Ein Paketbote in einer Straße mit einer großen Menge von Paketen auf seiner Sackkarre. (Quelle: Imago / Ralph Peters)
Bild: Imago / Ralph Peters

Mo 01.02.2020 | Beitrag | Lesedauer etwa 7 Minuten - Versandhandel: Wo bleibt das Mehrwegpaket?

Ideen für mehr Nachhaltigkeit beim Versand

Wir verschicken immer mehr Pakete. Die Corona-Pandemie hat die Zahl der Lieferungen zwar im März 2020 einbrechen lassen, im April haben Konsumenten allerdings so viel bestellt, dass ein Paketvolumen erreicht wurde, dass es sonst nur in der Vorweihnachtszeit gibt. Und in der erlebt der Onlinehandel den nächsten Boom.
 
Von 2003 bis 2019 hat sich die Anzahl der Sendungen in Deutschland von 1,8 auf mehr als 3,6 Milliarden pro Jahr mehr als verdoppelt. In Zukunft wird die Zahl wohl weiter steigen: Der Bundesverband Paket & Express Logistik rechnet bis 2024 mit einem jährlichen Wachstum um die 4 Prozent.
 
Aber wie lässt sich diese steigende Flut von Paketen nachhaltig bewältigen?

Verbraucher wollen ökologischen Versand

Fast zwei Drittel der Verbraucher in Deutschland wünschen sich laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC einen umweltfreundlichen Paket-Transport. Allerdings ist nur jeder Dritte bereit, dafür mehr zu bezahlen. Nur 10 Prozent der Befragten sehen sich selbst in der Pflicht, umweltfreundliche Lieferungen zu unterstützen. Sie sehen die Verantwortung in erster Linie bei Händlern und Paketdiensten.
 
Lösungen müssen her. Einige Unternehmen verfolgen bereits einen naheliegenden Ansatz. Er lautet: Mehrwegpakete.

RePack - der Mehrweg-Umschlag

RePack wurde vor fast 10 Jahren in Finnland gegründet und konnte seitdem mehrere Preise gewinnen, etwa auch den deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020.

Zu sehen ist ein RePack-Umschlag in Größe M. (Quelle: RePack)
RePack

Re-Pack-Prinzip: Kunden wählen den Versand per RePack im Bestellprozess aus und schicken den RePack-Plastikumschlag nach Erhalt der Ware wieder zurück. Dazu muss man ihn nur in den Briefkasten werfen.
 
Hürden: Viele Anbieter wie Manitober, Eisdieler oder Avoidwaste bieten den RePack-Versand gegen einen Aufpreis von drei Euro an. Im Gegenzug erhalten Kunden beispielsweise einen 10-Euro-Gutschein für den Einkauf in anderen Shops, die RePack verwenden. Sollten Kunden dadurch animiert werden, mehr zu bestellen, ist das wenig nachhaltig. Es gibt aber auch Shops wie Somskat oder Honestli, den den RePack-Versand als kostenlosen Standardversand anbieten. Ein weiteres Problem ist, Kunden klar zu machen, dass sie die erhaltenen Umschläge unbeschädigt zurückschicken müssen. Im Moment schicken nur 50 bis 75 Prozent der Kunden die Umschläge auch wirklich zurück. Außerdem lassen sich zerbrechliche Gegenstände schlecht per RePack versenden, da sie durch den Umschlag nicht ausreichend geschützt sind.

Ökologischer Fußabdruck: Die Herstellung und Rücksendung des Plastikumschlags verbraucht anfangs mehr CO2 als ein Pappkarton. Laut RePack schneidet ihr wiederverwendbarer Umschlag allerdings schon bei der zweiten Benutzung besser ab als ein vergleichbares Einwegpaket - bis zu 20 Sendungen sind pro RePack möglich. Außerdem fällt kein Verpackungsmüll an.
 
Ein weiterer großer Knackpunkt ist allerdings, dass die Umschläge gereinigt werden müssen. Dafür gehen sie erst nach Estland und anschließend zum Onlinehändler. Das verschlechtert die Ökobilanz und ist auch relativ umständlich. Laut Christof Trowitz von RePack, ist das allerdings nur eine Zwischenlösung. "Zunächst benötigen wir das signifikante Geschäft in Deutschland, bevor die Logistik und Reinigung auch nach Deutschland kommen kann.”
 
Ausblick: RePack arbeitet nach eigenen Angaben mittlerweile mit über 130 festen Partnern zusammen, die meisten davon sind allerdings in Skandinaiven und in den Benelux-Ländern. In Deutschland kooperiert das Unternehmen unter anderen mit Otto und Tchibo und baut derzeit Kooperationen aus. "Wir sehen generell eine große Bereitschaft vieler Onlinehändler, auf diesem Feld miteinander zu kooperieren und sich auszutauschen, statt sich miteinander im Wettbewerb zu wähnen. Ein Mehrwegsystem wie RePack kann halt nur gemeinsam aufgebaut werden", so Trowitz. RePack arbeitet außerdem daran, dass Kunden die Umschläge nicht nur per Briefkasten zurückschicken können, sondern auch im Supermarkt oder Kiosk abgeben können.

Memo-Box - die Mehrweg-Versandverpackung

Die Memo-Box ist eine Mehrweg-Versandverpackung, die der Versandhändler Memo seit knapp 12 Jahren einsetzt und die mit dem Blauen Engel ausgezeichnet wurde.

Mehrere memo Boxen in verschiedenen Größen. (Quelle: memo Ag)
memo AG

Box-Prinzip: Memo ist ein Versandhandel für Privat- und Geschäftskunden, der den Fokus auf nachhaltige Produkte legt. Bestellen Kunden bei Memo, können sie den Versand per Karton oder - ohne Zusatzkosten - oder per Memo-Box wählen. Diese Box gibt es in drei verschiedenen Größen. Sie besteht aus recyceltem Plastik und ist relativ robust. Ist die Bestellung angekommen, können Kunden die Box kostenlos per Zusteller oder Paketshop zurückschicken. Dafür haben sie zwei Wochen Zeit. Sie können die Box aber auch für eigene Zwecke behalten. In diesem Fall zahlen Kunden je nach Größe pro Box zwischen 15,95 und 25,95 Euro. Laut Memo nutzt rund ein Viertel aller Kunden dieses Versandsystem regelmäßig.
 
Hürden: Die größte Version der Memo-Box ist 60 cm breit und 32 cm hoch. Richtig große Gegenstände lassen sich also noch nicht versenden. Das Problem, dass Kunden nicht verstehen, dass sie die Boxen zurückschicken müssen, besteht laut Memo nicht. Demnach werden mehr als 90 Prozent der Boxen wieder zurückgeschickt.

Ökologischer Fußabdruck: Laut Memo wurden manche Boxen schon mehr als 250 Mal hin- und hergeschickt. Ob es eine maximale Sendungsanzahl gibt, konnte man bis jetzt nicht feststellen. Kunden können die Memo-Box auch nutzen, um bei Memo gekaufte Wertstoffe wie Tonerpatronen oder CDs zu entsorgen. Dazu müssen sie die Wertstoffe in die Box packen und zurückschicken.
 
Ausblick: Die Box hat sich bei Memo etabliert, und das Interesse der Kunden wächst. Eigentlich wird die Box nur von Memo selbst benutzt, es gibt aber auch zwei kleinere Kunden, die die Box zum Versand nutzen. Laut Claudia Silber, die die Unternehmenskommunikation bei Memo leitet, ist das Unternehmen offen für Anfragen von anderen Versandhändlern, die die Box nutzen wollen. Das könnte bedeuten, dass die Box in Zukunft häufiger bei mehr Unternehmen zum Einsatz kommt. In Produkten wie RePack sieht Silber keine Konkurrenz, sondern begrüßt mehr Versand-Möglichkeiten: "Je mehr Mehrweg-Versandlösungen auf dem Markt sind, desto besser, weil uns Umwelt- und Klimaschutz und Ressourcenschonung sehr wichtig sind."

The Box - das "intelligente" Mehrweg-Paket

The Box ist ein deutsch-französisches Projekt, das mit seinen elektronisch hochaufgerüsteten Paketen 2021 auf den Markt will.

The Box von Living Packets auf einem Küchentisch. (Quelle: Living Packets)
Living Packets

Box-Prinzip: The Box ist eine wiederverwendbare Versandbox. Hersteller ist das deutsch-französische Start-up Living Packets. Bis jetzt gab es The Box nur in Pilotprojekten in Frankreich, etwa mit dem Telekommunikationsunternehmen Orange und der E-Commerce-Plattform Cdiscount. Das Unternehmen plant, im Frühling 2021 an den Start zu gehen. Die Mehrwegboxen sollen dann von Logistikunternehmen und Händlern genutzt werden.
 
Technische Ausstattung: Bei The Box liegt der Fokus neben dem "Mehrweg"-Charakter vor allem auf digitaler Optimierung. Eine integrierte Kamera, Sensoren und ein E-Ink-Display für Unterschriften sind nur ein paar der Features. Mit denen können Logistiker im Verlauf der Lieferkette genaue Daten erheben und so Optimierungsbedarf erkennen. Kunden können per App genauestens verfolgen, wo sich die Lieferung befindet und direkten Kontakt zum Paketdienst aufnehmen.
 
Kosten: Der Hersteller plant mit einem Preis pro Lieferung, der bei rund zwei Euro für eine Standardlieferung liegt. Wenn die Kunden weitere Services nutzen möchten, die den Stromverbrauch erhöhen, fallen höhere Gebühren an.
 
Hürden: Momentan lässt sich die Box in zwei Größen versenden, die laut Mitgründer Fabian Kliem ungefähr 80 Prozent des Warensortiments eines Versandhändlers abdecken. Für die Bestellung einer SD-Karte beispielsweise wäre das Paket aber noch deutlich zu groß. Wie auch bei RePack, müssen Kunden das Prinzip erst verstehen und die Boxen zurückschicken. Kliem rechnet damit, dass im ersten Jahr 30 Prozent der Boxen aus verschiedensten Gründen nicht zurückkommen.

Ökologischer Fußabdruck: Laut Hersteller lässt sich jede Box bis zu 1.000 Mal verwenden. Bei dieser Anzahl von Nutzungen käme The Box im Vergleich zu entsprechend benötigten Pappkartons nach eigenen Berechnungen auf ungefähr ein Viertel der CO2-Emissionen. Im Gegensatz zu den Pappkartons fällt auch hier erstmal kein Müll an. Zusatzpunkt: Wegen eines Haltemechanismus braucht die Box kein Füllmaterial. So könnte insbesondere Plastikmüll vermieden werden.
 
Ausblick: Das Unternehmen produziert derzeit die Boxen. Partnerschaften werden ausgehandelt, konkrete Namen will Living Packets aber noch nicht nennen. Um auch kleinere Gegenstände sinnvoll zu versenden, arbeitet Living Packets bereits an anderen Paketgrößen. Kunden, die ihre Box am Kiosk, Paketshop oder an der Tankstelle abgeben, sollen Belohnungen bekommen. So will das Unternehmen die Rücksendequoten steigern. Kliem hat dabei ein ehrgeiziges Ziel: "Dass die Schwelle, sich der Box wieder zu entledigen, geringer ist, als einen Pappkarton wegzuschmeißen."

Die Mehrweg-Ideen müssen zu den Abläufen passen

Was tun die Paketdienstleister wie DHL, GLS und DPD selbst, um den Versandhandel nachhaltiger zu gestalten? Alle Unternehmen arbeiten nach eigenen Angaben bereits an der Entwicklung von nachhaltigen Verpackungen. Bei DHL prüft man auch schon verschiedene Alternativen in den Betrieben: "So testen wir beispielsweise sowohl alternative Materialien wie auch wiederverwendbare Alternativlösungen. Wichtig ist uns dabei zum einen, den Einsatz von Einweg(plastik)-Materialien zu reduzieren, zum anderen die Qualität der Verpackungen zu erhalten und so Beschädigungen mit negativen Auswirkungen u.a. auf die Umwelt zu vermeiden."
 
Laut GLS haben sich aktuell noch keine Produkte durchgesetzt, da sie schwierig in die Standardprozesse eingebunden werden können und somit höhere Kosten verursachen. Zu größerem Aufwand in der Paketsortierung kommt es beispielsweise schon, wenn ein Paketlabel auf der falschen Seite der Mehrwegbox angebracht wurde. GLS sieht die Verantwortung beim nachhaltigen Versand allerdings auch auf der Seite der Versender.
 
Auch die DPD arbeitet bereits mit Partnern zusammen, um für mehr Nachhaltigkeit und weniger Verpackungsmüll zu sorgen. Ein Pilotprojekt hat das Unternehmen beispielsweise mit dem Bundesliga-Fußballclub Eintracht Frankfurt gestartet. Merchandise-Artikel des Vereins werden künftig in wiederverwendbaren Boxen versandt. Auch DPD bestätigt, dass "Mehrwegbox-Systeme Paketdienstleister und Versender gleichermaßen vor logistische Herausforderungen stellen". Laut DPD spielt bei der nachhaltigen Lieferung auch der Zustellort eine große Rolle. Die Lieferung an einen Paketshop oder an den Arbeitsplatz sei in vielen Fällen umweltschonender als die Haustürzustellung. "Es wäre vor diesem Hintergrund durchaus sinnvoll, dass die Haustürzustellung zukünftig nur noch dort erfolgt, wo sie explizit erwünscht ist."

Wird Mehrweg im Versandhandel zum Standard?

Das Mehrwegpaket ist da, aber bisher nur in Nischen des Onlinehandels. Die große Frage ist: Startet es irgendwann voll durch? Christof Trowitz von RePack glaubt fest daran: "Wir kommen um das 'Mehrweg'-Konzept nicht herum. Es geht letztlich um einen Bewusstseinswandel, ein kollektives Verständnis für den Begriff 'Kreislaufwirtschaft' und dessen ungeheure Wichtigkeit. Unsere Vision ist, dass eines Tages Mehrweg der neue Standard ist."
 
Politischen Druck gibt es auch. In EU-Richtlinien, die den Versandmüll reduzieren sollen, sieht Fabian Kliem von Living Packets eine große Unterstützung. Aber auch Kliem hofft auf mehr Verständnis der Verbraucher: "Ich wünsche mir, dass Menschen mehr Eigenverantwortung übernehmen und sehen, dass wir hier alle im selben Boot, auf demselben Planeten sitzen. Unsere Ressourcen sind endlich und wir teilen sie letzten Endes alle miteinander."