E-Auto an Säule, Bild: colourbox.com
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Fr 06.11.2020 | Dossier | Lesedauer etwa 7 Minuten - E-Mobility: Tarifchaos an den Ladestationen

Keine Preis-Transparenz bei vielen Anbietern und beim Roaming

Wenn Sie noch einen Wagen mit altertümlichem Verbrennungsmotor fahren, dann sollten Sie wissen, dass Besitzer von modernen E-Autos Sie in einem bestimmten Moment beneiden: Nämlich dann, wenn Sie an die Tankstelle fahren und durch einen einfachen Blick auf die große Preistafel wissen, was Sie zu zahlen haben. An den rund 30.000 Ladestationen für Elektroautos in Deutschland herrscht dagegen ein meist schwer durchschaubares Tarife-Chaos.

Ladestation für kostenloses Aufladen von E-Autos auf einem Supermarkt-Parkplatz
Kartenanbieter und Ladestationsbetreiber

Falls Sie noch niemals Strom getankt haben, müssen Sie vorab wissen, dass man an den meisten Ladestationen eine sogenannte Ladekarte benötigt. Über den Chip auf dieser Karte werden Sie als deren Besitzer identifiziert, um Ihnen später die Rechnung zuordnen zu können.
 
Ladekartenanbieter und Stationsbetreiber sind nicht zwangsläufig identisch. Die Stationen werden regional beispielsweise von den jeweiligen Stadtwerken betrieben oder überregional von großen Firmen, die ihr Ladenetz nach eigenen Kriterien ausbauen, sowie von vielen weiteren kleinen und mittelgroßen Anbietern.
 
Wenn Sie nur in Ihrer Stadt unterwegs sind und ausschließlich die Säulen innerhalb Ihres Ladenetzverbundes anfahren, dann haben Sie kein Problem: Stationsbetreiber und Kartenanbieter sind identisch und die Abrechnungsmodalitäten dürften Ihnen bekannt sein.
 
Anders sieht es aus, wenn Sie fremde Ladestationen aufsuchen müssen, weil Sie beispielsweise überregional unterwegs sind. Auf dem deutschen Markt tummeln sich Hunderte von Ladekartenanbietern und Stationsbetreibern, die miteinander kooperieren – oder eben auch nicht.
 
Sie alle haben verschiedene Tarif- und Abrechnungsmodelle, die oftmals alles andere als transparent sind. Einige rechnen nach Ladezeit ab, andere nach Kilowattstunde. Es gibt Pauschalpreise, Flatrates, zusätzliche Servicegebühren und Strafzahlungen für zu langes Laden - und hier und da tatsächlich sogar noch kostenlosen Strom.

Keine Transparenz beim Roaming

Da nicht jede Ladekarte an jeder Ladestation funktioniert, haben Autofahrer, die im ganzen Land unterwegs sind, nicht selten drei bis fünf Karten verschiedener Anbieter im Handschuhfach, um uneingeschränkt mobil bleiben zu können.
 
Passt eine Karte, so kann man an vielen Ladestationen nur davon träumen, den tatsächlichen Preis für die entnommene Energiemenge angezeigt zu bekommen. Denn die Roamingkonditionen zwischen Säulenbetreiber und Kartenanbieter sind oft nicht vor Ort einsehbar und müssen auf Apps oder Webseiten der Betreiber recherchiert werden.
 
Wer dies nicht tut, den erwartet unter Umständen Wochen später eine ungeahnt hohe Rechnung im Briefkasten, bei der ein Vielfaches des Preises fällig sein kann, den der Strom aus der eigenen Steckdose gekostet hätte.

Ladestation für E-Autos in Berlin (Quelle: Imago)
So sollte es sein

Gesetzlich ist eigentlich klar definiert, dass eine Abrechnung an der Stromsäule transparent zu erfolgen hat: Jeder Kunde müsste am Ende des Ladevorgangs eine (digitale) Quittung erhalten, aus der hervorgeht, wie viele Kilowattstunden er geladen hat, was eine einzelne Kilowattstunde kostet und wie hoch der Gesamtbetrag für das Laden inklusive möglicher zusätzlicher Gebühren ist.
 
In der Praxis wird das durch die Vielzahl der involvierten Instanzen bei einem Ladevorgang zum Problem. Nötig wären laut Gesetz eichrechtskonforme Messsysteme bei allen beteiligten Unternehmen - also sowohl den Ladestationsbetreibern, als auch den Kartenanbietern – und das ist oft noch nicht der Fall. Auch sind viele der einfachen Wechselstromsäulen zwar bereits mit Zählern ausgestattet, doch bei Gleichstrom-Schnellladestationen ist die Umrüstung technisch viel komplizierter und somit teurer.

Die Realität sieht anders aus

Da der Ausbau der Ladenetzinfrastruktur in Deutschland jahrelang verschlafen wurde, ist man bis auf weiteres auch auf die vielen alten Ladestationen angewiesen, deren technische Umrüstung für die Betreiber nicht rentabel wäre.
 
Noch gilt derzeit eine Übergangsfrist: Bis Ende 2021 wird dieses Chaos toleriert. Das Nachsehen hat der Autofahrer, der sich unter anderem mit folgenden Abrechnungsmodellen auseinandersetzen muss:

Die gängigsten Abrechnungs- und Tarifmodelle

  • Die Flatrate

  • Die Grundgebühr

  • Kilowattstundepreise und "Zeitstrafe"

  • Pauschalpreise pro Ladevorgang

  • Kilowattstunde

  • Abrechnung nach Zeit

  • Kostenloser Strom

Keine Zukunft ohne Vertrauen

Um das Vertrauen in die Elektromobilität zu fördern, fordern die Verbraucherzentralen seit langem ein Abrechnungssystem mit mehr Transparenz und Vergleichbarkeit.
 
Zu oft klagen Kunden über Rechnungsbeträge, die beim Laden vorab nicht ersichtlich waren. Ihnen obliegt in diesem Fall die Beweislast. In der Praxis führt das dazu, dass man beim Laden Screenshots von Apps oder Fotos von Aushängen an Ladestationen macht, um nachweisen zu können, zu welchen Konditionen man Strom gezogen hat.
 
Mit einer besonders windigen Variante musste sich jüngst die Verbraucherzentrale NRW beschäftigen und den betreffenden Anbieter abmahnen. In dessen AGB stand, dass sich die Kunden den Preis für das Aufladen selbst zu recherchieren hätten - der Anbieter verwies dabei auf eine App und eine Webseite. Gleichzeitig schränkte er aber ein, nicht dafür garantieren zu können, dass diese Preise in jedem Fall richtig seien.

Ladekarte von Volkswagen an einer Ladesäule (Quelle: Imago)
Wann kommt Ordnung ins Chaos?

Nach zahlreichen Beschwerden über zweifelhafte Abrechnungspraktiken verschiedener Anbieter hat das Bundeskartellamt im Sommer endlich eine offizielle Unter­suchung eingeleitet, die die Bereit­stellung und Vermarktung der Lade-Infrastruktur für Elektrofahr­zeuge in ganz Deutschland unter die Lupe nimmt.
 
In der Pflicht steht hier jedoch in erste Linie das Bundeswirtschaftsministerium, das Ordnung ins Chaos bringen müsste - oftmals typisch für neu entstehende Märkte. Schließlich erhofft man sich dort, dass bereits in zehn Jahren zehn Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren - und die sollten auch überall problemlos und verbraucherfreundlich geladen werden können!

Tipps der Verbraucherzentrale für den Lade-Alltag:

  • Ladebedarf des eigenen Autos kennen

  • Preistendenzen kennen

  • Wo gibt es was kostenlos?

  • Wie sind die Preise im Ladeverbund?

  • Sie laden nur selten unterwegs?

  • Viel hilft viel

  • Vertragslaufzeiten kurz halten

  • Mehrere Anbieter sichern