Eine giftige Chemikalie in einer Flasche (Quelle: imago images/Panthermedia)
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Di 10.08.2021 | UPDATE | Beitrag | Lesedauer etwa 6 Minuten - Ethylenoxid: Desinfektionsmittel im Verdickungsmittel

Produkte mit Johannisbrotkernmehl können gesundheitsschädlich sein

UPDATE vom 13.09.21

Aktuelle Meldungen zeigen, dass weiterhin in vielen Produkten das schädigende Ethylenoxid enthalten ist. War es im August der Konzern Mars, der in verschiedenen Eissorten Ethylenoxid verwendet hatte (mehr dazu siehe unten), ist es jetzt der Speiseeishersteller Froneri, ein Joint Venture von Nestlé und RR Icecream. Froneri produziert unter anderem das Markeneis von Smarties, Milka und Kit Kat.
 
Das Unternehmen hat ebenfalls mit Ethylenoxid belastetes Johannisbrotkernmehl verarbeitet und die betroffenen Produkte in Deutschland weiter verkauft. Trotz der Verunreinigung mit dem krebserregenden Stoff hat das Unternehmen auf einen Rückruf verzichtet. Das erklärte Froneri auf Nachfrage der Verbraucherorganisation Foodwatch. Der Hersteller argumentierte, die Zutat sei nur in "äußerst geringen Mengen" verwendet worden. Es sei "äußerst unwahrscheinlich", dass "überhaupt ein Risiko" bestehe.

Unsere Meldung vom 10.08.2021

Problemfall Ethylenoxid: Das Desinfektionsmittel wird in einigen Nicht-EU-Ländern in der Landwirtschaft eingesetzt, auch wenn es als gesundheitsschädlich eingestuft wird: Es steht im Verdacht, sogar bei geringer Konzentration erbgutverändernd und krebserregend zu sein. In der EU ist es seit 1981 verboten, es darf hier nicht in Verkehr gebracht und angewendet werden.
 
Wurden seit Ende 2020 daher diverse Sesam-Produkte aus dem Handel gezogen, die potentiell belastet waren, sorgen nun Lebensmittel, die Johannisbrotkernmehl enthalten, für Sorgen. Denn das Verdickungsmittel, auch als E410 bekannt, soll ebenfalls massenhaft mit dem Desinfektionsmittel belastet sein.
 
Und wenn Sie jetzt denken: Johannisbrotkernmehl ist doch höchstens im Ököbiobrot: Nein, der Zusatzstoff findet sich in massenhaft Lebensmitteln, etwa: Konfitüren, Fleisch- und Backwaren. Oder Eisriegel von Mars. Dazu aber später mehr.

EU-Staaten rufen hunderte Produkte zurück

Die EU hat auf die Ethylenoxid-Häufung der vergangenen Monate reagiert; die Mitgliedsstaaten haben sich im Juli darauf geeinigt, dass Produkte, die belastetes Johannisbrotkernmehl enthalten, öffentlich zurückgerufen werden – auch wenn im Endprodukt die Nachweisgrenze nicht überschritten wird.
 
Doch während viele Mitgliedstaaten nun massenhaft Produkte zurückrufen - allein in Frankreich wurden schon an knapp 2.000 Produkte bzw. Produktchargen zurückgerufen (Stand 8. August 2021) - passiert in Deutschland: wenig. Auf dem Bundesportal Lebensmittelwarnung.de sind in den vergangenen vier Wochen in Deutschland genau fünf Produkte wegen Ethylenoxidgehalts zurückgerufen worden, darunter kein einziges Massenprodukt und keines, bei dem E410 als belastet ausgewiesen wurde.

Foodwatch fordert konsequente Rückrufe

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch macht nun Druck auf Politik und Hersteller. Vor allem das potentiell belastete Speiseeis könnte gerade jetzt im Sommer ein Aufregerthema werden, und Foodwatch nutzt diesen Umstand, um an die zuständigen Behörden zu appellieren: Die Bundesregierung dürfe keinesfalls akzeptieren, dass Lebensmittel verkauft werden, die mit einer krebserregenden Substanz kontaminiert sind. Stattdessen müssten die - in dem Fall zuständigen - Länderministerien ihre Lebensmittelüberwachungsbehörden anweisen, alle Hersteller, die E410 verwenden, zu überprüfen. Rückrufe gegenüber den Unternehmen seien konsequent durchzusetzen, so Foodwatch.

Mega-Aufreger Mars-Eisriegel

Richtig Fahrt kommt allerdings erst jetzt in die Sache. Vergangenen Freitag machte Foodwatch öffentlich, dass bestimmte Eisriegel des Herstellers Mars ebenfalls Ethylenoxid-belastetes E410 beinhalten könnten. So hatte die Organisation Mitte vergangener Woche nach eigenen Aussagen Snickers-Eiscreme bei mehreren deutschen Einzelhändlern entdeckt, die in Schweden bereits am 23. Juli wegen möglicher Ethylenoxid-Belastungen öffentlich zurückgerufen wurden, in Rumänien sogar schon am 17. Juli. In Deutschland würden diese Produkte allerdings mit übereinstimmender Chargen-Kennung weiter vertrieben, so Foodwatch.
 
Der Lebensmittel-Riese Mars sah sich dann doch zum Handeln genötigt. Allerdings nicht dazu, einen Rückruf zu veranlassen. Stattdessen räumte der Konzern gegenüber Foodwatch in einer Stellungnahme ein, dass "Spuren von Ethylenoxid in einer Produktzutat" seiner Eisprodukte enthalten seien. Mars habe "die lokalen Behörden informiert", aber "schlussendlich für Deutschland entschieden, die Produkte nicht aus dem Verkauf zu nehmen", da der Verzehr "nicht schädlich" sei.
 
Eine Behauptung, die im Widerspruch zur Einigung der EU-Staaten steht, wonach "keine sichere Aufnahmemenge" von Ethylenoxid festgelegt werden könne.

Und was machen die Landesbehörden?

Ein dickes Ding, könnte man sagen. Wenn die Snickers-Eisriegel nicht so furchtbar klein wären. Aber bleiben wir beim Kern der Sache: Wieso gibt es keine allumfänglichen Rückrufe? Wieso muss Mars das Produkt nicht sofort vom Markt nehmen?
 
Auf Anfrage von SUPER.MARKT bei verschiedenen zuständigen Landesbehörden, reagieren die Berliner Behörde und das Brandenburger Verbraucherschutzministerium ähnlich.
 
Die Berliner Senatsverwaltung für Verbraucherschutz scheibt uns immerhin, dass die Meldungen über eine Kontamination des Zusatzstoffes E410 (Johannisbrotkernmehl) in Berlin zum Anlass genommen werden, entsprechende Lebensmittel auf Ethylenoxid und 2-Chlorethanol zu untersuchen. "Bisher sind dabei keine Rückstände nachgewiesen worden. Auch liegen hier keine Erkenntnisse darüber vor, dass in Berlin ansässige Hersteller kontaminiertes Johannisbrotkernmehl in ihren Produkten eingesetzt haben."
 
Aus Brandenburg heißt es, dass viele Rückrufe durchaus durch die betreffenden "Lebensmittelunternehmen in eigener Verantwortung entsprechend der einschlägigen Rechtsvorgaben öffentlich kommuniziert und die vollständige Umsetzung dieser Rückrufe durch die zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden der Landkreise und kreisfreien Städte umfänglich überwacht" worden seien. Eine Warnung auf der Plattform Lebensmittelwarnung.de sei allerdings nur dann erforderlich, "wenn andere wirksame Maßnahmen, wie sofortige Rückrufe und eine Information der Öffentlichkeit durch die Wirtschaftsbeteiligten nicht oder nicht rechtzeitig getroffen wurden oder die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht erreichen."
 
Wir haken nach mit der Frage, warum im konkreten Fall Mars noch keine Schritte unternommen wurden. Die Antwort der Brandenburger Behörde: "Beim Hersteller müsste die zuständige Vorortbehörde prüfen, ob in die Ware denn auch belastetes Verdickungsmittel gelangt ist." Dies ist das Landratsamt München. Dort würde entschieden, ob die Ware zurückzurufen sei. "Wir können in Brandenburg nicht alle Waren im Handel zurückrufen nur auf der Annahme beruhend, dass die Zutaten ggf. belastet sind. Dazu braucht es nachvollziehbare Unterlagen/Beweise."
 
Vom Landratsamt München bekommen wir auch Auskunft: Am 4. August sei die Schnellwarnung dort ins System eingegangen, woraufhin das Landratsamt umgehend auf die Firma zugegangen sei. Daraufhin habe die Fa. Mars GmbH eine Stellungnahme abgegeben, und dargelegt, dass eine deutschlandweit einheitliche Regelung gefunden werden sollte. Das Landratsamt habe sich dann mit den übergeordneten Behörden abgestimmt, mit dem Ergebnis, "dass die etwaige Anordnung einer Rücknahme von den Kontrollergebnissen des Speiseeises abhängig zu machen sei (u. a. Ziehung amtlicher Proben). Hintergrund ist, dass bislang nicht das Speiseeis selbst, sondern nur die im Speiseeis verwendete Stabilisatorenmischung beprobt wurde." Eine Behörde im Wartemodus, so scheint es.

Hintergrund des gesundheitsschädlichen Rumgeeiere

Die Krux an der ganzen Sache: Laut EU-Recht gibt es einen geltenden Grenzwert für Ethylenoxid-Belastungen. Die neuen Vorgaben aus dem Juli, auf die sich die Mitgliedstaaten geeinigt hatten, sind rechtlich nicht bindend, sie sind lediglich "Vorgaben" - so kann Deutschland den Sonderweg Ethylenoxid gehen.

Mars lenkt ein

Immerhin: Hersteller Mars hat am 10. August nun doch einen Rückruf gestartet. Nach tagelangem Lavieren heißt es plötzlich von Seiten des Unternehmens "Wir wurden von einem Lieferanten über Spuren von Ethylenoxid (ETO) in einer für unsere Eiscremefabrik in Frankreich gelieferten Produktzutat informiert. Der Verzehr der betroffenen Produkte ist nicht schädlich: Wir verwenden nur eine sehr geringe Menge der Zutat (Johannisbrotkernmehl) in unseren Eiscreme-Rezepturen. Daher ist der Gehalt an ETO in den fertigen Eiscreme-Produkten minimal."
 
Es habe an keiner Stelle eine Gefahr für die Verbraucher bestanden. Außerdem folge man immer der Empfehlung der jeweils verantwortlichen Behörde, und: "Für Deutschland liegt bisher keine einheitliche Bewertung der zuständigen Behörden der 16 Bundesländer vor, deren Einschätzung hier maßgeblich ist." Die Verantwortung sieht der Lebensmittelriese offenbar nicht bei sich. Und warum auch? Es gibt genügend andere Stellen, denen man die Verantwortung zuschieben kann.
 
Wer jetzt zur Supermarkt-Eistruhe seines Vertrauens geht, um zum Beispiel ein leckeres Speiseeis zu kaufen, kann sich also sicher sein, gleich sein Eis ohne Ethylenoxid zu schlecken? Mitnichten. Wie der Fall Mars eindrücklich belegt.

Die betroffenen Chargennummern der Eisriegel

  • SNICKERS Ice cream bar, 6-Pack Box
    - EAN/ GTIN: 5000159344081
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.10.2022; 30.11.2022; 31.01.2023; 28.02.2023; 31.03.2023; 30.04.2023
 
  • SNICKERS Ice cream bar, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159460873
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.10.2022; 30.11.2022; 31.12.2022; 31.01.2023; 31.03.2023; 30.04.2023
 
  • SNICKERS CRISP Ice cream bar, 6-Pack Box
    - EAN/ GTIN: 5000159526074
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 30.11.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 30.04.2023
 
  • SNICKERS CRISP Ice cream bar, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159526128
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 30.11.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 30.04.2023
 
  • SNICKERS WHITE Ice cream bar, 6-Pack Box
    - EAN/ GTIN: 5000159509626
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.12.2022; 28.02.2023; 31.03.2023
 
  • SNICKERS WHITE Ice cream bar, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159509664
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.12.2022; 28.02.2023
 
  • BOUNTY Ice cream bar, 6-Pack Box
    - EAN/ GTIN: 5000159483056
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 28.02.2022; 31.03.2022; 30.04.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 31.03.2023;
    30.04.2023
 
  • BOUNTY Ice cream bar, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159483032
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 28.02.2022; 30.04.2022; 31.10.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 30.04.2023
 
  • TWIX Ice cream bar, 6-Pack Box
    - EAN/ GTIN: 5000159484688
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.10.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 31.03.2023; 30.04.2023
 
  • TWIX Ice cream bar, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159484633
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.03.2022; 30.04.2022; 31.12.2022; 28.02.2023; 30.04.2023
 
  • MM's choco Ice cream stick Stieleis, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159509367
    - Mindesthaltbarkeitsdatum: 31.01.2023
 
  • MM's peanut Ice cream Stieleis, Single
    - EAN/ GTIN: 5000159509343
    - Mindesthaltbarkeitsdaten: 31.08.2021; 31.10.2021; 31.05.2022; 31.07.2022
 
"Keine anderen als die genannten Eis-Marken mit den entsprechenden Produktbeschreibungen und MHDs sind betroffen", so Mars.