Fast Fashion: ein Schausfenster mit Mode im Ausverkauf (Quelle: imago)
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Mo 07.12.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 6 Minuten - Fast Fashion: Zu schnell für den Planeten!

Die Textilbranche als Klimakiller - und ihre Chancen zur Besserung

Wenn man Menschen fragt, was sie an ihrem täglichen Verhalten ändern können, um den Planeten mit weniger CO2 zu belasten, dann fällt ihnen bestimmt ein, dass man weniger fliegen sollte, weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen. Doch nur wenige kommen auf den Gedanken, dass es helfen könnte, weniger neue Kleidungsstücke zu kaufen.

Das Problem heißt "Fast Fashion"

Fast 226 Milliarden Euro haben die Europäer im vergangenen Jahr für Mode ausgegeben, den Großteil davon für Fast-Fashion-Marken - sogenannt, weil hier in hohem Tempo immer neue Kollektionen angeboten werden. Entsprechend schnelllebig ist auch das Verhältnis vieler Menschen zu ihrer Kleidung: Jeder Deutsche besitzt durchschnittlich 97 Kleidungsstücke und kauft jedes Jahr 17 neue dazu. Schon nach kurzer Zeit haben die meisten Teile ausgedient – weil sie kaputt sind und nicht repariert werden (36 Prozent), oder weil sie nicht mehr gemocht werden, bzw. sowieso nur für einen einmaligen Anlass gekauft wurden (36 Prozent). Hinzu kommen jene Kleidungsstücke, die aussortiert werden, weil sie nicht mehr passen (28 Prozent). Das alles sind Ergebnisse einer Umfrage unter 8.000 Deutschen, die die Unternehmensberatung Kearney im Rahmen einer aktuellen Studie über die Bekleidungsbranche in Auftrag gegeben hat.

Zweitgrößter Umweltverschmutzer der Welt

Die Kosten, die die Bekleidungsbranche durch solche Schnelllebigkeit an Umweltschäden verursacht, beziffert Kearney als immens. Je nach Quellenlage wird davon ausgegangen, dass die Modeindustrie 1,2 bis 1,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Emissionen jährlich produziert – das wäre weit mehr als Luft- und Schifffahrt zusammen und immerhin fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen insgesamt.
Auch der bezifferte Wasserverbrauch ist der Studie zufolge bedenklich: Elf Prozent allen Frischwassers, das für industrielle Zwecke benötigt wird, entfallen demnach auf die Textilindustrie. Beim Herstellungsprozess wird zudem oft mit Öl und giftigen Chemikalien gearbeitet.
Was den meisten Verbrauchern beim regelmäßigen Shopping nicht immer bewusst ist, kritisieren die Vereinten Nationen bereits seit Jahren öffentlich: Die Textilindustrie ist einer der größten Umweltverschmutzer der Welt.

Wo liegen die Ursachen?

Der größte Umweltverschmutzungsfaktor innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette der Bekleidungsindustrie liegt bei Produktion und Vertrieb. Hier kommen 94 Prozent der gesamten CO2-Emissionen zustande. Ein Problem sind dabei die umfangreichen Lieferketten – vor allem bei Zulieferern. Auch der deutsche Gesamtverband Textil und Mode gibt zu bedenken, dass alleine an der Herstellung eines einzelnen Herren-Oberhemdes bis zu 140 Unternehmen in verschiedenen Staaten beteiligt sein können.

Das Bewusstsein wächst

Einige Unternehmen gehen das Problem mittlerweile an und haben entsprechende Initiativen gestartet. Trigema hat sich bereits vor Jahrzehnten dem Trend der Auslandsfertigung entzogen und produziert Kleidung bis heute ausschließlich in Deutschland – und das erfolgreich. Als international breit aufgestelltes Unternehmen optimierte Adidas die Lieferketten und gab an, man habe die CO2-Emissionen zwischen 2012 und 2018 um 12 Prozent reduzieren können, bei Kering (Eigentümer von Gucci, Yves Saint Laurent u.a.) waren es demnach sogar 36 Prozent.

Gibt es keine Regeln?

Um Unternehmen zu mehr ökologischer und sozialer Verantwortung zu bewegen, wurde vor gut einem Jahr der Grüne Knopf vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen. Bislang sind es 55 Firmen, die mit diesem staatlichen Textilsiegel werben. Sie verpflichten sich, eine ganze Reihe ökologischer und sozialer Standards bei Herstellung und Vertrieb einzuhalten. Dazu gehören vor allem das Verbot gefährlicher Chemikalien und Weichmacher sowie mehr Arbeitsschutz durch garantierte Mindestlöhne und die Unterbindung von Kinder- und Zwangsarbeit. Was bei deutschen Produktionsstätten als selbstverständlich gilt, stellt sich bei der Überwachung internationaler Lieferketten oft als große Herausforderung dar, das weiß man auch bei den Initiatoren des Grünen Knopfes.

Der öffentliche Druck wird immer stärker

Greenpeace versucht bereits seit Jahren, die Unternehmen der Textilindustrie zum Umdenken zu bewegen. Bislang haben sich mehr als 80 internationale Firmen aufgrund des immer stärker werdenden Drucks der Detox-My Fashion Kampagne angeschlossen und sich dazu verpflichtet, ihre Produktion transparent zu machen. Darunter sind auch deutsche Firmen, wie Vaude, die sogar öffentlich für ein Lieferkettengesetz eintreten. Bei Greenpeace sieht man diese Unternehmen als Beweis, dass saubere und transparente Lieferketten möglich sind und für alle Unternehmen verpflichtend sein sollten.

Aus alten Fasern neue Kleidung

Um den CO2-Ausstoß der Branche radikal zu reduzieren, fordern sowohl Greenpeace als auch Kearney den Aufbruch zu wirklicher Kreislaufwirtschaft. Global würden derzeit nur ein Prozent aller Textilien wieder zu neuen Stoffen recycelt, drei Viertel der Endverbraucherkleidung dagegen deponiert oder verbrannt, gibt Fair-Fashion-Expertin Viola Wohlgemuth von Greenpeace zu bedenken. Abgesehen von wichtigen Trends wie Second-Hand ist ein industrielles Recycling, bei dem aus alten Fasern neue Kleidung entsteht, noch immer die Ausnahme. Darüber hinaus sieht Greenpeace die Überwachung der Energieeffizienz entlang der Lieferketten und die Nutzung erneuerbarer Energien in der Produktion als unabdingbar an.

Eine düstere Prognose

Dass ein Umdenken einsetzen muss, darüber lassen zumindest die Ergebnisse der Kearney-Studie keinen Zweifel aufkommen: Bei einem Anstieg der Weltbevölkerung auf 8,5 Milliarden in den kommenden zehn Jahren, sei mit einer Erhöhung der CO2-Emissionen in der Textilindustrie um mehr als 60 Prozent zu rechnen. Ein im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens inakzeptabeler Wert.
 
Dennoch sieht man beim deutschen Gesamtverband Textil und Mode vorerst keinen Handlungsbedarf. Hier zweifelt man die in der Studie verwendeten Zahlen an, die die Textilindustrie als großen Klimasünder darstellen - die allerdings auch vom WWF verwendet werden. Verbandsprecherin Petra Diroll verweist dagegen auf andere Übeltäter wie die Bau- und Maschinenbauindustrie, denen man zukünftig sogar zu Einsparungen beim CO2-Ausstoß verhelfe - durch neue innovative Materialen aus Textilfasern.

Die Nachfrage ist da – wo bleibt das Angebot?

Da es nicht zu den vornehmlichen Zielen von Funktionären und Lobbyisten gehört, für Veränderungen innerhalb ihrer eigenen Klientel zu sorgen, liegt es nun an den Unternehmen selbst, auf die Problematik zu reagieren. Bei Greenpeace und den Initiatoren des Grünen Knopfes ist man sich sicher, dass auch die Verbraucher und Verbraucherinnen bereits umdenken und beim bewussten Einkaufen zunehmend auf die Nachhaltigkeit der Produkte achten. So mancher Konsument wird dabei verwundert sein, dass sich das weniger auf den Preis auswirkt als erwartet: Denn das Designer-T-Shirt für 120 Euro kann weniger umweltfreundlich hergestellt worden sein, als das nur 20 Euro teure Hemd mit Gütesiegel beim Discounter.

Gütesiegel – kann man ihnen trauen?

Ein wichtiges Instrument, das mit mehr Transparenz einhergeht ist somit auch die Zertifizierung der Produkte, bestenfalls von offizieller Seite, wie beim Grünen Knopf.
 
Auch die Kearney-Studie listet die 100 größten europäischen Modelabels in einem eigens kreierten Circular-Fashion-Index auf – attestiert jedoch nur dreien ein akzeptables Ergebnis: Levis, The North Face und Patagonia. Würden jedoch auch die anderen 97 Firmen auf das Niveau der Top 3 kommen, so könnten laut Studie im Jahr 2030 fast 50 Prozent der CO2-Emissionen der europäischen Textilbranche eingespart werden.
 
Ganz uneigennützig war die Arbeit an der Studie für Kearney freilich nicht – eröffnet sie doch den "lahmen Enten" der Textilbranche die Möglichkeit, sich von den Unternehmensberatern auf die Sprünge helfen zu lassen, um den Anforderungen von Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit besser gerecht zu werden – und den Ansprüchen des Modemarkts auch in Zukunft zu genügen.