Wiesenhof wirbt künftig nicht mehr mit "klimaneutralen" Produkten (Quelle: IMAGO / Reichwein)
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Mi 15.06.2022 | Beitrag | Lesedauer etwa 4 Minuten - Wiesenhof: Aus für die "klimaneutral"-Werbung

Immer mehr Artikel werden mit dem Label "klimaneutral" beworben, darunter auch Fleischprodukte. Das sei irreführend, mahnt Verbraucherorganisation Foodwatch und erzielt einen ersten Erfolg.

War es vor einigen Jahren noch schwierig, pflanzliche Alternativen außer Tofu und vielleicht Seitan in Supermärkten zu finden, sind die Regale inzwischen voll mit Fleischersatzprodukten. Wurst, Käse, Schnitzel - all das gibt es auch ohne tierische Inhaltsstoffe, geschmacklich oft kaum vom Original zu unterscheiden. Für das Klima sind solche Produkte in der Regel um einiges besser. Aber auch Hersteller von klassischen Fleischprodukten springen auf den Klimaschutz-Zug auf und bewerben Artikel gerne mit dem Spruch "klimaneutral". Im Falle des größten deutschen Geflügelproduzenten zu Unrecht, wie Foodwatch mahnte und nun diese Werbung erstmal stoppte.

Stopp von irreführender Werbung

Klimaneutrale Bratwürste und Hähnchen, damit hatten bisher unter anderem Wiesenhof und Bruzzler geworben, die zu Deutschlands größtem Geflügelproduzenten, der PHW-Gruppe gehören. Doch damit ist nun Schluss. Nach Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch handelt es sich dabei um Irreführung, deswegen hatte sie PHW abgemahnt. Mit Erfolg, denn das Unternehmen wird Fleischprodukte nicht länger als "klimaneutral" vermarkten.
 
Tatsächlich werde vor allem das Hähnchenbrustfilet nicht emissionsfrei hergestellt. Vielmehr sollten die Emissionen lediglich mit zugekauften Klima-Zertifikaten ausgeglichen werden. Die Kompensationsprojekte könnten den Ausgleich der Emissionen jedoch nicht garantieren, argumentierte Foodwatch. Die PHW-Gruppe erklärte demnach in einem Schreiben an die Verbraucherorganisation, bis zum 1. Juli dieses Jahres aus der Kompensation ihrer Produkte mit CO2-Zertifikaten auszusteigen.

Foodwatch: "dreistes Greenwashing"

"Wenn ausgerechnet Fleisch als besonders klimafreundlich beworben wird, zeigt das deutlich, wie irreführend Klimalabels sind", erklärte Manuel Wiemann von Foodwatch. Es sei "gut, dass Wiesenhof die Klimalüge auf dem Hähnchenfleisch stoppt", fügte er hinzu. Denn immer mehr Produkte im Supermarkt schmückten sich mit Klimawerbung, kritisierte er. In den meisten Fällen sei dies "dreistes Greenwashing". Die Bundesregierung müsse sich in Brüssel deshalb "für konsequente Gesetze gegen irreführende Klima-Versprechen einsetzen".
 
Nach Angaben von Foodwatch entfallen drei Viertel aller Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft auf die Tierhaltung. Es sei deshalb grundsätzlich irreführend, Fleisch als "klimaneutral" zu bewerben. Zudem sei bei Klimawerbung für die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Regel nicht ersichtlich, ob die Hersteller den eigenen Treibhausgas-Ausstoß ernsthaft reduzierten.

Kompensationsprojekte nur "Ablasshandel"?

Viele Unternehmen rechneten ihre Produkte mit Hilfe von Kompensationsprojekten im globalen Süden klimafreundlich. Dieser "Ablasshandel" sei kritisch zu bewerten, erklärte Foodwatch weiter. Denn die bei der Produktion entstehenden Emissionen würden dadurch nicht rückgängig gemacht. Außerdem sei fraglich, wie langfristig die Projekte CO2 binden könnten: Laut einer Studie des Öko-Instituts könnten nur zwei Prozent der Projekte ihre versprochene Klimaschutzwirkung "sehr wahrscheinlich" einhalten.
 
Seit 2020 hatte die PHW-Gruppe mit "100% Klimaneutralität" geworben. Bereits im Februar 2022 hatte das Landgericht Oldenburg Wiesenhof untersagt, mit der Aussage "klimaneutral" zu werben, da dieser unlauter sei. Auch der Bundesgerichtshof (BGH) hatte bereits Abmahnungen aufgrund unlauterer Werbung ausgesprochen.

Beitrag von DB mit Material von AFP