Salers Rind imago/ Winfried Rothermel
Bild: imago/ Winfried Rothermel

Mo 28.01.2019 | Dossier - Fleisch: Kenne die Kuh auf deinem Teller

Diese Möglichkeiten haben Sie, um Fleisch direkt von Erzeuger zu kaufen

Aktuell verzehrt ein Deutscher im Laufe seines Lebens vier Rinder, vier Schafe, 46 Schweine, 37 Enten, 12 Gänse, 46 Puten und 945 Hühner. Das sind in etwa 60 Kilogramm Fleisch im Jahr (Quelle: Fleischatlas 2018). Das ist leider immer noch zu viel, sagen Umweltschützer und fordern: Weniger Fleisch essen, und wenn, dann besser produziertes. Diese Botschaft ist bei einigen Verbrauchern mittlerweile angekommen. Sie wollen wissen, woher ihr Fleisch kommt und wie es verarbeitet wird. SUPER.MARKT zeigt vier Möglichkeiten, bei denen das geht. 

Der BUND zum Fleischkonsum in Deutschland

In Deutschland wird mehr Fleisch produziert, als die Verbraucher essen können. Höhere Fleischproduktion bedeutet vor allem auch eine höhere Umweltbelastung (...). Seit der Jahrtausendwende hat sich der Export von Fleisch- und Milchprodukten nach China verdreißigfacht. Hier sehe ich einen ersten wichtigen Schritt. Die Produktion muss an den Inlandsbedarf angepasst werden.

Katrin Wenz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agrarpolitik, BUND
Hofladen (Quelle: imago/Robert Fishman)

Möglichkeit 1 - Direkt vom Hof

Wer die Möglichkeit hat, fährt direkt zum Hof seines Vertrauens und kauft dort sein Fleisch. Der Vorteil: Hier lernt man den Bauern kennen, sieht wie die Tiere gehalten werden und erfährt, wie und wo sie geschlachtet werden. Allerdings: Welches Tier der Kunde dann wirklich isst, bleibt unbekannt. Das Tier bekommt kein Gesicht.

Direktvermarktung ist ein sehr standortbezogenes Geschäft. Wenn ein Betrieb nicht in bevölkerungsreichen Regionen liegt, hat er es oft schwer. So ist aktuell die Zahl der Direktvermarkter unter den Bauern eher überschaubar. Nur knapp 15.000 bis 20.000 von 275.000 Betrieben suchen laut Bauernverband den direkten Draht zum Kunden.

Höfe, die ihr Fleisch und auch viele andere eigene Produkte direkt im eigenen Hofladen anbieten, findet man zum Beispiel unter mein-bauernhof.de.

Familie Fischer aus Berlin-Johannisthal isst im Durchschnitt zweieinviertel Kilo Fleisch pro Woche. Eingerechnet sind dabei alle Fleischarten, von Huhn bis Lamm, von Aufschnitt bis zum Braten. 40 Euro zahlen sie dafür über den Daumen pro Woche. Die anonymen Lieferketten der Supermärkte sind kaum zu durchschauen. Deshalb meiden sie allzu billiges Discounterfleisch und kommen auf 17,50 Euro pro Kilo im Durchschnitt. Doch wirklich sorglos ist der Fleischgenuss trotzdem nicht. Deshalb wollen sie nun übers Internet direkt beim Erzeuger bestellen! Aber ist Direktvermarktung ein Ausweg aus dem Dilemma?

Hausschweine (Quelle: imago/Frank Sorge)

Möglichkeit 2 - Biofleisch aus dem Internet

Viele Höfe bieten mittlerweile ihre Produkte im eigenen Online-Shop an. Die Adressen zu recherchieren und auch diese Höfe ausfindig zu machen, kostet aber viel Zeit. Einfacher geht es, wenn man sich auf einem Portal durchklicken kann, das Adressen bereits gesammelt und selbst überprüft hat. Hier ist man allerdings nicht mehr persönlich beim Bauern vor Ort und muss dem Online-Händler vertrauen.

Die Plattform MyCow.de ist ein Beispiel dafür. Hier gibt es Biofleisch mit Biografie. Bio-Rind, Schwein und Lamm aus Norddeutschland kann online bestellt und nach Hause geliefert werden. Die Bauern, die Höfe und die Tiere werden biografisch vorgestellt. Das Fleisch wird in Stroh verpackt und schnellstmöglich verschickt.

Der BUND zu Lebensmittellabel auf Fleischverpackungen

Konsumenten müssen Fleisch aus besserer Tierhaltung auch erkennen können. Dazu brauchen wir eine verbindliche staatliche Haltungskennzeichnung. Die Eierkennzeichnung 0-3 ist ein Erfolgsmodell. Eine solche Kennzeichnung brauchen wir auch beim Fleisch. Sie muss verbindlich sein. Bereits in der Eingangsstufe benötigen wir deutlich mehr Tierwohl. Die derzeitigen Entwürfe sind nicht ausreichend. Sie sind freiwillig - außerdem sind die Vorgaben zu lasch. Echtes Tierwohl sieht anders aus.

Katrin Wenz, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Agrarpolitik, BUND
Schwein zerlegt (Quelle: imago/Ralph Lueger)

Möglichkeit 3 - Crowdbutching

Crowdbutching, auf Deutsch etwa "Gruppeschlachtung", das bedeutet: Immer, wenn sich genug Kunden finden, wird ein Tier geschlachtet und komplett verwertet. Nichts vom Tier wird weggeworfen, und der Bauer soll einen fairen Preis für sein nachhaltig gehaltenes Tier bekommen. Das ist zum Beispiel der Ansatz des jungen Unternehmens Besserfleisch aus Hamburg und Berlin, das sich vorerst auf Norddeutschland beschränkt. Den beiden Geschäftsführern ist dabei wichtig, eine nachhaltigere und transparentere Fleischwirtschaft zu ermöglichen. Aber auch hier muss der Kunde vertrauen. Einen direkten Draht zum Hof gibt es nicht.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Crowdbutching-Portalen kaufnekuh.dekaufeinschwein.de und kaufeinhuhn.de. Sie stellen Bauern aus Mittel- und Süddeutschland vor.

Die Heinrich-Böll-Stiftung zu Startups wie kaufnekuh.de oder Besserfleisch.de

Innovative Ideen und kluge Technologien können auf jeden Fall einen bedeutenden Impuls und Beitrag für ein Umsteuern weg von der Massentierhaltung liefern – die Neuentdeckung der direkten Beziehung zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und KonsumentInnen ist ganz sicher Teil einer klugen Agrarwende und entspricht immer mehr dem Lebensgefühl sowohl der Stadtbevölkerung wie auch der traditionelleren Landbevölkerung. Dazu gehört auch, mehr Teile vom Tier wie Innereien wieder für den direkten Verzehr zu verwenden, und nicht nur die Filetstücke. Doch klar ist auch, dass dies nicht in den aktuellen Absatzmengen funktionieren wird, die für Ramschpreise in den Discountern angeboten werden. Lieber weniger Fleisch, dafür aber bessere Qualität.

Barbara Unmüßig, Vorstand Heinrich-Böll-Stiftung
Rind auf einer Alm besuchen (Quelle: imago/Westend 61)

Möglichkeit 4 - Tierleasing

Beim Tierleasing handelt es sich um eine Form der Lohnmast. Der Verbraucher erkauft sich die Rechte an einem Schwein, einer Kuh oder einem Huhn und erhält dafür vom Landwirt Fleisch, Milch oder Eier. Tierleasing ist eine gute Möglichkeit, sich das Tier selbst anzuschauen, es kennenzulernen und es mehrmals bis zur Schlachtung zu besuchen.

Auf den Höfen, die Tierleasing anbieten, darf man meist vor Ort selbst ein Tier aussuchen. Es bleibt dann zur artgerechten Aufzucht weiterhin in der Herde. Der Kunde leistet einmalig eine Anzahlung und, je nach Vertrag, ein monatliches Futtergeld. Meist darf er auch entscheiden, wann das Tier geschlachtet werden soll, oft gibt es dafür aber einen vertraglichen Rahmen. Das Fleisch wird nach den Wünschen des Kunden zerlegt oder weiter verarbeitet. Die Schlachtkosten werden meist direkt an den Metzger gezahlt.

Die Grassbeef Company zum Beispiel, liegt in Gut Breite. Mitten im Naturschutzgebiet Nuthe-Nieplitz leben etwa 100 sogenannte Salers-Rinder das ganze Jahr im Freien. Der Züchter Erich Degreif achtet auf absolut natürliche Bedingungen. Einmal pro Woche schlachtet er ein von ihm persönlich ausgewähltes Tier.

Auf dem Pferdehof in Teltow Fläming betreibt Gerd Kauert seine Rinderzucht von Hereford-Rindern. Die Rinder werden im Offenstall auf den Koppeln gehalten. Hier kann man einen Jungbullen erwerben, der etwa 14-22 Tage alt ist. Der Jahresvertrag umfasst den Kaufpreis und die monatlichen Raten. Nach einem Jahr hat der Bulle ein Lebendgewicht von ca. 300 kg erreicht. Bis zum Zeitpunkt der Schlachtung lebt das Tier auf den Weiden des Bauers unter artgerechten Bedingungen.

Im Beelitzer Ortsteil Schäpe leben rund 35 Hühner auf rund 400 Quadratmeter Freifläche Auslauf. Wer sich bei Familie Graßl für 42 Euro im Jahr ein Huhn least, bekommt pro Woche sechs Eier. Die müssen dann aber vor Ort abgeholt werden.

Der Berliner Dennis Buchmann hat im Rahmen seines Studiums das Projekt "Meine kleine Farm" entwickelt. Das Ziel ist es, bewusster Fleisch zu konsumieren. Wer sein Schwein vor der Schlachtung kennenlernen möchte, kann es sich auf der Webseite von Buchmann anschauen. Dort kann man auch gleich von dem Schwein, das man sich ausgeguckt hat, Mettwurst am Stück, Eisbein oder Bockwurst im Glas bestellen.



Fleisch auf Wochenmärkten