Ein gelber Luftballon auf dem "Betriebsrente ade" steht (Quelle: dpa)
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Mo 16.11.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 5 Minuten - Betriebsrente: gefährliche Schieflage?

Jetzt checken, später versorgt sein

Rosige Aussichten sehen anders aus: Aktuell stehen 36 Pensionskassen und 20 Lebensversicherungen unter sogenannter intensivierter Beobachtung der Finanzaufsichtsbehörde. Ihre Einnahmen reichen nicht mehr, um einst garantierte Beträge auszuzahlen. Bei sieben Pensionskassen hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zugestimmt, dass sie Leistungskürzungen vornehmen dürfen.
 
Und: Immer mehr Lebensversicherer verabschieden sich vom Markt, verkaufen alte Verträge an Abwicklungsgesellschaften, weil sich für sie das Geschäft nicht mehr lohnt.
 
Aber was heißt das für Verbraucher? Und wie groß ist die Schieflage der betrieblichen Altersvorsorge wirklich?

Chef muss "in die Bütt"

Der Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen gibt gegenüber SUPER.MARKT leichte Entwarnung: "Garantiert ist erstmal garantiert", so der Finanztip-Chef. Um überhaupt kürzen zu können, brauchen die Pensionskassen die Erlaubnis der BaFin. Und: Auch der Arbeitgeber kann sich nicht so einfach aus der Verantwortung ziehen: "Mein Chef muss, wenn irgendetwas garantiert war, auch in die Bütt." Denn laut Betriebsrentengesetz muss in der Regel der Arbeitgeber für zugesagte Leistungen einstehen.
 
Kündigen Sie also nicht vorschnell - auch, wenn Sie dazu gedrängt werden. Prüfen Sie lieber die Möglichkeit der Beitragsfreistellung.

Neuer Job, alter Vertrag?

Auch wenn Hermann-Josef Tenhagen an dieser Stelle relativ gelassen bleibt, weist er auf andere Tücken hin: "Das wesentliche Problem ist nicht so sehr, dass das Geld sozusagen abhandenkommt. Sondern, dass die Leute immer häufiger ihren Job wechseln und ihre betriebliche Altersvorsorge mitnehmen - und gucken müssen, dass das funktioniert."
 
Denn oft übernehmen die neuen Arbeitgeber die alten Verträge nicht, der alte Arbeitgeber hat aber nichts davon, Ihren Vertrag weiter laufen zu lassen - Sie sollen also bitteschön das in der alten Police vorhandene Kapital zur neuen Versicherungsgesellschaft umziehen. Wobei Sie schlecht wegkommen, denn die Neuverträge laufen meist zu schlechteren Konditionen.
 
Das beste ist in diesem Fall also, den Vertrag zu den alten Konditionen beim neuen Arbeitgeber weiterlaufen zu lassen. Wenn der das ablehnt, gibt es immer noch die Möglichkeit, den laufenden Vertrag gegen eine Gebühr von einer sogenannten Clearingstelle verwalten zu lassen. Diese privaten Anbieter sind auf solche Fälle spezialisiert.

Ein Ordner, auf dem "Rente" steht, daneben Unterlagen, Geld und ein ein Taschenrechner (Quelle: dpa)
Immer wieder vergleichen

Wenn Sie schon lange nicht mehr in die Versicherungspolice Ihrer Betriebsrente hineingeschaut haben: Machen Sie das ruhig mal - und sehen Sie genau nach, wie viel Sie monatlich beisteuern und was am Ende dabei rumkommt.
 
Jetzt lohnt sich der Vergleich mit anderen Vorsorgemöglichkeiten - zu einer ersten Einschätzung, wie gut Ihr Paket ist, können Sie selbst kommen. Gehen Sie auf die Webseiten der Anbieter von Lebens- und Rentenversicherungen und geben Sie dort im Vorsorge-Rechner Ihre Kennzahlen ein. Ist Ihre Versicherung besser als das, was Sie dort angeboten bekommen? Wunderbar.
 
Für die genaue Einschätzung, ob die Versicherung eine gute Wahl war und wie viel nach Abzug aller Kosten übrig bleibt, braucht es allerdings eine fachliche Einschätzung, etwa durch die Verbraucherzentralen.

Weitere Fallstricke

Was viele Verbraucher nicht wissen - und womit die Anbieter meist nicht hausieren gehen -, ist die Tatsache, dass nach Auszahlung der Betriebsrente noch einmal Zahlungen von Ihnen fällig werden. Zum einen werden in der Regel Sozialabgaben von Ihnen verlangt: Sind Sie im Ruhestand gesetzlich krankenversichert, müssen Sie den vollen Krankenkassenbeitrag und die Abgaben zur Pflegeversicherung auf die Betriebsrente zahlen. Allerdings nur, wenn Ihre Betriebsrente monatlich über 160 Euro liegt. Zum anderen möchte auch das Finanzamt die Einkommensteuer haben. Zwar nicht auf 100 Prozent Ihres zu versteuernden Einkommens, aber für Rentner, die 2020 in den Ruhestand gingen, auf 80 Prozent des Einkommens, bis 2040 wird dieser Anteil jährlich größer. Ist alles rechtens - und trotzdem für viele ärgerlich. Aber muss bei der Berechnung der Höhe Ihrer Altersvorsorge natürlich berücksichtigt werden. Bei der Stiftung Warentest finden Sie weitere Infos dazu sowie einen Online-Rechner, mit dem Sie die Sozialabgaben der Betriebsrente ermitteln können.

Sie haben noch keine betriebliche Altersvorsorge?

Eine Betriebsrente ist laut Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip dann sinnvoll, wenn der Arbeitgeber mehr Geld als das gesetzlich vorgegebene Minimum von 15 Prozent dazu gibt: "Wenn der Chef 25 bis 30 Prozent oben drauflegt, ist das eine garantierte Rendite fürs Alter." Da sich die auch in den vergangenen Jahrzehnten nicht geändert hat, sagt der Finanzfachmann: "Das sollte funktionieren."
 
Trotzdem müssen Sie natürlich noch wählen beziehungsweise mit Ihrem Arbeitgeber verhandeln, welches Betriebsrentenmodell Sie nehmen:

Diese betrieblichen Vorsorge-Arten gibt es

Laut Gesetz hat jeder Arbeitnehmer Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge. Der Arbeitgeber schließt dafür einen Vertrag mit einer Pensionskasse, einem Pensionsfonds oder einer Direktversicherung ab. Weil dies direkt für viele Arbeitnehmer geschieht, können zumeist Gruppenrabatte und gute Konditionen ausgehandelt werden.

 

Wie die Betriebsvorsorge dann aussieht, dafür gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Möglichkeiten:

 

1) Die Beiträge werden vom Arbeitgeber allein getragen.

 

2) Arbeitgeber und Arbeitnehmer bringen die Beiträge gemeinsam auf. Dabei gilt: Häufig ist die betriebliche Altersvorsorge eine sogenannte Entgeltumwandlung, ein Teil des Brutto-Gehalts fließt direkt in die Altersvorsorge. Das bedeutet, dass man erst einmal weniger Gehalt hat, aber auch Steuern und Sozialabgaben spart.

 

Für den ersten Fall rät die Verbraucherzentrale, die zusätzliche Versorgung auf jeden Fall mitzunehmen: "Wie bei allen Formen der betrieblichen Altersvorsorge muss auf die spätere Rente allerdings Einkommensteuer gezahlt werden. Sind Sie gesetzlich krankenversichert, wird zudem der volle Beitrag auf die Kranken- und Pflegeversicherung fällig."

 

Für den zweiten Fall gilt: Genau hinsehen! Wie oben schon beschrieben, ist es wichtig, was genau Ihr Arbeitgeber zu der Vorsorge beiträgt.

Hier finden Sie Hilfe

Kein einfaches Thema. Aber eines, das sich lohnt! Konkrete Fragen - etwa zu der Betriebsvorsorge Ihres Arbeitgebers - klärt die Verbraucherzentrale Ihres jeweiligen Bundeslandes mit Ihnen. Und auch online können Sie sich hier natürlich schon umfassend informieren.
 
Auch Stiftung Warentest hat sich des Themas "Betriebliche Altersvorsorge" angenommen.

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