Unterwegs
Bild: Colourbox

Do 19.11.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 6 Minuten - Reiseanbieter: Jetzt fallen die Stornogebühren

Unternehmen hoffen so auf mehr Buchungen

Sie ist eine der größten Verliererinnen der Corona-Pandemie: In der Reisebranche wagt es in diesem Jahr kaum jemand, auf Gewinne zu hoffen. Für viele der kleinen und großen Unternehmen geht es ums blanke Überleben. Den Flug- und Reiseveranstaltern sowie der Hotel-, Reisebus- und Kreuzfahrtbranche haben nicht nur die Ausfälle der vergangenen Monate schwer zugesetzt, es fehlt vor allem an neuen Buchungen.

Alle haben Geld verloren – auch die Kunden

Normalerweise beginnt jetzt in der dunklen Jahreszeit der große Run der Reisewilligen auf Angebote für den aktuellen Winter- und den kommenden Sommerurlaub. Dass die Neubuchungen derzeit noch weit hinter Normalniveau zurückbleiben, liegt jedoch nicht nur an der unsicheren Perspektive in Bezug auf die Entwicklung der Pandemie in den kommenden Monaten.
 
Etliche Kunden sind frustriert und haben Geld verloren – etwa wenn Veranstalter Insolvenz anmelden mussten oder bei Stornierungen, die nicht durch offizielle Reisewarnungen abgedeckt waren. Wer beispielsweise bei Tui seine Reise zehn Tage vor Antritt auf eigene Faust stornierte, musste immerhin satte 80 Prozent des Gesamtpreises zahlen.
 
Ebenfalls zum Frust der Verbraucher trug das Verhalten des staatlich unterstützten größten deutschen Flugunternehmens Lufthansa bei, das den Ruf einer ganzen Branche nachhaltig geschädigt hat - durch permanente Verschleppung längst fälliger Rückerstattungen in Höhe von vielen hundert Millionen Euro.

Wer übernimmt die Kosten bei Corona-Tests für Reisende? Symbolbild: COVID-19-Teströhrchen, Corona-Maske, Flugzeug, Palmen (Quelle: Imago)
Eine ganze Branche muss sich bewegen

Alleine darauf zu hoffen, dass die Reiselust der Menschen im Sommer durch erfolgreich eingesetzte Impfstoffe wieder zurückkehren wird, bringt den Veranstaltern derzeit wenig. Sie brauchen das Geld jetzt. Denn ohne Buchungen sinkt die Liquidität der Unternehmen – und damit die Aussicht, finanziell gut über den strengen Corona-Winter zu kommen.
 
Aus diesem Grund führen einige Reiseveranstalter nun ihre heilige Kuh zur Schlachtbank und verzichten bei Neubuchungen weitgehend auf Stornogebühren. Wer also jetzt eine Reise für Mitte Juli 2021 bucht, kann unter Umständen bis Ende Juni diese noch kostenfrei stornieren oder umbuchen lassen. Damit fällt das bisher größte Instrument der Reisebranche zur Kundenbindung zumindest für eine gewisse Zeit weg.

Kostenlos stornieren bis kurz vor Reisebeginn

Ein in diesem Zusammenhang durchaus interessantes Angebot bietet der zur REWE-Gruppe gehörende Reiseveranstalter DER Touristik an. Hier gilt für Flugreisen, die zwischen dem 1. und 30. November gebucht werden, eine kostenlose Umbuchungs- und Stornierungsmöglichkeit bis zu zwei Wochen vor Reisebeginn, bzw. sieben Tage vor Reisebeginn bei Eigenanreise.
Ein kostenfreies Umbuchen wird auch für viele Fern- und internationale Reisen angeboten, die vor dem 28.07.2020 gebucht wurden. Die gesamte Aktion gilt für den Reisezeitraum bis Ende Oktober 2021.
 
Neben DER Tour werben auch die zur Unternehmensgruppe gehörenden Anbieter ITS, Jahn Reisen und Meiers Weltreisen mit dem sogenannten Sorglos-Paket.

Zurückhaltung beim Branchen-Primus

Wenn es um Stornierungen geht, denen keine offizielle Reisewarnung zugrunde liegt, zeigt sich dagegen Tui, das größte Unternehmen der Branche, nicht ganz so kulant. Der Veranstalter bietet allerdings noch bis zum Jahresende einen Tarif an, bei dem Reisen bis zum 14. April 2021 bis zu zwei Wochen vor Reiseantritt kostenlos umgebucht werden können. Die bereits gezahlten Beträge werden jedoch nicht zurückgezahlt, sondern in einem Reiseguthaben angelegt, das wiederverwendet werden kann.

Flexibel - aber nur bis zum Frühling

Der Reiseveranstalter Alltours hingegen war einer der ersten, der die Stornierungsbedingungen für sein Segment Alltours-Klassik Reisen änderte. Bei einem Reisebeginn bis zum 21. März 2021 kann noch 14 Tage vor Abreise kostenlos storniert werden.
 
Reisen, die in die Sommersaison zwischen dem 1. April. und 31. Oktober 2021 fallen, können allerdings nur bis Mitte März kostenlos storniert oder umgebucht werden. Dieses Angebot gilt zudem nicht für andere Angebote der Alltours-Gruppe.

Was kann man verlieren?

Noch mehr Flexibilität für ihre Kunden - und damit einen echten Anreiz zum Buchen – bieten Online-Reiseanbieter wie Holiday Check Reisen. Dort kann man bis sechs Tage vor der Anreise kostenfrei stornieren – und das offensichtlich vollkommen ohne Risiko: Denn die Bezahlung der Reise ist auch erst sechs Tage vor Abreise fällig. Diese Möglichkeiten werden jedoch vorerst nur bei Reisen nach Spanien, Ägypten und in die Türkei angeboten.

Das Schild "Reisetraum" an einer Wand (Quelle: dpa)
Genau hinschauen, welche Bedingungen gelten!

Für alle Angebote gilt: Kunden sollten genau prüfen, ob die neuen Umbuchungs- und Stornokonditionen für das Produkt gelten, das sie sich ausgesucht haben. Denn die Veranstalter verweisen zum Teil auf Ausschlusskriterien, wenn die Reise in Zusammenarbeit mit einem Subunternehmen durchgeführt oder unter anderem Label angeboten wird.
 
Eine solche Prüfung sollte auch bei Buchungen über Vermittlungsportale oder Reise-Suchmaschinen vorgenommen werden.

Ein Weg mit Zukunft?

Für Reisewillige ist die Entwicklung hin zu mehr Verbraucherfreundlichkeit ein Meilenstein, der Maßstäbe setzen dürfte. Kaum jemand wird zukünftig auf Flexibilität bei einer Buchung verzichten wollen, wenn es vergleichbare Angebote auch nach diesen zeitlich begrenzten Aktionen gibt.
 
Ein Anreiz für Reiseveranstalter, diese Regelungen beizubehalten und auszubauen dürfte sein, dass Kunden schneller bereit sind zu buchen, wenn ihnen im Fall einer Absage nicht der Verlust von viel Geld droht.
 
Nach der Corona-Krise werden aber wahrscheinlich vor allem Newcomer und kleinere Anbieter mit dem Instrument werben. Die Großen werden sich die gewohnten Gebühren nicht entgehen lassen und stornierte Reisen darüber hinaus noch in ihren Last-Minute-Angeboten zu Geld machen - so wie bisher üblich.