Das Titelblatt des Schuldneratlas, gesehen durch die Gläser einer Brille (Quelle: dpa)
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Di 10.11.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 3 Minuten - Schulden in Deutschland: gerade weniger, bald mehr

Experten sprechen von "Ruhe vor dem Sturm"

Wir haben weniger Schulden! Die Überschuldung von deutschen Verbrauchern ist laut Schuldneratlas der Wirtschaftsauskunftei Creditreform leicht gesunken: Rund ein Prozent weniger Menschen als 2019 konnten 2020 ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Insgesamt betroffen sind allerdings immer noch 6,85 Millionen Menschen, die dieses Jahr Schulden machen mussten.
 
Die Überschuldungsquote - der Anteil der Überschuldeten im Verhältnis zur Gesamtzahl der Erwachsenen in Deutschland - sank damit das erste Mal seit vier Jahren auf unter zehn Prozent: auf 9,87 Prozent. Zugleich hätten die Bürger im bisherigen Verlauf der Corona-Krise mehr gespart und weniger ausgegeben. Creditreform spricht dennoch von der "Ruhe vor dem Sturm". Das Unternehmen erwartet, dass deutlich mehr Leute als heute in naher Zukunft überschuldet sein werden - wegen der Corona-Krise.

Schulden-Schere geht weiter auf

"Die Folgewirkungen werden für Wirtschaft, Gesellschaft und Verbraucher gravierender sein als die der Weltfinanzkrise 2008 und 2009", so der Creditreform-Experte, Patrik Ludwig Hantzsch. Bislang sei ein Ende der gesundheitspolitischen und ökonomischen Krisenlage wegen der weiter steigenden Infektionszahlen noch nicht absehbar. Aus diesem Grund sehen die Experten der Auskunftei eine "verschleierte Überschuldungslage" - viele Verbraucher werden sich demnächst verschulden müssen.
 
"Die langfristigen Perspektiven für die Überschuldungsentwicklung sind besorgniserregend, da die Corona-Pandemie auch eine weitere Polarisierung von Einkommen und Vermögen bewirkt", warnte Hantzsch. Heißt: Wer bislang gut verdient hat, kommt auch besser durch die Krise - und wird im Gegensatz zu vielen anderen danach besser dastehen.

Schuldenfalle Altersarmut

Besonders betroffen von Schulden sind in Deutschland Rentner: Immer mehr alte Menschen können ihre Rechnungen nicht bezahlen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten stieg die Zahl der überschuldeten Senioren ab 70 der Studie zufolge um 23 Prozent. Seit 2013 habe sich die Zahl der überschuldeten Verbraucher im Alter ab 70 Jahren mehr als vervierfacht - auf mittlerweile rund 470.000 Betroffene. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl aller überschuldeten Personen erhöhte sich im gleichen Zeitraum "nur" um rund vier Prozent.

Das Problem wird auch an anderer Stelle gesehen: Die Tafeln in Deutschland berichten über eine wachsende Not bei älteren Mitbürgern. Die Anzahl der Senioren, die bei den Tafeln Lebensmittel abholten, sei "innerhalb nur eines Jahres alarmierend gestiegen", erklärte der Vorsitzender der Tafel Deutschland, Jochen Brühl. Bereits in 15 Jahren könne jede fünfte Rentnerin oder jeder fünfte Rentner von Altersarmut bedroht sein.

Das Problem der Altersarmut sei besonders schwerwiegend, so die Experten von Creditreform. Denn älteren Menschen fehle in der Regel eine Perspektive, sich aus der schwierigen Situation herauszuarbeiten. Mit dem Eintritt in den Ruhestand sinke die Chance älterer Menschen
drastisch, ihre ökonomische Lage zu verbessern.