Ein graues T-Shirt mit dem Label "Grüner Knopf" wird von einer Hand hochgehoben (Quelle: BMZ)
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Mo 06.09.2021 | Beitrag | Lesedauer etwa 4 Minuten - Bilanz: zwei Jahre Textilsiegel Grüner Knopf

Was hat die Einführung des Siegels gebracht?

Sie müssen schon sehr gezielt Kleidung kaufen, um es zu entdecken: das Textil-Siegel "Grüner Punkt". Die Bundesregierung hat das erste staatliche Textil-Siegel 2019 an den Start gebracht. Mit dem Grünen Knopf wird seitdem fair und ökologisch produzierte Kleidung ausgezeichnet. Und was hat das Siegel in den beiden Jahren seit Bestehen bewirkt? Das ist schwer zu beantworten, weil es nur wenige Daten dazu gibt.
 
Laut dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bieten inzwischen über 70 Unternehmen Kleidung mit dem Grünen Knopf an. Bekanntere Marken wie Hessnatur oder Vaude haben Kleidungsstücke mit diesem Siegel im Sortiment, aber auch Discounter wie Aldi oder Lidl. Laut einer repräsentativen Erhebung der GfK-Marktforscher im Auftrag des Ministeriums kannten im Herbst 2020 nur etwa ein Drittel der Verbraucher das staatliche Gütesiegel. Davon hielten aber immerhin 70 Prozent es für vertrauenswürdig.
 
Durch die Coronakrise ist die Bekanntheit des Labels vermutlich nicht wirklich gestiegen - immerhin steckt gerade die Bekleidungsbranche in einer massiven Krise: Laut einer Studie von McKinsey gaben Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa und den USA an, ihre Bekleidungsnachfrage während der Pandemie um mehr als 65 Prozent zu senken, während sie ihre Gesamtausgaben nur um 40 Prozent senken wollen. Auch die Online-Umsätze sind in Europa um fünf bis 20 Prozent gesunken. Dabei wäre, so Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, gerade jetzt ein Zeitpunkt, um in nachhaltige Textilwirtschaft zu investieren: "Wir brauchen besseren Gesundheitsschutz und soziale Sicherheitsnetze in den Produktionsländern – das ist schon heute eine Lehre aus der Krise."

Fast 50 Mindeststandards und Kriterien

Um das Siegel zu erhalten, müssen Textilien 26 soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Außerdem muss der Hersteller anhand von 20 Kriterien nachweisen, dass er seine Sorgfaltspflicht nicht vernachlässigt. Hier geht es zum Beispiel um ein effektives Beschwerdemanagement, auch für Mitarbeiter ausländischer Zulieferfabriken.
 
Diese Kriterien sollen langfristig für die gesamte Lieferkette gelten.Bis Mitte 2021 befand sich das Siegel noch in der Einführungsphase: In dieser Zeit bezog sich der Grüne Knopf lediglich auf die Produktionsschritte Färben und Bleichen sowie Nähen und Zuschneiden. Dies soll nun ausgeweitet werden. Zum Jahresende 2021 bekommt der Grüne Punkt deshalb eine Art Update und wird um neue Kriterien ergänzt. Existenzsichernde Löhne der Arbeiter kommen dann genau so hinzu wie eben eine Vertiefung der Anforderungen in die Lieferketten, etwa in den Bereichen Material- und Fasereinsatz, Spinnen und Weben.

Das Siegel reicht nicht aus

Schon im Jahr nach der Einführung des Siegels musste sich der Gerd Müller, als Entwicklungsminister zuständig für das Thema, viel Kritik anhören. So befand die Verbraucherzentrale, dass das Siegel eine gute Möglichkeit für Verbraucherinnen und Verbraucher sein kann, um sich besser beim Kauf nachhaltig produzierter Kleidung zu orientieren. Allerdings sei der Grüne Knopf noch nicht im Massenmarkt der Textilwirtschaft angekommen und daher zu wenig sichtbar.
 
Heftigere Kritik kam Anfang 2021 von der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye und dem Verein Femnet, der sich für die Rechte weiblicher Arbeitskräfte einsetzt. Gemeinsam hatten die Aktivisten die Berichterstattung von 31 "Grüner-Knopf"-Firmen analysiert, um herauszufinden, inwieweit die Vorgaben des Siegels bei den Unternehmskriterien eingehalten werden. Herausgekommen ist laut Public Eye und Femnet, dass der "Grüne Knopf" wegen mangelhafter Prüfprozesse nicht garantieren kann, "was sich viele von ihm versprechen: Kleider und Textilwaren, die ohne Ausbeutung und Umweltverschmutzung hergestellt wurden", so das Fazit der Kritiker.
 
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung konterte schnell - denn nicht die öffentliche Berichterstattung der Unternehmen garantiere die Wirksamkeit des Siegels, sondern die internen Prüfprozesse zwischen Siegelgeber und Unternehmen. Auch sei das Siegel wieterhin in der Entwicklung, nachgebessert würde ständig. Der Grüne Knopf halte daher insgesamt, was er verspreche.