Auf einer Kekspackung sind verschiedene Allergene gekennzeichnet (Quelle: rbb)
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Mo 21.09.2020 | Dossier| Lesedauer etwa 5 Minuten - Lebensmittel: "Kann Spuren von Soja enthalten"

Warum manche Produkte trotz Kennzeichnung gar keine Allergene enthalten

Fisch in der Pizza? Nüsse in der Salami? Und Senf in der Putenbrust? Die Warnung "Kann Spuren von ... enthalten" als Zusatz zur Zutatenliste auf dem Produktetikett weist auf mögliche Probleme für Allergiker hin. Denn die aufgeführten Stoffe sind Allergene - von Nüssen über Gluten bis zu Milch. Aber warum können diese Allergene überhaupt in den unterschiedlichsten Produkten enthalten sein - und geht das nicht auch anders?

"Wie in der heimischen Küche"

Alexander Daxenberger vom TÜV Süd ist staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker. Er kennt sich bestens mit solchen Spuren aus. Seiner Meinung nach ist der Herstellungsprozess der Lebensmittelbetriebe hier durchaus vergleichbar mit der Arbeit in der heimischen Küche: "Bei der Herstellung von Lebensmitteln, bei der Vorbereitung der Rezeptur, beim Mischen, beim Backen, beim Kochen, bei was auch immer, kann es immer mal sein, dass sich ein Krümel oder ein Staubkorn in eine andere Zutat verirrt", erklärt Daxenberger. Und weiter: "Eine häufige Spurenverbreitung passiert in der Praxis in der Luft über staubförmige Allergene. Mehl beispielsweise oder eben durch ganz geringe Mengen, die auf Oberflächen von Rohren, von Behältern haften, ohne dass man sie sieht."

"Die Hersteller sind fein raus"

Sind sie eine Zutat eines verarbeiteten Lebensmittels, müssen die Hersteller allergieauslösende Stoffe klar benennen und sogar hervorheben. Sind die Stoffe als sehr geringe Verunreinigung möglicherweise im Lebensmittel enthalten, können die Hersteller dies angeben. Bis zu 14 Allergene dürfen sie auf ihren Produkten kennzeichnen.
 
Was sich anhört wie ein Dienst am Kunden, sehen Verbraucherschützer allerdings kritisch. Für Ernährungsexpertin Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin ist diese Praxis vor allem einer Seite behilflich: den Herstellern. "Sie sind auf der sicheren Seite, denn sie haben ja davor gewarnt. Denn wenn ein Verbraucher einen allergischen Schock erleidet, sind die Hersteller natürlich nicht schuld."
 
Für Schautz ist das eine Verzerrung des eigentlichen Zwecks der Allergen-Angaben: "Eigentlich soll es eine Hilfe für Allergiker sein - und dahin müssen wir auch wieder zurück. Dass wirklich nur gekennzeichnet wird, was unvermeidbar darin landet."

Nuss und sonst nichts

Wird wirklich viel zu viel gekennzeichnet? Stehen da Inhaltsstoffe, die überhaupt nicht enthalten sind, als Vorsichtsmaßnahme, um gerichtlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen? SUPER.MARKT hat eine Stichprobe genommen und eine Pizza Mista, Delikatess Salami sowie Pumpernickel ins Labor gegeben. Welche der angegebenen Spuren sind nachweisbar?
 
Beim Alnatura-Pumpernickel wurde gar nichts gefunden. Keine Spur von Soja oder Sesam. Weder Haselnuss, noch Erdnuss oder Milch. Auch bei der Pizza Mista, ebenfalls von Alnatura, zeigt der Laborbericht: Keine einzige von den angegebenen Spuren ist nachweisbar. Keine Weichtiere, keine Krustentiere. Weder Haselnuss noch Fisch. Ein Allergiker würde diese Produkte wahrscheinlich trotzdem nicht kaufen, das ärgert die Lebensmittelexpertin Schautz: "So wird das Ganze ad absurdum geführt und Allergiker haben noch viel mehr Probleme als vorher."
 
Lediglich bei der Edeka-Salami wurden tatsächlich 6 mg Haselnuss gefunden. Die anderen Spuren: nicht nachweisbar. Weder Mandel, noch Walnuss oder Milch. Dazu, wie die Nuss in die Salami kam, kann Edeka keine Angaben machen: In einer Stellungnahme gegenüber SUPER.MARKT heißt es, die Frage ließe sich nicht eindeutig beantworten.

Zwei Walnüsse in Nahaufnahme (Quelle: dpa)
Anders denken, Herstellungsprozesse ändern

Mit den Bedenken konfrontiert, dass zu viele Allergene ausgewiesen würden, gibt dies keiner der Lebensmittelhersteller zu, die wir dazu angefragt haben. Edeka schreibt: "Wir möchten dadurch einen Beitrag zum Schutz besonders empfindlicher Menschen leisten."
 
Alexander Daxenberger, der Lebensmittelchemiker, klärt uns auf: "Die Hersteller dürfen nur solche Spuren angeben, von denen man wirklich vernünftigerweise erwarten kann, dass sie in relevanten Mengen vorhanden sein können. Denn ansonsten geht der Gesetzgeber von einer Irreführung aus." Dies kann zu Beanstandungen seitens der Behörden führen.
 
Für Schautz reicht das nicht aus. Die Verbraucherexpertin fordert Änderungen in den Herstellungsprozessen: "Wenn möglich Produktionsstandorte trennen. An einem Lebensmittel mit Allergenen verarbeiten, an anderen ohne. Soweit das eben möglich ist. Oder auch die Produktionsschienen soweit in der Woche voneinander trennen. Zum Beispiel: Das eine immer nur montags, das andere freitags - so dass möglichst wenige Spuren gekennzeichnet werden müssen." Weniger wäre in diesem Falle mehr - damit Allergiker nicht ewig mit der Lupe einkaufen müssen.