für BPA festlegen, unter deren Schwelle man sicher sein könne. Viele Studien hätten sogar gezeigt, dass insbesondere für Kinder niedrige BPA-Dosen sogar gefährlicher seien könnten als höhere Dosen.

Proben teils 50-fach über dem Grenzwert

Bisphenol A ist eine der meistproduzierten Basis-Chemikalien und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Chemie. Allein in Deutschland werden jährlich ca. eine Million Tonnen Bisphenol A produziert und in diversen Kunststoffen und Kunstharzen verarbeitet. Die Frage, ob sich der Stoff lösen und auf Lebensmittel übergehen kann, wollte der BUND herausfinden: 2017 hat die Umweltorganisation deshalb über 20 Konservendosen aus dem Supermarkt auf BPA-Rückstände in Lebensmitteln untersuchen lassen.

Manuel Fernández ist beim BUND Experte für Chemiepolitik, zu dem Test sagt er, dass von den 22 Proben "fast 75 Prozent, also Dreiviertel der Proben deutlich mit Bisphenol A belastet waren. Eine davon 50-fach über dem Grenzwert." Er und sein Team waren "schlichtweg entsetzt".

Wird die Vorratshaltung zur Gefahr?

Mittlerweile gehen auch die Hersteller mit dem Thema sensibler um. So gib es immer mehr  Bisphenol-A-freie Beschichtungen, die etwa in Konservendosen verwendet werden. Doch eindeutig erkennen kann das der Verbraucher nicht. Bei einer SUPER.MARKT-Stichprobe testete ein Labor fünf Konservendosen aus Berliner Supermärkten auf BPA-Rückstände in den konservierten Lebensmitteln.

In drei Produkten wurde kein BPA nachgewiesen. In den beiden anderen Produkten lagen die BPA-Anteile zwar unter dem Grenzwert - die Konserven sind aber noch fast zwei Jahre haltbar. Und das birgt nach Meinung von Fachleuten Gefahren. Denn je länger sich die Lebensmittel in den Dosen befinden, "desto mehr BPA kann sich aus der Beschichtung herauslösen und ins Lebensmittel übergehen" - so das Ergebnis des untersuchenden Labors.

Da es keine Kennzeichnungspflicht gibt, hat SUPER.MARKT bei den großen Lebensmittelketten angefragt, ob diese noch Konservendosen verkaufen, deren Innen-Beschichtungen Bisphenol A enthalten. Außer Kaufland kann das keiner der großen Anbieter ganz ausschließen - alle halten sich aber an die vorgeschriebenen Grenzwerte. Bei Aldi verzichten laut Unternehmensangaben 90 Prozent der Lieferanten auf Bisphenol A. Die restlichen 10 Prozent werden die "... Verpackungen sukzessive umstellen …", so der Discounter. Rewe fordert von Herstellern zwar eine Bisphenol-A-freie Innenbeschichtung bei den Konservendosen, akzeptiert aber "… technologisch begründete Ausnahmen …".

Branche reagiert "auf den Wunsch"

Der Verband der Metallverpackungen hält sich auf SUPER.MARKT-Anfrage bedeckt: "Auch wenn BPA-basierte Innenbeschichtungen sicher sind, reagiert die Branche natürlich auf den Wunsch nach BPA-freien Beschichtungen …" Das Beispiel Frankreich zeigt, dass es auch anders geht, dort ist Bisphenol A bereits seit fünf Jahren in Lebensmittelverpackungen verboten.

Doch Deutschland tut sich schwer mit einem nationalen Verbot. Nur Babyflaschen und Schnabeltassen müssen ohne BPA produziert werden. Aber auch das bringt leider keine hundertprozentige Sicherheit. Denn Bisphenol A wird dann, so Michels, einfach mit einem anderen Bisphenol ersetzt, insbesondere Bisphenol A S. "Und obgleich diese Substanzen noch nicht so gut untersucht sind wie Bisphenol A, wissen wir doch, dass sie mindestens ebenso schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben wie Bisphenol A." Hier ist also Vorsicht geboten. Und der Verbraucher sollte aufgeklärt werden, dass "Bisphenol-A-frei" nicht "risikofrei" bedeutet.

Darauf sollten Sie achten

Bei Konservendosen gibt es in Sachen BPA-Gehalt keine Sicherheit. Der Verbraucher kann schlichtweg nicht erkennen, ob BPA für die Innenbeschichtung verwendet wurde oder nicht. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, verzichtet daher auf Konserven und greift alternativ zu frischer, unverpackter Ware. Oder zumindest zur Glasverpackung. Hier können Sie auf Verpackungen mit einem blauen Kreis im Deckel achten, denn diese "Blueseal-Deckel" sind Bisphenol frei.

Bei Plastikverpackungen, Plastikflaschen oder Mikrowellengeschirr gilt es, den Recylingcode 7 zu meiden. Hier könnte BPA enthalten sein. Alternativ können Verbraucher zu Kunststoffen mit den Recylingcodes 2, 4 oder 5 greifen. Diese wurden ohne gesundheitsgefährdende Stoffe hergestellt.

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