Mann mit E-Zigarette (Quelle: imago / Ikom Images)
Bild: imago / Ikom Images

Fr 18.06.2020 | Interview | Lesedauer etwa 6 Minuten - E-Zigarette: Das "gesündere" Rauchen?

Interview mit Dr. Elke Pieper vom Bundesinstitut für Risikobewertung

In der Werbung werden E-Zigaretten als das "weniger schädliche Rauchen" gepriesen. Aus diesem Grund steigen Tabak-Raucher auch auf Tabak-Erhitzer oder Liquid-Zigaretten um. Viele hoffen sogar, dadurch ganz aufhören zu können. Doch wie viel besser sind die E-Zigaretten wirklich? Am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werden Geräte, Liquids und Aromen auf Schadstoffe untersucht. Im Interview erklärt Dr. Elke Pieper vom BfR, warum die E-Zigarette wirklich eine empfehlenswerte Rauch-Alternative ist.

SUPER.MARKT: Was weiß man bisher über die Gesundheitsschäden von E-Zigaretten?

Dr. Elke Pieper: Zum einen untersuchen wir die Dämpfe, die man beim Zigarettenkonsum inhaliert. Da zeigt sich ganz eindeutig, dass Konsumenten einer E-Zigarette deutlich weniger gesundheitsschädliche Stoffe einatmen als bei klassischen Zigaretten. Das gilt dann auch genauso für Passivraucher, dennoch sind Gefahren nicht vollständig auszuschließen. Und zum anderen gibt es auch bereits einzelne Untersuchungen, die auf Krankheitserscheinungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Lungenleiden gucken. Da können wir aber noch keine eindeutigen Schlüsse ziehen, vor allem bei Herz-Kreislauf-Folgen ist die Studienlage noch nicht sehr eindeutig. Aber aus den Analysen der Dämpfe leiten wir ab, dass bei bestimmungsgemäßem Gebrauch die Folgeschäden wahrscheinlich deutlich geringer sind als bei normalem Rauchen. Dabei ist es wichtig, dass ein vollständiger Umstieg auf die E-Zigarette erfolgt.

Gibt es Unterschiede bei Tabak-Erhitzern, wie der IQOS-Zigarette und den klassischen E-Zigaretten mit Liquid?

In Deutschland gibt es nur einen Tabak-Erhitzer auf dem Markt, den haben wir auch untersucht. Und unsere Ergebnisse bestätigen, dass die Hauptschadstoffe der Zigarette um 80 bis 90 Prozent reduziert sind. Und bei der E-Zigarette mit Liquid - wenn wir von standardmäßigem Gerät und Einstellungen ausgehen - gibt es Publikationen, die zeigen, dass E-Zigaretten nochmal weniger Schadstoffe und auch weniger krebserzeugende Schadstoffe im Dampf enthalten als Tabak-Erhitzer.

"Selbst bei starkem Konsum der E-Zigarette nimmt man deutlich weniger Schadstoffe auf als bei Tabak-Zigaretten."

Dr. Elke Pieper, Tabakexpertin am BfR

   

Vor allem bei den Liquid-Zigaretten mit Akku und Tank kann man durchgehend dran ziehen. Es gibt kein richtiges Ende, wie bei einer klassischen Zigarette. Wie überträgt sich das auf die Schadstoffaufnahme?

E-Zigaretten werden schon ein bisschen anders konsumiert. Man zieht länger dran und auch die Anzahl der Züge ist nicht so kontrolliert wie bei normalen Zigaretten, die im Durchschnitt nach acht bis zwölf Zügen aufgeraucht sind. Aber das Konsumverhalten ist individuell sehr unterschiedlich. Es gibt Konsumenten, die versuchen, auch mit der E-Zigarette diese klassischen Raucherpausen á fünf Minuten zu machen. Aber es gibt auch Menschen, die gefühlt den ganzen Tag an ihrer E-Zigarette nuckeln. Das beeinflusst natürlich auch die Menge der Schadstoffe, die man einatmet. Aber selbst bei diesem starken Konsum nimmt man deutlich weniger Schadstoffe auf als bei Tabak-Zigaretten.

Inwiefern kann denn die Wahl des Liquids die Schädlichkeit beeinflussen?

Schon deutlich. Hier kommt es vor allem auf die Aromen an, die beigemischt werden. Es gibt Substanzen, die zu Reizungen oder Entzündungen führen können und die man meiden sollte. Das sind zum Beispiel ölige Substanzen oder Stoffe wie Zimtaldehyd, Zimtalkohol, Anisalkohol und Benzyalkohol. Aber bei der Fülle der Substanzen können wir nicht alle Inhaltsstoffe untersuchen, vor allem nicht im Hinblick auf die Inhalationstoxikologie. Also, wie diese Aromen auf die Lunge wirken, wenn sie eingeatmet werden. Es gibt so viele verschiedene Liquids. Dadurch ist es gar nicht so einfach, ein allgemeingültiges Urteil abzugeben. Die Bewertung fällt uns auch sehr schwer, weil das so ein großes Spektrum ist. Aber mir ist nicht bekannt, dass in Deutschland sehr bedenkliche Inhaltsstoffe gefunden wurden.

Das Prinzip

Tabak-Zigarette versus E-Zigarette: Wo liegt der Unterschied?

Im Dampf von E-Zigaretten bilden sich deutlich weniger Schadstoffe, weil keine Verbrennung stattfindet. Die meisten schädlichen und krebserregenden Substanzen werden beim Rauchen freigesetzt, wenn der Tabak abbrennt. Bei E-Zigaretten werden das eingefüllte Liquid oder die Tabak-Sticks nur erhitzt, wodurch viel weniger Schadstoffe entstehen als beim Verbrennungsprozess der klassischen Zigaretten.

"Das Liquid besteht immer zu 80 bis 99 Prozent aus einem Vernebelungsmittel, meist eine Mischung aus Prophylenglykol und Glycerin. Dann ist Nikotin enthalten und oft Aromastoffe als Geschmacksbildner", erklärt Dr. Elke Pieper.

Worauf sollte man unbedingt achten, wenn man neue Liquids ausprobiert?

Es ist sehr wichtig, dass man auf Qualitäts- und Sicherheitsmerkmale achtet. Bei nikotinfreien Liquids sollte man etwas vorsichtiger sein, denn die fallen noch nicht unter das strenge Tabakgesetz, das für nikotinhaltige Liquids gilt. In nikotinfreien E-Liquids können Inhaltsstoffe enthalten sein, die in nikotinhaltigen E-Liquids verboten sind. Das wird natürlich auch missbraucht. Es können Drogen eingesetzt werden, wie etwa synthetische Cannabinoide. Wir raten auch allgemein davon ab, Liquids selbst zu mischen. Sondern sie beim Händler zu kaufen. Und wenn man ein neues Liquid ausprobiert, sollte man auch genau darauf achten, ob man es gut verträgt. Wenn man unerwünschte Effekte, wie ein Kratzen im Hals, Husten oder Übelkeit, bei einem Liquid verspürt, sollte das Dampfen eingestellt werden und dies einem Arzt oder einer Giftinformationszentrale gemeldet werden. Nur so können wir mitbekommen, wenn es ein Problem gibt.

Wie ist das bei E-Zigaretten, die man selbst einstellen kann? Kann man diese “falsch” benutzen, sodass sie schädlicher sind?

Bei den Standardgeräten mit Liquidtank und Voreinstellungen kann man nicht viel falsch machen. Aber es gibt auch Geräte, bei denen man die Temperatur und Leistung selbst einstellen kann, und zwar deutlich höher als bei den Standardgeräten. Das sieht man an den großen Dampfwolken, die entstehen. Und wir konnten messen, dass im Dampf die Konzentration der krebserzeugenden Stoffe und auch anderer Schadstoffe stark ansteigt, wenn man hohe Temperaturen und sehr hohe Leistung einstellt. Auch Publikationen anderer Wissenschaftler zeigen, dass sich bei höheren Temperaturen die Inhaltsstoffe im Liquid mehr zersetzten können und dann zum Beispiel Formaldehyd vermehrt gebildet wird. Eigentlich schmeckt man das auch - sehr unangenehm, aber wenn man die entsprechenden Aromen verwendet, kann es auch sein, dass sie den unangenehmen Geschmack überdecken und man das gar nicht merkt. Und deshalb raten wir davon ab, die Maximaleinstellungen auszureizen.

Bringt die E-Zigarette Vorteile für Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen?

Auf jeden Fall. Es gibt sogar Suchtexperten oder Verhaltenstherapeuten, die die E-Zigarette tatsächlich auch schon empfehlen, wenn andere Methoden, einen Rauchstopp zu erzielen, gescheitert sind. Denn: Es gibt Liquids mit verschiedenen Nikotinstufen. Angefangen von hohem Nikotingehalt - so 20 Milligramm pro Milliliter - bis hin zu nikotinfreien Liquids. Und je weniger Nikotin im Liquid enthalten ist, desto weniger atmet der Konsument auch ein. Das heißt, man kann den Nikotingehalt durch die Wahl des Liquids schrittweise reduzieren und dadurch vielleicht auch das Suchtpotential verringern. Die Sucht hat ja auch was mit dem Haptischen zu tun. Man hat immer etwas in der Hand und im Mund. Da könnte man erstmal auf die E-Zigarette umsteigen und dann langsam versuchen, davon auch wegzukommen. Und im Idealfall klappt es dann auch, mit dem Rauchen aufzuhören.