Ein graues T-Shirt mit dem Label "Grüner Knopf" wird von einer Hand hochgehoben (Quelle: BMZ)
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Mi 09.09.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 4 Minuten - Bilanz: ein Jahr Textilsiegel Grüner Knopf

Was hat die Einführung des neuen Siegels gebracht?

Sie müssen schon sehr gezielt Kleidung kaufen, um es zu entdecken: das Textil-Siegel "Grüner Punkt". Die Bundesregierung hat das erste staatliche Textil-Siegel vor einem Jahr an den Start gebracht. Mit dem Grünen Knopf wird seitdem fair und ökologisch produzierte Kleidung ausgezeichnet. Und was hat das Siegel in dem Jahr bewirkt? Das ist schwer zu beantworten, weil es nur wenige Daten dazu gibt.
 
Laut dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bieten inzwischen rund 50 Unternehmen Kleidung mit dem Grünen Knopf an. Bekanntere Marken wie Hessnatur oder Vaude haben Kleidungsstücke mit diesem Siegel im Sortiment, aber auch Discounter wie Aldi oder Lidl. Im ersten Halbjahr seien rund 50 Millionen mit dem Grünen Knopf ausgezeichnete Textilien verkauft worden. Das ist allerdings gerade mal ein Marktanteil von anderthalb bis drei Prozent. Kein Wunder also, dass laut einer repräsentativen Erhebung der GfK-Marktforscher im Auftrag des Ministeriums bisher nur etwa ein Drittel der Verbraucher das staatliche Gütesiegel kennen. Davon halten 70 Prozent es für vertrauenswürdig.

Fast 50 Mindeststandards und Kriterien

Um das Siegel zu erhalten, müssen Textilien 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Außerdem muss der Hersteller anhand von 20 Kriterien nachweisen, dass er seine Sorgfaltspflicht nicht vernachlässigt. Hier geht es zum Beispiel um ein effektives Beschwerdemanagement, auch für Mitarbeiter ausländischer Zulieferfabriken.
 
Diese Kriterien sollen langfristig für die gesamte Lieferkette gelten. Allerdings befindet sich das Siegel noch bis Ende Juni 2021 in der Einführungsphase: Solange bezieht sich der Grüne Knopf lediglich auf die Produktionsschritte Färben und Bleichen sowie Nähen und Zuschneiden. Der Baumwollanbau, die Faserproduktion und das Spinnen und Weben kommen erst später hinzu, genauso wie existenzsicherende Löhne der Arbeiter.

Das Siegel reicht nicht aus

Auch ein Jahr nach Einführung des Siegels Grüner Knopf muss sich Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) noch viel Kritik anhören. So findet die Verbraucherzentrale nach wie vor, dass das Siegel eine gute Möglichkeit für Verbraucherinnen und Verbraucher sein kann, um sich besser beim Kauf nachhaltig produzierter Kleidung zu orientieren. Allerdings sei der Grüne Knopf noch nicht im Massenmarkt der Textilwirtschaft angekommen und daher zu weniger sichtbar.
 
Stattdessen fordert Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, endlich die Einführung eines Lieferkettengesetzes: "Dieses würde alle Unternehmen der Textilbranche verpflichten, menschenrechtliche- und umweltbezogene Sorgfaltspflichten einzuhalten. Nachhaltigkeit beginnt bereits bei der Produktion auf dem Baumwollfeld in Afrika oder Asien."
 
Tatsächlich sieht der Koalitionsvertrag ein solches Lieferkettengesetz vor. Doch die Industrie, Arbeitgeber und der Handel protestierten gegen erste Eckpunkte des Gesetzes. Aktuell soll ein erster Gesetzesentwurf trotzdem noch im September ins Kabinett.